Arbeitszeit: Nach der Sechs-Tage-Woche kommt jetzt der 13-Stunden-Tag in Griechenland
Niemand in der Europäischen Union arbeitet so viel wie die Griechen, wenn es nach den Daten der OECD geht. Zugleich sind dort Hunderttausende Stellen unbesetzt. Mehrarbeit soll diese Lücke schließen. Nach der Einführung der Sechs-Tage-Woche im vergangenen Jahr sagt die griechische Regierung dem Fachkräftemangel nun mit flexiblen Arbeitszeitregelungen den Kampf an.
Arbeits- und Sozialministerin Niki Kerameos plant, dem Parlament im September einen entsprechenden Gesetzentwurf vorzulegen. Darin vorgesehen: 13-Stunden-Tage, kurzzeitige Jobeinstiege per App – und die Einführung der Vier-Tage-Woche.
Konzepte, die auch in Deutschland diskutiert werden. Hierzulande fordern viele Arbeitnehmer eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Währenddessen sprechen Politiker und Arbeitgeber von längeren Arbeitszeiten und der Abschaffung des Acht-Stunden-Tags.
13-Stunden-Tag soll Tourismusbranche entlasten
Laut dem Gesetzesentwurf soll es in Griechenland bei einer Regelarbeitszeit von 40 Stunden pro Woche bleiben – dabei sind pro Woche acht Überstunden erlaubt. Die Wochenarbeitszeit in Griechenland wird dabei im Durchschnitt pro Quartal berechnet. Dadurch ist es möglich, nach Bedarf in einigen Wochen mal mehr oder weniger zu arbeiten. Mit dem neuen Entwurf sollen sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber auf tägliche Arbeitszeiten von bis zu 13 Stunden verständigen können.
Da die maximale Anzahl der Überstunden auf 150 gedeckelt ist, sind maximal 37 dieser 13-Stunden-Tage im Jahr möglich. Vor allem in der Gastronomie- und der Tourismusbranche soll das Gesetz den Arbeitskräftemangel bekämpfen. Denn der griechische Tourismus boomt seit Jahren.
Auch für die Arbeitnehmer sollen sich die langen Arbeitstage lohnen. Arbeit, die über den Acht-Stunden-Tag hinausgeht, wird mit einem Zuschlag von 40 Prozent vergütet. Zudem stehen ihnen ununterbrochene Ruhezeiten von elf Stunden zu. Einmal in der Woche ist eine Pause von 24 Stunden verpflichtend.
Vier-Tage-Woche und trotzdem 40 Stunden
Für mehr Flexibilität für Arbeitnehmer soll dahingehend die Vier-Tage-Woche sorgen. Sie soll ebenfalls mit dem neuen Gesetz eingeführt werden. Allerdings nicht mit reduzierter Arbeitszeit wie in Deutschland, sondern mit jeweils zehn Stunden pro Tag.
Auch eine App soll für mehr Flexibilität sorgen. Mit ihr sollen Unternehmen künftig Beschäftigte für einige Tage befristet einstellen können. Das soll die Schattenökonomie in Griechenland reduzieren.
Bereits im vergangenen Jahr führte Griechenland die Sechs-Tage-Woche ein. Das Ganze erfolgt auf Freiwilligenbasis. Heißt: Wer mehr arbeiten möchte, der kann das problemlos machen. Für den sechsten Tag gibt es zusätzlich üppige Gehaltsaufschläge: 40 Prozent gibt es für den zusätzlichen Arbeitstag, wenn es ein regulärer Werktag ist. An Sonn- und Feiertagen erhalten die Arbeitnehmer 115 Prozent mehr Gehalt.
„Im Alltag holt das Gesetz etwas nach, was für viele Menschen bereits Realität ohne Rechtsgrundlage war“, erklärt Ökonom und Griechenland-Experte Jens Bastian von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Denn bereits vor der Einführung der Sechs-Tage-Woche arbeiteten viele Griechinnen und Griechen in zwei Jobs. Der Grund: hohe Lebenserhaltungskosten, geringe Lohnentwicklungen und hohe Inflation.
Mehrarbeit gegen Fachkräftemangel
Doch wieso versucht die griechische Regierung dann, die Bevölkerung mit weiteren Maßnahmen zu mehr Mehrarbeit zu bewegen? Kurzum: der Kampf gegen den Fachkräftemangel. In Hellas fehlt es ähnlich wie in Deutschland an qualifizierten Arbeitskräften. In den vergangenen Jahren haben viele junge Menschen das Land verlassen. Die Zukunftsaussichten sind oft zu schlecht.
Neben der Migration von ausländischen Fachkräften soll auch Mehrarbeit die Lücken auf dem Arbeitsmarkt stopfen. Zwar sanken die Arbeitslosenzahlen in Griechenland nach der Finanzkrise stetig. Im Mai lag die Quote mit 7,9 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit 2008. Allerdings liegt die Zahl damit immer noch deutlich über dem EU-Durchschnitt von 5,9 Prozent.
Laut der griechischen Statistikbehörde Elstat waren zuletzt mehr als 370.000 Menschen als arbeitslos gemeldet. Derweil meldet die Wirtschaft rund 300.000 offene Stellen. Das Problem: Viele der Erwerbslosen sind nicht vermittelbar.
Vor allem fehlt es in Griechenland an Fachkräften für den Energiesektor, die IT- und Telekommunikationsbranche, Logistikunternehmen und im Gesundheitswesen. Auch im Gastgewerbe fehlen Tausende Arbeitskräfte.
Ob Beschäftigte durch Mehrarbeit und Gehaltszuschläge den notwendigen Arbeitsantrieb erhalten, ist zweifelhaft. Denn eine Umfrage des griechischen Jobportals Kariera.gr zeigt, dass 55 Prozent der Jobsuchenden eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich bevorzugen. Die restlichen Befragten sehnen sich nach einer Lohnerhöhung bei einer Fünf-Tage-Woche.