Krise in Frankreich: Wie gefährlich wird Frankreichs Schuldenkrise?
An diesem Mittwoch wird in Frankreich die Vertrauensfrage gestellt.
Foto: imago imagesMichel Barnier ist ein Seitenwechsler. Vor mehr als zehn Jahren, während der Euro-Schuldenkrise, forderte der Franzose als EU-Kommissar für den Binnenmarkt von Banken und Regierungen hoch verschuldeter Eurostaaten dringend nötige Reformen. Die größten Probleme hatten damals Griechenland, Portugal und Spanien. Nun hat der 73-Jährige als französischer Premierminister selbst versucht, einen hoch verschuldeten Eurostaat zu reformieren. Und ist gescheitert.
Er hatte eindringlich gewarnt, einen „schweren Sturm auf den Finanzmärkten“ werde es geben, wenn die französische Regierung zerbricht. „Ernsthafte Turbulenzen“ sagte Barnier voraus.
Zumindest vorerst ist der schwere Sturm ausgeblieben, Barniers Warnungen zum Trotz. Offenbar haben Anleiheinvestoren weltweit das Aus der französischen Regierung längst eingepreist. Am Donnerstagmorgen, nachdem das französische Parlament Barnier sein Misstrauen ausgesprochen hatte, reagierte der Bondmarkt vergleichsweise gelassen darauf, dass sich die französische Regierungskrise nun endgültig manifestiert hatte.
Die Rendite französischer Anleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit verlief nahezu seitwärts unterhalb der Drei-Prozent-Marke und ging zwischenzeitlich sogar leicht zurück. Der Risikoaufschlag zwischen französischen Bonds und den als sicher geltenden Bundesanleihen ging ebenfalls zurück und lag am Donnerstagmittag bei 81 Basispunkten - auch, weil die Bund-Rendite leicht anstieg.
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Dabei hat sich das Land nach den von Macron herbeigeführten Neuwahlen im Sommer in eine Zwickmühle manövriert – und wird genau dafür von den Finanzmärkten abgestraft. Denn nach dem Misstrauensvotum muss Barnier eigentlich zurücktreten oder die Regierung übergangsweise führen, bis Frankreichs Präsident Emanuel Macron einen neuen Regierungschef gefunden hat. Denn vorgezogene Neuwahlen sind im Frankreich erst im Juli wieder möglich.
Als größtes Risiko sehen die Finanzmärkte aktuell die Position von Macron. Gerät er als Präsident noch stärker unter Druck, dürften auch Investoren noch mehr französische Bonds aus ihren Depots kehren. Dabei hat die Verkaufswelle längst begonnen.
Am Donnerstag vergangener Woche war es das erste Mal soweit: Frankreichs Renditen auf zehnjährige Staatspapiere waren höher als die für griechische Papiere mit gleicher Laufzeit. Frankreich musste seinen Gläubigern mehr zahlen als Griechenland, Europas einstiges Schuldensorgenkind.
Weil immer mehr Investoren skeptisch auf Frankreich blicken und Bonds verkaufen, sinken die Kurse, so dass gleichzeitig die Renditen auf zeitweise über drei Prozent gestiegen sind.
Als sicherer Gradmesser für die Angst der Kapitalmärkte gelten Prämien für Kreditausfallversicherungen (CDS). Im Fall Frankreichs steigen diese aktuell, besonders für langlaufende Papiere. Für Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit liegen die Prämien schon so hoch wie zur Pandemiezeit.
Tatsächlich dürfte die Sorge um die französische Wirtschaft die Finanzmärkte noch eine ganze lange Weile beschäftigen - auch, weil mit Deutschland auch die zweite wichtige Volkswirtschaft in Europa strauchelt. „Im Herzen Europas brennt die Hütte“, kommentieren die Analysten des auf Anleihen spezialisierten Vermögensverwalters Bantleon.
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Ohne Barniers sanfte Reformen in Form von Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen und seinen Haushalt werden die ausufernden französischen Schulden vorerst kaum schrumpfen. Die Neuverschuldung dürfte deshalb bei 6,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) liegen und damit weit weg von den von der EU geforderten drei Prozent. Die gesamte Verschuldung wird für 2025 auf 115 Prozent des BIP geschätzt, ebenfalls weit weg von den 60 Prozent, die in der EU als Obergrenze gelten.
