WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Börsen reagieren nervös Iranischer Angriff treibt Goldpreis auf nächstes Rekordhoch

Iranischer Angriff treibt Goldpreis auf nächstes Rekordhoch Quelle: VIA REUTERS

Nach den iranischen Raketenangriffen auf US-Stützpunkte im Irak als Vergeltung für den Tod Soleimanis zogen die Ölpreise und die „Krisenwährung“ Gold erneut an. Airlines weltweit änderten ihre Flugrouten und -pläne.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Die Furcht vor einem erneuten Krieg in der Golf-Region sorgt bei Anlegern für eine rege Nachfrage nach Gold. Der Preis der „Antikrisen-Währung“ steigt um 2,4 Prozent auf ein Sieben-Jahres-Hoch von 1610,90 Dollar je Feinunze. Für europäische Investoren ist das Edelmetall mit 1443,07 Euro sogar so teuer wie noch nie. Nach Einschätzung des Edelmetallhändlers Alexander Zumpfe vom Handelshaus Heraeus dürfte die Grundstimmung am Markt positiv bleiben. Er rechnet kurzfristig nicht mit einer deutlichen Korrektur.

Der Konflikt der USA mit Teheran scheint vollends zu eskalieren: Der Iran macht seine Rachedrohung wahr und greift US-Ziele im Irak mit Raketen an. Das Pentagon bestätigte Attacken auf die vom US-Militär genutzten Stützpunkte Ain al-Assad westlich von Bagdad und im nördlich gelegenen Erbil in der Nacht zum Mittwoch. Der Iran bezeichnete die Raketenangriffe als „Akt der Selbstverteidigung“ nach der Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Luftschlag. Kurz darauf stürzte nahe Teheran ein ukrainisches Passagierflugzeug mit über 170 Insassen ab, die Rettungskräften zufolge allesamt ums Leben kamen. Ob es einen direkten Zusammenhang mit der militärischen Eskalation zwischen den USA und dem Iran gibt, ist noch offen.

Beim Ölpreis zeigten sich ähnliche Bewegungen wie beim Gold: Die Ölpreise stiegen wegen der Nahost-Krise erst sprunghaft an, kamen dann aber wieder etwas zurück. Zwischenzeitlich verteuerte sich die Sorte Brent aus der Nordsee um bis zu 5,1 Prozent auf 71,75 Dollar je Barrel – der größte Kurssprung seit den Attacken auf saudi-arabische Ölförderanlagen im September. Die Produktion in den irakischen Erdölanlagen geht nach Opec-Angaben jedoch ungestört weiter. Die Anlagen seien sicher, sagt Opec-Generalsekretär Mohammed Barkindo. Das sei eine „große Erleichterung“. Dem Energieminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Suhail Al-Masruei, zufolge besteht auch keine unmittelbare Gefahr für die Öltransporte durch die Straße von Hormus. „Die Situation ist gegenwärtig keine Kriegssituation“, so Al-Masruei. „Wir hoffen alle auf eine Deeskalation. Ich denke, Weisheit wird trotz der Spannungen obsiegen.“ In der Vergangenheit sei das Öl bei Kriegen weiter geflossen. „Also lassen Sie uns nicht übertreiben, was passiert. “

Auch an den Börsen zeigte sich die Nervosität infolge des iranischen Angriffs auf US-Stellungen im Irak. Allerdings beruhigten sich die Märkte nach anfangs heftigen Reaktionen wieder. Der deutsche Leitindesx Dax verlor am Vormittag 0,7 Prozent auf 13 130 Punkte. Die Verluste waren aber weitaus geringer als nach der gezielten Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani durch das US-Militär vergangene Woche. Der Eurozonen-Aktienindex Eurostoxx 50 gab am Morgen um 0,44 Prozent auf 3742,69 Punkte nach. Analyst Jim Reid von der Deutschen Bank wies darauf hin, dass sich US-Präsident Donald Trump in der Vergangenheit mit Maßnahmen gegen den Iran zurückgehalten habe, wenn bei Anschlägen des Iran keine US-Bürger getötet worden seien. „Das lässt ein wenig hoffen, dass der Konflikt in der Region Naher Osten nicht vollständig eskaliert.“ Trump hatte für Mittwochmorgen (Ortszeit) eine Erklärung angekündigt.

Die Ausschläge an den asiatischen Börsen waren zuvor heftiger: Der Nikkei-Index der Leitbörse in Tokio fiel um rund 370 Punkte oder 1,6 Prozent und lag zum Handelsschluss bei 23 204,76 Punkten. Zwischenzeitlich war das Börsenbarometer unter die Marke von 23.000 Punkte gefallen. In China verbuchte der Shanghai Composite Index einen Abschlag von 1,22 Prozent beim Stand von 3066,89 Punkten. Der Shenzhen Component Index ging mit einem Minus von 1,13 Prozent beim Stand von 10.706,87 Zählern aus dem Markt. Der Hang Seng Index in Hongkong fiel um 0,83 Prozent oder 234,14 Punkte auf 28087,92 Punkte. Verluste auch in Südkorea: Dort ging der Leitindex Kospi an der Aktienbörse in Seoul um 24,23 Punkte oder 1,1 Prozent auf den Stand von 2151,31 zurück.

