Riedls Dax-Radar: Der Dax könnte kurzfristig überhitzen
Die Entspannung bei US-Inflationsdaten stützt die amerikanischen Bondmärkte und treibt an den Aktienmärkten die Erholung voran. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen, die seit Anfang Mai aus Angst vor zinstreibenden Folgen der US-Zölle von 4,15 auf 4,55 Prozent gestiegen ist, gibt auf 4,43 Prozent nach.
Zum einen entsteht die Hoffnung, dass die neuen Zölle womöglich doch keine so negativen Folgen auf die Renditen haben könnte; zum anderen kommt es an den Terminmärkten zu schnellen Eindeckungen von Positionen, die auf steigende Inflationsraten gerichtet waren. Aber abgehakt dürfte das Thema Zölle damit noch nicht sein.
Bemerkenswert ist hier die Entwicklung bei Walmart. Der amerikanische Einzelhandelsriese hat Belastungen aus Zöllen, die ihn als größten Importeur von Containerwaren besonders treffen, bisher kaum auf Warenpreise aufgeschlagen. Ob dies in den nächsten Wochen angesichts schmaler Margen in diesem Geschäft so bleibt, ist offen.
Zugespitzt bedeutet das: Entweder wächst der allgemeine Druck in Richtung Preisaufschläge und damit Inflation oder Walmart – und auch andere Importeure in ähnlicher Lage – werden für das zweite Quartal schlechtere Zahlen liefern. Noch hält Walmart an seinen Prognosen fest, doch den jüngsten allgemeinen Anstieg haben Walmart-Aktien nicht mehr mitgemacht.
Gier statt Panik – die Börse schaltet in einen anderne Modus
Noch herrscht an den Börsen Optimismus. Der Fear & Greed Index des Fernsehsenders CNN, der Anfang April in den extremen Angstbereich abgetaucht war, hat sich mittlerweile in den Greed-Modus hochgearbeitet wie in der Boomphase von Oktober bis November vergangenen Jahres. Mit 20 Prozent Kursplus seit Anfang April hat der marktbreite S&P-500-Index die schnellste Anstiegsphase in der gesamten Hausse seit 2022 absolviert.
Gut ins Laufen gekommen ist zuletzt auch auch der Technologieindex Nasdaq 100, der durch seinen Anstieg über die Marke von 20.000 Punkten nun ein wichtiges Stärkesignal geliefert hat. Die Renaissance der Nasdaq-Kurve ist wichtig, da in ihr vor allem die Protagonisten der langfristigen Hausse stecken.
Allianz und Münchener Rück: Vorübergehende Pause im großen Trend
Auch im Dax sieht die Indexkurve bei einem Wert von knapp unter 24.000 Punkten besser aus als der breite Markt. So mussten zuletzt sogar die lange Zeit erfolgreichen Versicherer partielle Rückschläge hinnehmen.
Allianz-Aktien rutschten vom Hoch bei knapp 380 Euro in einem Zug unter das vorangegangene Top um 360 Euro, weil der Nettogewinn im ersten Quartal mit 2,4 Milliarden Euro schwächer als erwartet ausfiel. Als Belastung erwiesen sich vor allem die Folgen der Waldbrände in Kalifornien. Der von Banken für dieses Jahr erwartete Nettogewinn von mehr als zehn Milliarden Euro aber sollte damit bisher noch nicht gefährdet sein.
Stärker erwischt es die Münchener Rück. Die Aktie hat seit dem Aprilhoch ein Zehntel an Wert verloren. Im ersten Quartal halbierte sich der Gewinn vor allem als Folge der kalifornischen Waldbrände. In der Leben- und Kranken-Rückversicherung lief es etwas besser, die Sparte Schaden- und Unfall schnitt schlechter ab.
Beide Versicherungsaktien gehörten zu den großen Gewinnern der seit 2022 laufenden Hausse: Ihr operatives Geschäft ist stark, die Bewertung der Aktie gemessen an den Gewinnen moderat, die Dividenden gut. Die jüngsten Kursrückschläge sind bisher nur Korrekturen in diesem Trend und keine Umkehr. Angesichts des insgesamt fortgeschrittenen Kursniveaus könnten sich diese Schwankungen bis in den Juni hinein fortsetzen.
Siemens mit Korrekturbedarf, Überhitzungssignale bei Rheinmetall
Stärker als erwartet schneidet Siemens ab. Im Zuggeschäft und in der Medizintechnik legen die Aufträge zu, in der Automatisierung gibt es Lichtblicke vom wichtigen chinesischen Markt. Als Belastung dürften in diesem Jahr 500 bis 600 Millionen Euro Restrukturierungskosten für den jüngsten Stellenabbau verbucht werden. US-Zölle treffen Siemens weniger direkt, machen sich aber indirekt durch zurückhaltende Kunden bemerkbar.
Im Gegensatz zum Dax hat Siemens die Höchstkurse vom März noch nicht wieder erreicht. In dieser latenten Schwäche spiegelt sich die Unsicherheit der Investoren wider, ob Siemens im laufenden Geschäftsjahr (bis Ende September) den bisher erwarteten zweistelligen Gewinnanstieg auf bis zu zehn Milliarden Euro auch wirklich schafft. Mit einer 18-fachen Gewinnbewertung ist die Aktie zwar nicht teuer, aber eben auch nicht auffällig günstig. Ein moderater Kursrückgang in den Bereich um 200 Euro könnte in den nächsten Wochen möglich sein.
