Leben mit Aktien: Von der Euphorie zur Ernüchterung: Verliert Europa sein Momentum?
Noch im Frühjahr sah es so aus, als gehe es in Europa endlich voran, politisch und wirtschaftlich. Selbst an den europäischen Börsen lief es gut, besser gar als an der Wall Street. Der Amtsantritt von Friedrich Merz als deutscher Bundeskanzler wurde vielerorts als Chance gesehen. Das hat sich mittlerweile geändert.
Statt Wachstumsinitiativen auf den Weg zu bringen, diskutiert die neue Bundesregierung über Steuererhöhungen für Reiche. Für Christian W. Röhl, Chefökonom beim Neobroker Scalable Capital, ist das fatal: „Es ist das Verstolpern des Aufbruchs – fast so, als wenn du im Startblock stehst und loslaufen willst, aber den Moment verpasst“, sagt er in der aktuellen Folge des WirtschaftsWoche-Podcast „Leben mit Aktien“. Denn bisher existiert der Aufschwung nur in Prognosepapieren. Ausgerechnet jetzt über eine Vermögensteuer zu diskutieren, sei „ökonomischer Irrsinn“, findet auch WirtschaftsWoche-Chefredakteur Horst von Buttlar.
Die Lage am deutschen Arbeitsmarkt verdüstert das Bild zusätzlich. Mehr als drei Millionen Menschen in Deutschland sind aktuell ohne Job. Auch wenn das teils saisonalen Effekten geschuldet ist: Der Trend ist eindeutig.
Sorge um KI-Blase, Trumps Kampf mit der Fed und Europas verlorenes Momentum
Schwierig ist es auch in Frankreich. Dort droht Premierminister François Bayrou an der Vertrauensfrage zu scheitern. Die politische Mitte wird zwischen den extremen Rändern zerrieben. Obendrauf kommt ein gefährlich großer Schuldenberg. „Das Land ist hoch verschuldet, aber es ist nicht reformfähig“, urteilt Röhl.
Die Lage in Europas Kernstaaten wirft eine grundsätzliche Frage auf: Hat Europa sein wirtschaftliches Momentum vom Frühjahr schon wieder verloren?
Unsicherheit schlägt auf die Märkte durch
Die politischen Probleme haben jedenfalls die Kapitalmärkte erreicht. Als sich die Krise in Frankreich Ende August zuspitzte, verloren die Aktien der großen französischen Banken – BNP Paribas, Crédit Agricole und Société Générale – an einem einzigen Handelstag zwischen acht und zehn Prozent.
Auch am Anleihemarkt zeigt sich die Nervosität der Investoren. Die Risikoaufschläge französischer Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen stiegen zuletzt sprunghaft auf 82 Basispunkte und damit den höchsten Wert seit Monaten. Frankreich nähert sich damit dem Renditeniveau Italiens an.
Italienische Staatsanleihen mit zehn Jahren Restlaufzeit rentieren derzeit mit 3,6 Prozent, Frankreich-Bonds mit 3,5 Prozent. Brisant ist das deshalb, weil Italien zuletzt als das Sorgenkind der Euro-Zone galt. Frankreich wird nun offenbar ähnlich kritisch beäugt.
Wer via ETF in europäische Staatsanleihen investiert, sollte die Entwicklung genau beobachten. Klassische Anleiheindizes sind kapitalgewichtet: Die Emittenten mit den höchsten ausstehenden Schulden haben das höchste Gewicht. Frankreich ist deshalb in vielen Euro-Anleihebarometern prominent vertreten. So liegt der Frankreich-Anteil im iShares Core Euro Government Bond ETF bei rund 22 Prozent. Italien hat einen Anteil von 18 Prozent, Deutschland 14 Prozent.
Für Anleger heißt das: Wer in einen vermeintlich breit gestreuten, risikoarmen Staatsanleihen-ETF investiert, trägt unter Umständen mehr Frankreich-Risiko, als ihm lieb ist.
Mahnendes Beispiel Italien
Ein Blick nach Italien zeigt, wie schnell selbst positive Entwicklungen in Europa ausgebremst werden können. Der Mailänder Leitindex FTSE MIB, dominiert von Bankwerten, hat sich in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt – ein Plus von 125 Prozent, zweimal so viel wie der Euro Stoxx. Haupttreiber war die Erholung im Bankensektor, vor allem bei der UniCredit mit rund 17 Prozent Indexgewicht.
Nun aber denkt Italiens Regierung laut über eine Sondersteuer auf Aktienrückkäufe von Banken nach. Für Röhl ist das typisch Europa: „Jedes kleine, zarte Pflänzchen, das mal irgendwo sprießt, wird gleich wieder abgewürgt, um nochmal irgendwoher Geld zu kriegen, wo man gar nicht weiß, wofür man es ausgeben will.“
Kein Wunder, dass Europas Aufholjagd, auch an den Börsen, ins Stocken geraten ist. Noch im Frühjahr gab es die Hoffnung, dass Europa zu den USA aufschließen könnte. Diese wurde auch von der Finanzindustrie befeuert: Große US-Investoren wie Blackstone, Apollo und KKR kündigten an, deutlich mehr Kapital nach Europa lenken zu wollen. Zeitweise war von Investitionen in Höhe von bis zu 500 Milliarden Dollar die Rede.
Europa bleibt wichtig – aber liefert nicht
Die Europa-Euphorie hat unter der politischen Unsicherheit und der wirtschaftlichen Schwäche mehrerer europäischer Kernländer deutlich gelitten. Europäische Wertpapiere blieben zwar wichtig fürs Portfolio, aber „man muss leider festhalten, dass diesem Europa-Trade ein bisschen die Luft ausgegangen ist“, hält Horst von Buttlar im Podcast „Leben mit Aktien“ fest. Die Politik müsse nun liefern – nicht nur Versprechen, sondern Substanz. Dann hat das Europa-Momentum noch eine Chance.
Welche zwei anderen großen Themen die Börse zum Start in den September dominieren und was Oliver Blumes Rückzug als Porsche-Chef für das Unternehmen bedeutet, erfahren Sie in der aktuellen Folge von „Leben mit Aktien“.