Bargeld in Deutschland: Und Schritt für Schritt zahlen die Deutschen doch mit Karte
Es liest sich wie ein Aprilscherz, zwei Monate zu spät: Ein Fintech, das mit seinem Smartphone-Konto angetreten ist, um Bankfilialen und Bargeld überflüssig zu machen, setzt nun auf: Geldautomaten. Die Rede ist vom britischen Start-up Revolut. Als ersten Markt hat das Fintech Spanien auserkoren. 200 Revolut-Automaten werden künftig in Barcelona, Madrid, Malaga oder Valencia stehen.
Bei dem Pilotprojekt in Spanien soll es aber nicht bleiben: Revolut plant, sein Angebot ab 2026 auf weitere Märkte auszuweiten, darunter Italien, Portugal – und Deutschland.
Damit macht Revolut auf den ersten Blick die Rolle rückwärts. Denn beim Thema Zahlungsverkehr ging es in den vergangenen Jahren nur in eine Richtung. Banken setzten immer weniger auf direkten Kundenkontakt, verdünnten ihr Filialnetz und senkten die Anzahl ihrer Geldautomaten.
Zugleich setzten Fintechs und Neobanken wie Revolut, Trade Republic oder N26 die etablierten Banken mit ihren Geschäftsmodellen unter Druck. Sie stehen für einfache, digitale Dienstleistungen über Apps auf dem Smartphone. Auf direkten Kundenkontakt und ein Filialnetz verzichteten sie bislang genauso wie auf eigene Geldautomaten.
Mit dieser klaren Trennung ist nun also Schluss. Es hat einen guten Grund, dass Revolut sich für diese Länder entschieden hat: In Spanien würden „mehr als 60 Prozent der Zahlungen in bar abgewickelt“, damit sei das Land noch immer „eine der am stärksten von Bargeld abhängigen Volkswirtschaften Europas, so Revolut.
Auch hierzulande werden noch mehr als die Hälfte aller Zahlungen bar beglichen. Der Anteil an Cash-Zahlungen sinkt aber. Die folgenden Grafiken zeigen, wie es um Scheine und Münzen in Deutschland bestellt ist.
Deutsche zahlen immer seltener bar, aber immer noch oft
Es ist noch nicht lange her, da lag der Anteil an Barzahlungen in der Eurzone bei mehr als 70 Prozent. Das war vor der Corona-Pandemie, die laut der EZB zu einem „rapiden Abstieg“ der Barzahlungen führte. Das geht aus einer Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) aus dem Jahr 2024 hervor.
Während 2016 noch fast 80 Prozent der Transaktionen in der Eurozone bar abgewickelt wurden, waren es 2022 nur noch etwa 60 Prozent. Im vergangenen Jahr fiel der Anteil abermals auf 52 Prozent.
Bei den einzelnen Ländern gibt es teils starke Abweichungen. So hat die Niederlande mit 22 Prozent den niedrigsten Anteil, Malta mit 67 Prozent den höchsten.
Deutschland liegt knapp über dem Durchschnitt: Hierzulande werden 53 Prozent der Zahlungen bar getätigt. Im Jahr 2022 waren es noch zehn Prozent mehr, was den Abwärtstrend von Bargeld bei Zahlungen im Alltag verdeutlicht.
Laut Daten der Bundesbank lag der Anteil in Barzahlungen in Deutschland nämlich 2011 noch bei mehr als 80 Prozent. 2017 waren es schon nur noch etwa 75 Prozent, 2021 nur noch etwa 60 Prozent. Die leichten Abweichungen zwischen den Daten der Bundesbank und den Angaben aus der EZB-Studie erklären sich durch methodische Unterschiede.
Mit dem sinkenden Anteil an Barzahlungen steht Deutschland nicht alleine da, denn dieser ist in allen Ländern der Eurozone auf Zweijahressicht gesunken, mit einer Ausnahme: Finnland. Hier ist der Anteil an Barzahlungen um acht Prozent gestiegen.
In absoluten Zahlen dürfte das aber ein Anstieg auf niedrigem Niveau sein, da Finnland mit 27 Prozent ohnehin den zweitniedrigsten Anteil an Barzahlungen in der Eurozone hat.
Dabei spielen auch demografische Faktoren eine Rolle. Ältere Menschen zahlen häufiger bar und seltener mit Karte als jüngere Vergleichsgruppen.
Je höher das Bildungsniveau und das Einkommen waren, desto eher wurde mit Karte statt bar gezahlt.