Ungebremst nach oben geht es mit Rheinmetall. Der jüngste Kursschub ist auf Regierungsäußerungen zurückzuführen, nach denen Deutschland bei der konventionellen Rüstung noch erheblich nachlegen werde. Da Rheinmetall bei seiner Expansion ohnehin schon auf vollen Touren läuft, wird sich daraus kurz- bis mittelfristig kein neuer Schub der ohnehin schon bärenstarken Geschäftszahlen ergeben.
Obwohl Rheinmetall-Aktien mit einer 60-fachen Gewinnbewertung und einer siebenfachen Umsatzbewertung sehr gut bezahlt sind, zeigt die Aktie bisher keine Schwäche. Dennoch, für Neuengagements kommen angesichts der enormen Kursgewinne nur Korrekturen infrage – vielleicht nach einem eventuellen Waffenstillstand oder Frieden im Ukraine-Krieg.
Aktuell notiert die Rheinmetall-Aktie um mehr als 100 Prozent über ihrem 200-Tagedurchschnitt. Diese Konstellation ist noch einen Tick extremer als in der ersten Euphorie nach Kriegsbeginn im Frühjahr 2022. Damals folgte der Überhitzung eine dreimonatige Korrektur, in der die Aktie um 30 Prozent nachgab. Auf die aktuelle Situation übertragen ergäbe dies ein rechnerisches Rückschlagpotenzial bis auf 1.200 Euro.
Nachzügler Merck und RWE: Mögliche Bodenbildung auf gedrücktem Niveau
Mit deutlichen Kursverlusten quittieren Merck-Aktien die jüngste Senkung der Geschäftsaussichten. Hauptgrund ist der schwache Dollar, Merck erzielt gut ein Viertel seines Umsatzes in Nordamerika.
Eine Hypothek für die Aktie ist zudem die schlechte Stimmung in den Branchen Pharma sowie Labor- und Medizintechnik, die unter dem erwarteten Preisdruck auf dem US-Markt leiden. Wie sich die jüngste Übernahme des amerikanischen Krebsspezialisten Springworks auswirkt, mit der Merck sein Gesundheitsgeschäft verstärkt, warten Investoren erst einmal ab.
Für Merck kommen die schwächeren Gewinnaussichten zur Unzeit, weil die Aktie schon seit 2022 in einer Abwärtsbewegung verläuft – also die gesamte Dax-Hausse in dieser Zeit nicht mitgemacht hat. Teuer ist die Aktie zwar nicht mehr, doch bevor es keine sichere Gewinnerholung gibt, ist eine Kurswende nicht in Sicht. Bei Notierungen zwischen 100 und 120 Euro gab es bei Merck seit 2015 wichtige Hochspitzen im Kursverlauf. Womöglich findet auf diesem Niveau dann auch in den nächsten Monaten die Bodenbildung der Aktie statt.
Flaute trifft RWE
Mit einem Gewinnrückgang von 60 Prozent schnitt RWE im ersten Quartal zwar nicht direkt schlechter ab als erwartet; um den Aktienkurs nachhaltig nach oben zu drehen, dürfte das aber nicht ausreichen.
Für Aktionäre liegt das Problem darin, dass die Gewinnentwicklung von RWE nicht einfach zu greifen ist: Der Energiehandel enttäuscht, ungünstige Wetterbedingungen führen zu einer geringeren Produktion aus Windstrom, noch immer sind die Folgen der Strompreisturbulenzen der vergangenen Jahre zu spüren. Der bereinigte Nettogewinn könnte in diesem Jahr mit 1,3 bis 1,8 Milliarden Euro weit unter Vorjahr liegen.
Für RWE-Aktien bedeutet dies keinen Rückschlag mehr, da die Kurse die aktuelle Unsicherheit schon seit eineinhalb Jahren durch rückläufige Schwankungen verarbeiten. Damit könnte sich trotz der moderaten Meldungen in den nächsten Wochen die Bodenbildung zwischen 30 bis 34 Euro fortsetzen. Gelingt im späteren Jahresverlauf der Anstieg auf über 34 bis 35 Euro, wäre dies ein wichtiges Kaufsignal.
Fazit für den Dax: Seit dem Tief Anfang April hat der Dax nicht nur den Zoll-Crash und die vorangegangene Schwächephase komplett ausgeglichen, er ist auch in neue Höhen vorgestoßen. Dabei zeigen die jüngsten Korrekturen von Favoriten wie der Allianz, der Münchener Rückversicherung oder Siemens, dass der Aktienmarkt nicht in seiner ganzen Breite nach oben drängt.
Das gilt erst recht für die US-Börsen: Hier haben zwar große Trendwerte wie Microsoft, Nvidia oder Broadcom und selbst E-Pionier Tesla wieder Fahrt aufgenommen, dafür bleiben Aktien aus den Branchen Pharma, Konsum und Energie sowie Favoriten wie Apple und Alphabet unter Druck.
Sowohl das Ausmaß der bisherigen Erholung als auch die Differenzierung der Aktienmärkte sprechen für eine bald anstehende Korrektur, die sich womöglich bis in den Juni hineinziehen könnte. Im Dax wäre ein Rückgang in den Bereich 23.000 bis 22.000 kein Problem, hier verlaufen seit Frühjahr wichtige Unterstützungen sowie der seit 2024 bestehende Aufwärtstrend.
Mit einer solchen Korrektur würde sich die aktuelle Überhitzung der Börsen abkühlen, Stimmungsindikatoren wie der von CNN wieder in den neutralen Bereich zurückgehen, und gedrückte Aktien wie Merck und RWE könnten sich zunehmend stabilisieren. Der Nachhaltigkeit des Anstiegs im weiteren Jahresverlauf käme dies alles zugute.
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Hinweis: Der nächste Dax Radar erscheint erst wieder am 30. Mai