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Migration auf dem Arbeitsmarkt„Wir müssen anfangen, diesen Menschen tatsächlich die gleichen Chancen zu geben“

In den vergangenen Tagen wurde viel über Abschiebungen geredet. Dabei sind in Deutschland 1,7 Millionen Stellen unbesetzt. Wie können es Unternehmen schaffen, dass die Integration von Zuwanderern gelingt?Anabel Schröter 31.08.2024 - 10:26 Uhr

Beim Summer-Camp der WirtschaftsWoche sprachen Varinia Bernau, Narku Laing, Mirjam Ferrari und Amir Kassaei darüber, wie Integration auf dem Arbeitsmarkt gelingen kann.

Foto: WirtschaftsWoche

„Die Unternehmen können mitmachen oder untergehen. Ich bin da relativ entspannt. Denn die Unternehmen, die sich beteiligen, werden volle Häuser haben, und die, die sich nicht beteiligen, werden keine Arbeitskräfte mehr finden“, sagt Narku Laing, Gründer und Geschäftsführer der Diversity-Beratung Vielfaltsprojekte. Er unterstützt Firmen bei den Themen Vielfalt, Migration und Integration.

In Deutschland laufe einiges schief, sagt er: Menschen, die derzeit in Flüchtlingsheimen leben, dürften nicht arbeiten oder studieren. Die Sprachkurse seien voll. Laing fordert daher: „Wir müssen die Regeln grundlegend ändern und wir müssen diese gerechter machen. Und wir müssen anfangen, diesen Menschen tatsächlich die gleichen Chancen zu geben.“

In den vergangenen Tagen ist das Thema Vielfalt im betrieblichen Kontext verstärkt auf die Tagesordnung gerückt. Denn in Sachsen, Thüringen und Brandenburg stehen Landtagswahlen an. Mit der Kampagne „Made in Germany, Made by Vielfalt“ positionieren sich Familienunternehmen deutschlandweit für mehr Toleranz und Weltoffenheit in der Gesellschaft.

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Das gefällt nicht allen: Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Sömmerda bei Erfurt wetterte AfD-Landeschef Björn Höcke gegen die Kampagne. Er warf den beteiligten Unternehmen „Heuchelei“ vor und sagte, er hoffe, dass die hinter der Kampagne stehenden Unternehmen in „schwere, schwere wirtschaftliche Turbulenzen“ gerieten.

Die Reaktionen auf Höckes Äußerungen ließen nicht lange auf sich warten. Die IT-Unternehmerin Milen Volkmar kommentierte auf LinkedIn: „Wir haben die Wahl darüber, ob wir extremen rechten Meinungen die Stirn bieten oder diesen undemokratischen Denkweisen das Feld überlassen.“ Auch der Verband der Familienunternehmer in Thüringen bezog Stellung. Landesvorsitzende Colette Boos-John sagte: „Thüringen steht bei dieser Landtagswahl an der Abbruchkante zur wirtschaftlichen Katastrophe.“

Denn die deutsche Wirtschaft sei auf Zuwanderung angewiesen. Derzeit sind rund 1,7 Millionen Stellen unbesetzt. Nach Angaben des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) gab es im Dezember für 533.000 dieser Stellen rein rechnerisch keine geeignete Arbeitskraft. Wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen, wird sich der Fachkräftemangel weiter verschärfen. Nach einer Berechnung des IW könnten sich die Kosten des Fachkräftemangels bis 2027 auf 74 Milliarden Euro summieren.

„Geflüchtete müssen Sprachkurse besuchen können“

Eine Lösung, um die Lücke zu schließen: qualifizierte Zuwanderung. Mit dem beschlossenen Fachkräfteeinwanderungsgesetz können Unternehmen zum Beispiel die neue Anerkennungspartnerschaft nutzen. Der öffentliche Diskurs dreht sich jedoch weniger um Integration als um das Thema Abschiebung. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) forderte im vergangenen Jahr „Abschiebungen im großen Stil“. Im Januar fand ein Geheimtreffen von Unternehmern mit AfD- und CDU-Politikern statt. Dabei wurde über sogenannte „Remigrationspläne“ gesprochen.

