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Paare in der Pandemie Diesen Einfluss haben Corona, Geld und Psyche auf Beziehungen

Paare vor der Trennung: Welche Rolle spielen Geld und Psyche? Quelle: imago images

Viele Beziehungen werden während der Coronakrise auf die Probe gestellt. Gesundheitsökonom Christian Bünnings hat untersucht, wie sich psychische oder körperliche Leiden auf eine Partnerschaft auswirken – und welche Rolle Geld bei Trennungen spielt.

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Der Volkswirt Christian Bünnings hat mit Kollegen umfangreiche soziale und wirtschaftliche Daten von mehr als 10.000 Paaren in Deutschland ausgewertet, die über Jahre im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) gesammelt worden sind. Dabei hat der Gesundheitsökonom vom RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung gefragt, wie sich psychische oder körperliche Leiden auf eine Partnerschaft auswirken.

WirtschaftsWoche: Herr Bünnings, Sie sind Volkswirt und haben untersucht, wie sich Krankheiten, speziell psychische Leiden, auf eine Partnerschaft auswirken – ein Thema, das in gerade in der Coronakrise an Aktualität gewonnen hat. Warum beschäftigen Sie sich als Ökonom mit diesem Thema?
Wir interpretieren Partnerschaften als eine Art Versicherung. Man erzielt gemeinsames Einkommen, aber man sichert sich auch gegenseitig informell ab für schlechte Zeiten, auch für gesundheitliche Krisen.

Welche Folgen haben der Stress und das „Aufeinanderhocken“ in der Isolation auf Paare?
Wir haben gefragt, welchen Einfluss die Gesundheit auf Beziehungen hat. Wir hatten noch keine Daten aus der Zeit der Coronapandemie. Aber grundsätzlich stellen wir fest, dass psychische Probleme oder psychische Gesundheitsschocks negative Folgen für eine Partnerschaft haben.

Lässt sich das genauer beschreiben?
Wenn einer von beiden einen solchen Schock erleidet – und dazu zählen messbare Einbrüche beim Wohlbefinden und deutliche psychische Beeinträchtigungen – dann wird eine Trennung in den nächsten zwei Jahren doppelt so wahrscheinlich. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen, ob ein Mann oder eine Frau betroffen sind, ob die Leute verheiratet sind oder nicht, ob sie eine klassische Ehe führen oder eine homosexuelle Beziehung.

Wann wird die Partnerschaft als gegenseitige Versicherung bei gesundheitlichen Krisen brüchig?
Eine Partnerschaft wird offenbar vor allem bei psychischen Problemen eines Partners brüchig, während sie bei körperlichen Beeinträchtigungen zu funktionieren scheint. Wir können zwar nicht sagen, welche psychischen oder körperlichen Krankheiten das im Einzelnen sind. In den Daten ist aber durch eine ganze Reihe Fragen herauszulesen, wann sich das Wohlbefinden eines oder beider Partner drastisch verschlechtert und ob physische oder psychische Probleme zu Grunde liegen.

Partnerschaften scheinen bei körperlichen Leiden nicht annähernd so brüchig zu werden wie bei seelischen. Was haben Sie da im Vergleich herausgefunden?
Wenn einer von beiden einen physischen Schock erleidet, also eine akute körperliche Einschränkung, dann sehen wir quasi keine Folgen auf den Fortbestand der Beziehung. Wenn beide körperlich erkranken, kann das sogar stabilisierend auf die Partnerschaft wirken.

Wie erklären Sie das?
Eine Erklärung könnte sein, dass die Auswirkungen auf den anderen Partner bei psychischen Problemen derart groß sind, dass der Gesunde möglicherweise die Beziehung beenden will. Das kann so sein, auch wenn er oder sie selbstlos in der Beziehung handeln will. Oft sind Angehörige selbst irgendwann psychisch beeinträchtigt, weil der Alltag sehr belastend und aufreibend sein kann. Es kann aber auch sein, dass es Angehörigen schwerer fällt, Verständnis für Krankheiten aufzubringen, die schwerer zu durchschauen sind. Im widrigsten Fall zeigen die Kranken nicht mal Dankbarkeit für den Einsatz. Diese Interpretation geht aber über die reinen Daten hinaus, die wir auswerten konnten.

Geht der gesunde einer Beziehung eher, wenn er mehr Geld verdient als der/die andere PartnerIn?
Das könnte man tatsächlich vermuten, weil die Anreize, eine schwierige Situation durchzustehen, für den wirtschaftlich stärkeren Partner geringer sein könnten. Interessanterweise lassen unsere Ergebnisse diesen Schluss nicht zu, die ökonomische Situation des Partners hat keinen signifikanten Einfluss auf eine Trennung.


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Sie schauen auf Partnerschaft als informelle Versicherung. Nach allem was Sie sagen, taugt das Modell eher zur Absicherung bei körperlichen Einbrüchen und scheitert dagegen bei psychischen Krisen?
So ist es. Eine Partnerschaft sichert nicht vollständig gegen persönliche Krisen ab, grade nicht mit Blick auf psychische Probleme. Das ist schon dramatisch, weil das Zeiten sind, in denen Betroffene den Schutz besonders brauchen.

Was schlussfolgern Sie da als Ökonom?
Psychische Krankheiten sind verbreitet und können privat nur unzureichend abgesichert werden. Das hat dann Relevanz für die Gesellschaft und fürs Gesundheitssystem. Persönlich würde ich sagen, es nützt allen, wenn solche Krankheiten früh beachtet und behandelt werden. Die Betroffenen müssen sich auch Hilfe holen wollen und entsprechende Stellen dafür vorhanden sein. Für mich zeigt das Ergebnis auch, dass wir es als Gesellschaft schaffen müssen, das Tabu solcher Krankheiten aufzubrechen.

Mehr zum Thema: Gegen den Stress der Massen braucht es mehr als Achtsamkeit

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