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Post aus Harvard
Die Federal Reserve Bank in Washington Quelle: imago

Die Folgen der US-Zinswende

Martin Feldstein Quelle: Bloomberg, Montage
Martin S. Feldstein US-amerikanischer Ökonom, Professor für Wirtschaftswissenschaften und ehemaliger Oberster Wirtschaftsberater für US-Präsident Ronald Reagan Zur Kolumnen-Übersicht: Post aus Harvard

Die Zinsen in den USA steigen. Das liegt nicht nur an der Geldpolitik der Notenbank – sondern auch an hohen Schulden und wachsenden Inflationsängsten.

Steigende Zinssätze haben gravierende Folgen auf eine Volkswirtschaft, insbesondere auf die Aktienkurse und Eigenheimpreise. Daher ist es von hoher ökonomischer Relevanz, dass die langfristigen Zinsen in den USA seit einiger Zeit wieder steigen. Während der vergangenen 20 Monate hat sich die Rendite zehnjähriger US-Schatzanleihen mehr als verdoppelt, von 1,38 auf 2,94 Prozent. Und dieser Trend wird sich fortsetzen.

Warum? Dies liegt zum einen an der Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Die Währungshüter steuern traditionell zwar nur den Zinssatz auf Tagesgelder (die so genannte Federal Funds Rate). Die Reaktion der Anleger auf eine Veränderung dieses Zinssatzes hing in der Vergangenheit von ihren Erwartungen über die Dauer der Änderung ab. Wenn die Anleger glaubten, dass eine Erhöhung des kurzfristigen Zinssatzes Bestand haben würde oder gar ein Hinweis auf weitere Zinserhöhungen sei, dann stieg auch der langfristige Zinssatz.

Während der Phase der lockeren Geldpolitik im Gefolge der Finanzkrise von 2008 senkte die Fed die Federal Funds Rate auf äußerst niedrige 0,15 Prozent. Sie erklärte zudem, dass dieser Wert für lange Zeit niedrig bleiben würde. Dies führte zu einem Rückgang der langfristigen Zinsen von drei Prozent (Anfang 2014) auf 1,5 Prozent Mitte 2016.

Die Fed hat nun begonnen, den kurzfristigen Zins anzuheben und erklärt, dass sie diesen Kurs schrittweise in den nächsten Jahre fortsetzen will. Ziel sei ein Zinssatz von knapp drei Prozent im Jahr 2020 und darüber hinaus. Dies bedeutet eine Verdoppelung der Federal Funds Rate – und verschafft den langfristigen Zinsen weiteres Aufwärtspotenzial. Während des vergangenen Jahrzehnts hat die Fed zudem im Rahmen ihrer „unkonventionellen Geldpolitik“, die auf eine Ankurbelung der Konjunktur abzielte, regelmäßig am langfristigen Markt interveniert. Die Fed kaufte Schatzanleihen und mit Hypotheken unterlegte Wertpapiere und erhöhte ihre Bilanz von 900 Milliarden Dollar (2008) auf etwa 4,5 Billionen Dollar heute. Diese Anleihekäufe trieben die Anleihekurse in die Höhe und führten zu einem Rückgang der Anleiherenditen. Die Fed hat nun begonnen, ihre Bilanz zu verkleinern – was den Markt zwingt, mehr Anleihen zu kaufen. Auch dies treibt die Zinsen nach oben.

Ferner beeinflussen veränderte Inflationserwartungen die langfristigen Zinssätze. Das hohe Wirtschaftswachstum und die sinkende Arbeitslosigkeit in den USA haben die Inflationserwartungen der Anleger zuletzt steigen lassen. Zwar ist die Inflation nach wie vor sehr niedrig; der Verbraucherpreisindex hat während der vergangenen zwölf Monate um lediglich 2,1 Prozent zugelegt. Doch bei einer Arbeitslosenquote von nur 4,1 Prozent und einem schwächelnden Dollar nehmen die Inflationserwartungen der Anleger nun zu. Die erwartete Teuerung in den kommenden zehn Jahren, die sich an inflationsindexierten Anleihen ablesen lässt, ist in den 14 Monaten nach Juli 2016 um 0,3 Prozentpunkte gestiegen, nahm anschließend jedoch in nur fünf Monaten um 0,8 Prozentpunkte zu.

Das sich ausweitende Haushaltsdefizit und die steigende Staatsverschuldung der USA werden die langfristigen Zinsen ebenfalls nach oben schieben. Das Haushaltsdefizit des Bundes wird Prognosen zufolge von etwa 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in den vergangenen Jahren auf fünf Prozent im Jahr 2018 und dem Rest des Jahrzehnts klettern. Die US-Schuldenquote hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf 75 Prozent verdoppelt und wird den Prognosen zufolge im kommenden Jahrzehnt auf fast 100 Prozent ansteigen. Meine eigene Prognose geht von einem noch größeren Anstieg aus, zumal die Staatsausgaben deutlich wachsen.

Infolgedessen dürften die Netto-Anleiheverkäufe der amerikanischen Regierung von etwa 700 Milliarden Dollar im Jahr 2017 auf mehr als eine Billion Dollar im Jahr 2019 und auf etwa 1,5 Billionen Dollar im Jahr 2027 steigen. Die kumulative Erhöhung der Schulden im Laufe des Jahrzehnts wird etwa zehn Billionen Dollar betragen. Und die Märkte dazu zu bewegen, diese Anleihen aufzunehmen, erfordert erneut höhere Realzinsen.  

Sparer profitieren

All dies freut vor allem die Sparer. Die Renditen auf ihre Ersparnisse, die während des größten Teils des vergangenen Jahrzehnts einer schweren Finanzrepression ausgesetzt waren, steigen endlich wieder. Es gibt aber auch Verlierer: Eigenheimbesitzern und Aktionären könnten die höheren Zinsen Verluste bescheren. Die äußerst niedrigen Zinsen während des vergangenen Jahrzehnts haben einen Anstieg der Aktienkurse in nie dagewesene Höhen verursacht. Die Zinswende könnte nun den Anstieg der Aktienkurse bremsen – oder sogar zu Kursrückgängen führen.

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