Diversity-Berater Laing sieht genau in diesen Debatten eines der Grundprobleme. Denn darüber geraten die wichtigen Fragen in den Hintergrund. „Wir brauchen ganz pragmatische Dinge in der Unternehmenswelt. Wir brauchen die Möglichkeit, dass ein Jude, der bei DHL arbeitet, an Jom Kippur frei hat“, sagt er beim „Summer Camp“-Event der WirtschaftsWoche und dem Handelsblatt in München. „Wir brauchen die Maßnahme, dass die Geflüchteten Sprachkurse besuchen können.“

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Er selbst erlebe immer wieder, dass Deutschland bei der Integration hinterherhinke. Während er in den Niederlanden oder Frankreich immer in der Landessprache angesprochen werde, spreche ihn in Deutschland niemand auf Deutsch an. „Niemand spricht Deutsch mit mir, die sehen einen großen schwarzen Mann im Anzug und denken, das muss ein Amerikaner oder ein afrikanischer Bischof sein“, erklärt er.

Auch Amir Kassaei, Unternehmer und Gründer, kennt dieses Gefühl: „Obwohl ich ein Paradebeispiel für Migration bin und ein recht erfolgreiches Leben hinter mir habe, erlebe ich immer noch Rassismus“, sagt er. Kassaei floh mit 15 Jahren allein aus dem Iran nach Österreich. Er hat einen österreichischen Pass, kennt die deutsche Gesellschaft und lebt heute in Spanien.

Im Gegensatz zu Deutschland sind die demografischen Probleme dort kleiner. Während hierzulande nicht genügend Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten, um die unbesetzten Lücken der Babyboomer zu füllen, entsteht dort nur vereinzelt ein Arbeitskraftmangel. Und auch bei der Migration steht das Mittelmeerland besser da. Spanien hat viele hochqualifizierte Fachkräfte aus Südamerika angeworben. Die Unternehmen haben sich auf die Arbeitskräfte aus dem Ausland eingestellt – so wird im Arbeitskontext viel auf Englisch kommuniziert.

Sprachlern-App, um Hürde zu überwinden

Deutschland hat rund zwei Millionen Menschen in den vergangenen Jahren aufgenommen – darunter rund eine Million Geflüchtete aus der Ukraine. Obwohl sie hierzulande arbeiten dürfen und über berufliche Qualifikationen verfügen, sind fast eine halbe Million Geflüchtete arbeitslos. Eine große Rolle dabei spielt die Sprache. Sie stellt in Deutschland oftmals eine Hürde auf dem Arbeitsmarkt dar. Bei DHL wurde deshalb eine Sprachlern-App entwickelt, die den Menschen dort das Fachvokabular für den Arbeitsalltag beibringt.

„Es kommen viele Menschen zu uns, die einfach keine Sprachkenntnisse haben, die keine gute Ausbildung haben, und da sind wir mit unseren Jobs Chancengeber“, sagt Mirjam Ferrari, HR-Managerin bei DHL. Sie plädiert dafür, dass Unternehmen den Menschen die Möglichkeit geben, die Sprache zu lernen – nur so können sie gut Fuß fassen.

Zuwanderung und Vielfalt können der deutschen Wirtschaft nicht nur helfen, den Fachkräftemangel zu beheben, sondern auch weitere Vorteile bringen. So erklärt Ferrari: „Diese Vielfalt hilft uns nicht nur, weil sie uns Arbeitskräfte bringt, sondern auch, weil sie uns einen ganz anderen Blick auf die Unternehmenskultur ermöglicht.“

Lesen Sie auch: Vielfalt-Kampagne erhält nach Höckes Mittelstandsattacke starken Zulauf

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