Enguerrand Artaz, Fondsmanager beim französischen Vermögensverwalter La Financière de l’Echiquier (LFDE) verweist auf das schlechte Verhältnis von Haushaltsdefizit und Schulden. „Länder wie Italien und Griechenland, deren Verhältnis von Schulden zum BIP das von Frankreich übersteigt, werden im Jahr 2024 besser abschneiden.“ Beide Länder erzielen aktuell nur ein geringes Defizit. Artaz fürchtet, die Renditen in Frankreich könnten noch deutlich steigen und das Land in eine Schuldenkrise treiben. „Dieses Szenario ist zweifellos das größte Risiko für die Eurozone in den kommenden Quartalen.“
Auch Mauro Valle, Anleihechef bei Generali Asset Management, hält es für unwahrscheinlich, dass sich die Spreads zwischen französischen und deutschen Anleihen in der nächsten Zeit wesentlich verringern werden. Es bestehe ein „nicht zu vernachlässigendes Risiko, dass der Markt ab Januar, wenn die Finanzierungsaktivitäten wieder aufgenommen werden, das 100-Basispunkte-Niveau testet“, sagt Valle. Das liege insbesondere daran, dass sich bis zum Sommer vermutlich wenig an der unsicheren Lage ändern wird.
Trotzdem ist die Situation längst nicht mit jener während der Euro-Schuldenkrise vergleichbar. Zur Erinnerung: Die Rendite für griechische Staatspapiere lag zwischenzeitlich bei mehr als 30 Prozent. Die Ratingagenturen hatten die Kreditfähigkeit Griechenlands längst auf Ramsch heruntergestuft.
Heute, da beide Länder am Anleihemarkt nahezu gleiche Renditen zahlen müssen, wird Frankreichs Bonität weiterhin mit AA- bewertet, Griechenland dagegen deutlich schlechter mit BBB-. Allerdings könnte sich der Abstand in Zukunft verringern. Je länger Frankreichs Haushaltskrise anhält, desto wahrscheinlicher wird es, dass die großen Ratingagenturen S&P oder Moody’s ihre Bonitätsnote überdenken. Wird die Kreditwürdigkeit herabgestuft, würde das die Anleiherenditen noch mal deutlich nach oben treiben. Noch allerdings, heißt es am Finanzmarkt, sei das nicht abzusehen. S&P etwa hat das französische Ranking erst Ende November bestätigt.
Ein Plus für Frankreich sind zweifelsohne die weiterhin stabil dastehenden Unternehmen. Das zeigt eine Entwicklung, welche der französische Anleihemarkt in diesen von politischen Nachrichten dominierten Nachrichten hervorbrachte. Zwischenzeitlich, so berichtet es die Nachrichtenagentur Bloomberg, lagen die Renditen für Anleihen von französischen Unternehmen wie dem Luxusgüterkonzern LVMH oder Gasanbieter Air Liquide unter denen von Staatspapieren mit vergleichbarer Restlaufzeit. Investoren haben also mehr Vertrauen in die Schuldentragfähigkeit einzelner Unternehmen als in die des französischen Staates.
Wer also in Unternehmensanleihen investiert hat, muss sich vorerst keine Sorgen machen. Und auch für Anleger, deren Geld in Staatspapieren steckt, ist die Lage besser, als sie auf den ersten Blick scheint. Angesichts der Probleme in den Euro-Kernländern wie Frankreich, aber auch Deutschland, werden weitere Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) immer wahrscheinlicher. Sinken die Zinsen, können Anleger auf Kursgewinne bei bereits emittierten Anleihen setzen.
Apropos EZB: Dass die Anleihemärkte bisher moderat auf die Krise in Frankreich reagiert haben, dürfte auch an der Zentralbank liegen - diese, so das Kalkül, werden ein für den Euro so zentrales Land wie Frankreich schon nicht fallen lassen. Zudem hat die EZB auch nach der Euro-Schuldenkrise einen vollen Instrumentenkasten.
Im Rahmen ihres sogenannten "Transmission Protection Instruments" (TPI) dürfte sie sogar unbegrenzt französische Staatsanleihen kaufen. Allerdings nur, wenn die Finanzierungsbedingungen sich ungerechtfertigt verschärfen und der Renditeanstieg ungeordnet stattfindet. Davon kann allerdings bisher keine Rede sein, es gilt an den Märkten deshalb bisher als unwahrscheinlich, dass die EZB dieses scharfe Schwert zücken muss.
Keine Panik also. Zumindest für den Moment. Richtig ungemütlich würde es am Anleihemarkt wohl erst, wenn auch Präsident Macron das Scheitern Barniers nicht überstehen würde. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Einige Investoren stellen sich bereits darauf ein.
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Transparenzhinweis: Wir haben den Artikel am 4. Dezember 2024 erstmals veröffentlicht und ihn am Donnerstag nach dem Misstrauensvotum aktualisiert.