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Aufklärung in Unternehmen nötig Rassismus? Aber hier doch nicht!

Exklusiv
Demonstrationen gegen Rassismus, wie hier vor drei Jahren in Berlin, gibt es in Deutschland immer wieder. Am Arbeitsplatz aber setzen sich die wenigsten für mehr Vielfalt ein. Quelle: dpa

Nachteile im Job allein aufgrund der Hautfarbe? Das ist in deutschen Unternehmen keine Seltenheit. Aber die Bereitschaft, dagegen etwas zu tun, ist offenbar kaum vorhanden. Das könnte fatale Folgen haben.

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Als der schwarze Amerikaner George Floyd im Frühjahr von einem Polizisten getötet wurde, gingen nicht nur in den USA aus Protest viele Menschen auf die Straße. Auch in Deutschland wurde der Ruf, etwas gegen den strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft zu tun, lauter. Doch die Entschlossenheit, sich auch im Arbeitsalltag für echte Vielfalt einzusetzen, ist offenbar deutlich geringer, als solche Demonstrationen glauben machen. Das zeigt eine gemeinsame Umfrage des Vereins „Gesicht zeigen!“ mit der Unternehmensberatung EY sowie dem Markforschungsunternehmen Civey, die der WirtschaftsWoche vorliegt.

Mehr als jeder Dritte sagte demnach, dass es ihm nicht wichtig sei, sich gegen Rassismus einzusetzen. Fast ein Drittel der Beschäftigten gab zudem an, bei rassistischen Vorfällen in ihrem Unternehmen nicht sofort ihre Vorgesetzten zu informieren. Die Mehrheit der Deutschen ist sich nicht einmal bewusst, welche Nachteile Menschen wegen ihrer Hautfarbe im Job erfahren: Mehr als 70 Prozent der Befragten gaben an, am Arbeitsplatz noch nie eine rassistische Diskriminierung von Kollegen erlebt zu haben. Dabei sind solche Ungerechtigkeiten, wenn man die potenziell Betroffenen selbst befragt, keine Seltenheit in deutschen Unternehmen: Jeder fünfte fremd aussehende Mensch wurde hierzulande im Job schon aufgrund seiner ethnischen Herkunft diskriminiert.

Rassismus, sagt Rebecca Weis, Geschäftsführerin von „Gesicht zeigen!“, sei nach wie vor eher ein Thema für jene, die darunter leiden, als für die Gesellschaft als Ganzes. „Dadurch erklärt sich eine gewisse Abwehrhaltung der Mehrheitsgesellschaft, setzt doch die Beschäftigung mit Rassismus immer eine kritische Selbstreflektion voraus.“ Sich seiner eigenen Privilegien bewusst zu werden, sei keine leichte Aufgabe. Deshalb brauche es dringend Aufklärungsarbeit.

Die Befragung wurde online im Sommer dieses Jahres in zwei Wellen durchgeführt: In einem ersten Schritt wurden 5000 Deutsche ab 18 Jahren zu verschiedenen Aspekten von Rassismus und einem möglichen Engagement dagegen befragt. Basierend auf diesen Erkenntnissen folgte eine zweite Erhebung zu Rassismus am Arbeitsplatz unter Beschäftigten, Führungskräften sowie von Rassismus Betroffenen. Es ist eines der umfassendsten Stimmungsbilder zu der Frage, wie verbreitet Rassismus in deutschen Unternehmen ist.

Politik am Arbeitsplatz tabu

So gering offenbar das eigene Engagement gegen Rassismus ausgeprägt ist, so groß ist der Anspruch an den Arbeitgeber: 57 Prozent der Befragten sagten, sie würden sich wünschen, dass ihr Unternehmen öffentlich klarer Stellung gegen Rassismus bezieht. 52 Prozent sind der Auffassung, dass sich die deutsche Wirtschaft nicht genug für Vielfalt und Respekt einsetzt. Offenbar schieben viele die Verantwortung gerne ab – statt selbst etwas zu tun.

Zumal in den wenigsten Unternehmen eine Atmosphäre zu herrschen scheint, die Mitarbeiter ermutigt, auch mal gegen einen fremdenfeindlichen Spruch oder eine Benachteiligung bei Beförderungen die Stimme zu erheben. Die Frage, ob in ihren Unternehmen offen über Rassismus gesprochen wird, verneinten 45 Prozent. Auch andere aktuelle politische Themen scheinen im Arbeitsalltag eher tabu. Und fast jeder fünfte Beschäftigte fürchtet, dass sich Nachteile am Arbeitsplatz ergeben könnten, wenn er sich gegen Rassismus einsetzt.

Viele vermissen einen Ansprechpartner

„Das macht deutlich, welche Rolle Unternehmen beim Einsatz gegen Rassismus zukommt: Es ist eben nicht nur jeder Einzelne gefragt. Arbeitgeber haben auch eine Verantwortung, etwa indem sie mit speziellen Schulungen die Belegschaft sensibilisieren oder Ansprechpartner für Probleme benennen“, sagt Judith Klose von Civey. Knapp 27 Prozent der Beschäftigten sagten, dass es in ihrem Unternehmen niemanden gebe, an den sie sich bei rassistischen Vorfällen wenden können. Weis empfiehlt Unternehmen die Erarbeitung eines Leitbildes, idealerweise zusammen mit der Belegschaft. „Bei Einstellungsprozessen sollte dringend auf Diversität geachtet werden bis in alle Ebenen, auch die Führungsebene“, sagt die Geschäftsführerin von „Gesicht zeigen!“.


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Dabei zeigt die Umfrage auch, dass mehr Engagement gegen Rassismus für die deutschen Unternehmen langfristig sogar nötig sein dürfte: 57 Prozent der Beschäftigten gaben an, dass sich rechtsextreme Vorkommnisse negativ auf den jeweiligen Wirtschaftsstandort auswirken. Mit anderen Worten: Wer nichts gegen die Ursachen für Rassismus tut, der riskiert, dass ihm Talente, Investoren und Geschäftspartner verloren gehen.

Sie wollen wissen, was Unternehmen für mehr Vielfalt tun? Antworten auf diese Frage gibt es beim Shift Summit, den die WirtschaftsWoche am 29.10. von 14.30 bis 18 Uhr mit austrägt - und im Livestream überträgt.

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