Deutsche horten Bargeld
Es bleibt also festzuhalten, dass die Bedeutung von Scheinen und Münzen in der Eurozone, auch in Deutschland, im alltäglichen Einkauf stetig an Wert verliert. Umso paradoxer ist es, dass nach Angaben der Bundesbank Ende 2024 geschätzt rund 400 Milliarden Euro in Deutschland gelagert wurden. 2018 lag dieser Wert noch bei 200 Milliarden, 2021 schon bei etwa 375 Milliarden.
Somit lag der Anteil der in Deutschland zur „Wertaufbewahrung“ gehaltenen, oder in anderen Worten gehorteten Banknoten zuletzt bei etwa 42 Prozent. Dabei liege jedoch nahe, dass „die Beträge sehr ungleich in der Bevölkerung verteilt sind und ein erheblicher Teil der privaten Haushalte über keine oder sehr geringe Barreserven verfügt.
Doch warum ist mehr Bargeld im Umlauf, wenn immer weniger Menschen es im Alltag nutzen? „Der Euro wird sehr stark gehortet“, sagt Ralf Wintergerst, Vorstandschef des Münchner Banknoten- und Sicherheitstechnikherstellers Giesecke+Devrient, der weltweit gut 150 Zentralbanken zu seinen Kunden zählt. „Unsicherheit ist der treibende Faktor.“
Auch die Bundesbank bezeichnet Bargeld als „Vertrauensanker“ in „politisch oder wirtschaftlich schwierigen Zeiten“. So sei es in Deutschland auch schon während der Finanzkrise im Jahr 2008 und zu Beginn der Corona-Pandemie im Jahr 2020 zu einer erhöhten Nachfrage nach Bargeld gekommen.
Wie viel Bargeld haben die Deutschen im Portemonnaie?
Auffällig ist auch, dass der durchschnittliche Bargeldbestand im Portemonnaie der Deutschen im letzten Jahrzehnt entgegen dem Anteil der Barzahlungen nicht gesunken ist.
Der durchschnittliche Deutsche hatte im Jahr 2011 etwa 103 Euro im Portemonnaie. 2017 stieg dieser Wert auf 107 Euro an, 2021 fiel er zwischenzeitlich auf 100 Euro. Im Jahr 2023 waren es wieder 103 Euro.
Dabei haben Männer im Schnitt mehr Bargeld im Portemonnaie als Frauen. Auch haben ältere Menschen mehr Bargeld in der Brieftasche als jüngere Erwachsene.
Interessant ist jedoch, dass laut der Deutschen Bundesbank mittlerweile weniger Deutsche Münzen in ihren Brieftaschen haben. 15 Prozent der Befragten gaben an, gar keine Münzen in ihrer Brieftasche zu haben, neun Prozent mehr als noch im Jahr 2014.
Dass vor allem kleine Münzen in der Bevölkerung unbeliebt sind, zeigt das Eurobarometer aus Oktober 2024. Dort sprachen sich 61 der Befragten aus der Eurozone dafür aus, 1- und 2-Cent-Münzen abzuschaffen und stattdessen bei Zahlungen- auf oder abzurunden.
Genau das forderte im März auch das Nationale Bargeldforum, ein auf Initiative der Deutschen Bundesbank gegründetes Gremium. Das sei in einigen europäischen Ländern wie den Niederlanden und Finnland eine gängige Praxis. Auch seien die ökologischen und ökonomischen Kosten für Herstellung, Verpackung und Transport der kleinen Münzen „im Verhältnis zu ihrem Nennwert hoch“. „Wenn wir auf den Umlauf von 1- und 2-Cent-Münzen verzichteten, würde Bargeld für die Nutzerinnern und Nutzer attraktiver, erklärte Burkhard Balz, Mitglied im Vorstand der Deutschen Bundesbank und Vorsitzender des Nationalen Bargeldforums.
Relevanz von Bargeld in Deutschland nicht zu unterschätzen
Bargeld spielt also in Deutschland weiterhin eine große Rolle, auch wenn der Anteil im alltäglichen Zahlungsverkehr stetig abnimmt. Das zeigt sich vor allem an der hohen Summe des gehorteten Bargelds in Deutschland und daran, dass der durchschnittliche Deutsche zuletzt genauso viel Geld im Portemonnaie hat, wie vor mehr als zehn Jahren schon.
Eine aktuelle Umfrage der Bundesbank lässt Zweifel am Abstieg des Bargelds in Deutschland aufkommen: Mehr als 70 Prozent der Befragten sprechen sich dafür aus, dass Bargeld so wie bisher oder sogar noch stärker genutzt wird.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 8. Juni 2025. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.