Crash-Gefahr: Die Märkte stellen die Bonitätsfrage
An den Börsen greift Besorgnis um sich.
Foto: WirtschaftsWocheAn den Finanzmärkten kündigt sich eine Zeitenwende an. Die Anleihemärkte hielten sich nicht mehr an das Skript, das die Wall Street und die US-Notenbank Fed ihnen vorgeben, sagt Jim Grant. Als die Fed Mitte September damit begann, den Leitzins zu senken, sollte das eigentlich das Startsignal für steigende Anleihekurse und somit sinkende Renditen sein. Doch der Markt sei ungehorsam und weigere sich, mitzuspielen, so der Herausgeber des Investmentbulletins „Grant‘s Interest Rate Observer“ kürzlich in einem Interview mit dem Schweizer Finanzportal „The Market“.
Tatsächlich ist etwas Ungewöhnliches passiert. Statt zu fallen, sind die Renditen von US-Treasuries mit zehnjähriger Restlaufzeit gestiegen – von knapp 3,6 Prozent am 16. September im Hoch bis auf knapp 4,5 Prozent unmittelbar nach dem Wahlsieg Donald Trumps. Die Fed dagegen hat die Zinsen in diesem Zeitraum um insgesamt 0,75 Punkte gesenkt. Zuvor hatte der Zielwert seit Juli 2023 auf einem Niveau von 5,25 bis 5,50 Prozent gelegen. Mit Blick auf die nächste Sitzung des zinsbestimmenden Offenmarktausschusses (FOMC) am 17. und 18. Dezember liegt die vom Markt geschätzte Wahrscheinlichkeit einer weiteren Zinssenkung um 25 Prozentpunkte bei etwa zwei Dritteln.
Dagegen ziehen die langfristigen Inflationserwartungen in den USA an. Gemessen am Indikator der Universität Michigan lagen sie letztmalig im Juni 2008 höher als aktuell mit 3,2 Prozent – und damit weit über der Zielmarke von 2,0 Prozent. Denkbar, dass die Fed mit Blick auf ihren Stabilitätsauftrag einen Fehler macht, wenn sie die Zinsen jetzt weiter senkt. Schließlich müsste sie diese dann später, bei steigender Inflation, umso stärker nach oben setzen.
Rutschten die USA dann doch noch in eine Rezession ab, liefe auch das Budgetdefizit noch weiter aus dem Ruder. Schon heute übersteigt der Schuldendienst die jährlichen Verteidigungsausgaben der US-Regierung. In den kommenden zwölf Monaten muss das Finanzministerium etwa ein Fünftel der Regierungsschulden refinanzieren. Das Angebot an US-Staatsanleihen zu den aktuellen Renditen sei größer ist als die Nachfrage, sagt Grant. Schon um genügend Käufer von Treasuries zu finden, müssen die Renditen weiter nach oben gehen.
Grande Nation ganz Klein
Immer mehr Anleger machen sich nicht nur Sorgen über ein Wiederaufflackern der Inflation, sondern vermehrt auch über die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen. Das sei aktuell zwar noch nicht das dominierende Thema, aber früher oder später würden die Märkte anfangen, die fiskalische Stabilität der Regierungen infrage zu stellen, mahnt William White, ehemaliger Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel. Mit Blick auf die Haushaltslage seien viele Staaten seit Jahren technisch insolvent.
Ein Blick nach Frankreich: Nicht Italien, sondern die Grande Nation ist inzwischen der größte Wackelkandidat unter den großen Volkswirtschaften der Eurozone. Im Zuge der aktuellen Regierungskrise um die Verabschiedung des Haushalts sind die Renditeaufschläge (Spreads) zehnjähriger französischer Staatsanleihen gegenüber vergleichbaren Bundesanleihen nach oben geschnellt – in der Spitze auf 86 Basispunkte. Damit erreichten sie den höchsten Stand seit 2012, dem Höhepunkt der damaligen europäischen Staatschuldenkrise. Doch wenn Frankreich die Hand höbe, zahlte auch Deutschland die Zeche – über die Teilnahme am Euro und der damit einhergehenden Verallgemeinerung der Schulden im Währungsgebiet.
Vorsicht, Carry Trade
Bald könnte es schwierig werden für all die Spekulanten, die Milliarden über Milliarden in Bitcoin und die Magnificent 7 (Apple, Nvidia, Alphabet, Meta, Amazon, Tesla und Microsoft) gepumpt haben. Denn einen Tag nach der Fed, am 19. Dezember, tagt die Bank of Japan (BoJ). Dann wird es spannend. Die Wetten auf eine Zinserhöhung der BoJ nehmen zu. Die jüngsten Wirtschaftsdaten, einschließlich eines Anstiegs der Kernverbraucherpreise und verbesserter Lohnerwartungen, signalisieren eine spürbare wirtschaftliche Verbesserung in Japan.
Sollte sich dieses Szenario bewahrheiten, könnte der Yen, wie im Sommer, erneut abrupt in Richtung Stärke drehen. Erste Anzeichen gibt es. Dann geriete erneut der sogenannte Carry Trade vieler Anleger in Gefahr. Bei ihm verschulden sich internationale Anleger zu tiefen Zinsen in Yen und spekulieren in Dollar und anderen Währungen, die eine höhere Rendite versprechen. Die Lukrativität des Carry Trade hängt maßgeblich davon ab, wie sich der Wechselkurs entwickelt. Und weil jede Menge spekulatives Geld in die großen US-Techwerte und in Bitcoin gegangenen ist, ist die Fallhöhe dort am höchsten, wenn die Geschäfte rückabgewickelt werden müssen.
Kommt es zu einem Einbruch bei Bitcoin und an den Aktienmärkten, dürfte das Interesse an Gold zurückkommen – auch bei steigenden Anleiherenditen. Viele Anleger erliegen noch dem Denkmuster: Steigende Renditen sind schlecht für Gold, weil Gold keine Zinsen bringt. Steigen die Renditen aber, weil die Bonitätsfrage gestellt wird, dann ist Gold sehr wünschenswert. Es ist an kein Schuldversprechen einer Regierung oder anderen Gegenpartei gebunden und geht auch nie bankrott.
Lesen Sie auch: Warum der Goldpreis nachgibt