Die Lage am Persischen Golf ist extrem angespannt, seit die USA den ranghohen Militärstrategen Soleimani vergangene Woche bei einem Drohnenangriff in der irakischen Hauptstadt Bagdad gezielt töteten. US-Präsident Donald Trump drohte den Iranern danach mit drastischen Konsequenzen im Falle eines Gegenangriffs.

„Wir werden Zeugen einer Eskalationsspirale, die nach oben offen ist“, sagte Volker Perthes, Direktor der Denkfabrik „Stiftung Wissenschaft und Politik“ in Berlin, am Dienstag im Interview mit der WirtschaftsWoche. Ob der Konflikt weiter eskaliert, hänge von der Antwort der US-Regierung auf die Vergeltung der Iraner ab. „Wenn es bislang überhaupt so etwas wie eine Linie der Trumpschen Außenpolitik gibt, dann bestand sie in dem Willen, nicht mit mehr Truppen in militärische Auseinandersetzungen gezogen zu werden“, so der Nahost-Experte. „Andererseits: Trump hat deutlich gemacht, dass er bereit ist, auf Angriffe auf die USA oder US-Interessen auch ‚unverhältnismäßig‘ zu reagieren.“

Nach den Raketenangriffen aus der Nacht äußerte sich Trump zunächst nicht dazu, wie die USA darauf reagieren würden. Stattdessen schrieb er auf Twitter „Alles ist gut!“ und kündigte eine Stellungnahme am Mittwochmorgen (Ortszeit) an. Derzeit würden mögliche Opfer und Schäden bewertet, fügte er hinzu. Und: „Wir haben das stärkste und am besten ausgestattete Militär überall auf der Welt, bei weitem!“. Zuvor hatte er seine wichtigsten Minister zu einer Krisensitzung im Weißen Haus empfangen.

Die iranischen Revolutionsgarden teilten mit, bei der „Operation Märtyrer Soleimani“ sei der mit 35 Raketen attackierte Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad „vollständig zerstört“ worden. Der Angriff mit ballistischen Boden-Boden-Raketen auf die „von den Amerikanern besetzte“ Basis sei „in jeder Hinsicht ein voller Erfolg“ gewesen.

Die erste offizielle Stellungnahme der iranischen Regierung nach den Angriffen kam von Außenminister Mohammed Dschawad Sarif. „Wir streben nicht nach einer Eskalation oder Krieg, aber wir werden uns gegen jede Aggression verteidigen“, schrieb er auf Twitter. Der Iran habe „verhältnismäßige Maßnahmen zur Selbstverteidigung ergriffen und abgeschlossen“. Sarif bezog sich dabei auf Artikel 51 der UN-Charta - dieser beschreibt das Recht auf Selbstverteidigung im Falle eines bewaffneten Angriffs auf ein Mitgliedsland der Vereinten Nationen.

Zwar hatten vom Iran unterstützte schiitische Milizen die US-Stützpunkte im Irak zuletzt häufiger mit technisch einfacheren Raketen angegriffen. Ein direkter Angriff aus dem Iran markiert jedoch eine neue Eskalationsstufe im Konflikt mit den USA.

Die Revolutionsgarden warnten direkt nach den Attacken den „großen Satan“ USA vor Gegenangriffen. Jede US-Reaktion werde mit einer härteren Reaktion erwidert, teilte die Eliteeinheit der iranischen Streitkräfte in einer Presseerklärung mit. Außerdem sollten die Verbündeten der USA wissen, dass auch ihre den Amerikanern zur Verfügung gestellten Stützpunkte Ziel iranischer Angriffe werden könnten, falls von dort aus Angriffe auf den Iran erfolgen sollten, hieß es in der Erklärung weiter. Die USA sollten ihre Truppen abziehen, damit deren Leben nicht gefährdet werde.

Mitten in die militärische Eskalation des Konflikts zwischen den USA und dem Iran platzte die Nachricht von dem Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine der Ukraine International Airlines, die kurz nach dem Start Richtung Kiew in ein offenes Feld nahe dem Teheraner Hauptstadtflughafen krachte. Alle 179 Passagiere und Crewmitgliederseien ums Leben gekommen, meldete das iranische Staatsfernsehen, das direkten Kontakt zu den Rettungskräften und der Luftfahrtbehörde hatte. Bis auf 32 Ausländer seien alle Opfer Iraner. Die iranischen Behörden haben recht schnell eine mögliche Ursache präsentiert: Die Luftfahrtbehörde sprach Medienberichten zufolge von einem technischen Defekt. Auf welcher Grundlage diese Einschätzung beruhte, blieb offen. Selenskyj sagt dazu nur: „Ich bitte alle sehr, von Spekulationen und der Verbreitung ungeprüfter Versionen zur Katastrophe bis zur Veröffentlichung offizieller Informationen Abstand zu nehmen.“ Er wählt seine Worte mit Bedacht. „Die Wahrscheinlichkeit für einen Fehler der Besatzung ist minimal“, meint der Vizepräsident der Fluggesellschaft Igor Sosnowski. Laut der Airline war die Maschine erst seit 2016 für das Unternehmen im Einsatz. Die Boeing des Typs 737-800 NG sei erst am Montag überprüft worden – ohne Probleme, wie die Fluggesellschaft beteuert, die 1992 gegründet wurde und seither noch keine großen Unglücke hatte.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%