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Riedls Dax-Radar Warum die Aktienmärkte kaum unter Corona leiden

Eine Mitarbeiterin eines chinesischen Pharmaunternehmens arbeitet in der Fertigungshalle für Medikamente. Quelle: dpa

Immer mehr Unternehmen spüren die Folgen des Coronavirus. Doch die Aktienmärkte schlagen sich gut – dank der Notenbanken, die den Zins niedrig halten. Bei langfristigen Renditen sind sogar neue Tiefststände möglich.

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Die Einflüsse, unter denen die Aktienmärkte derzeit stehen, sind gemischt. Von Apple bis Adidas, von LPKF bis Lufthansa bekommen immer mehr Unternehmen direkt und heftig die Auswirkungen des Coronavirus zu spüren. Die Konsequenzen sind unmittelbar, die Kurse der betreffenden Aktien geraten unter Druck oder legen eine längere Pause ein. Ein solcher Dämpfer kann umso heftiger ausfallen, je stärker die Kurse vorher gestiegen sind.

Insgesamt halten sich die Märkte vergleichsweise gut. Der Dax hat bisher von der Spitze in zwei Tagen 200 Punkte verloren, dafür hat er in zwei Wochen davor 900 Punkte gewonnen.

Schlechter sieht diese Relation im Dow Jones aus. Der US-Aktienmarkt ist in der gleichen Zeit um drei Prozent geklettert, die Hälfte davon hat er in sechs Tagen wieder verloren. Zudem konnte der Dow den Ausbruch auf ein neues Hoch Mitte Februar nicht verteidigen. Das spricht dafür, dass sich der US-Markt erst einmal festgefahren hat. Für die nächsten Wochen könnte sein Spielraum zwischen 28.200 und 29.600 Punkte liegen.

Eine Stütze für den Dow ist die Stärke der Technologiewerte. Der Nasdaq-100-Index musste am Donnerstag (20. Februar) zwar ebenfalls einen schnellen Rückschlag hinnehmen, insgesamt aber hat er erst zwei Prozent vom All-Time-Hoch bei 9740 Punkte abgegeben. Die 200-Tage-Linie, die den mittel- bis langfristigen Trend markiert, verläuft bei gut 8100 Zählern. Dieser enorme Abstand ist ein wichtiger Puffer im Fall einer Konsolidierung. Selbst Schwankungen von bis zu zehn Prozent könnte der Nasdaq-Index verkraften, ohne den großen Trend zu brechen.

Der wichtigste positive Effekt des Coronavirus für die Märkte ist das Bemühen der großen Notenbanken, das Umfeld für die Märkte weiterhin vorteilhaft zu gestalten. Aus den jüngsten Protokollen der Fed geht hervor, dass es im Vorfeld der US-Wahl (3. November) keine Veränderung der Zinsen geben dürfte. In Europa herrscht seit dem EZB-Antritt von Christine Lagarde bei Zinsänderungen ohnehin Sendepause.

Der Kapitalmarkt reagiert prompt. Zum Jahreswechsel hatten die zehnjährigen US-Staatsanleihen fast schon das Niveau um zwei Prozent erreicht. Seitdem geht es wieder bergab, zuletzt mit erhöhter Dynamik. Aktuell liegt die Rendite der US-Bonds bei 1,49 Prozent. Damit ist fast das Tief vom September 2019 erreicht. Die Folgen des Coronavirus könnten dazu führen, dass die US-Renditen unter dieses Tief rutschen, womöglich in den Bereich 1,3 bis 1,2 Prozent.

Normalerweise würde diese Zinstendenz den Dollar schwächen. Doch genau das ist derzeit nicht der Fall. Zum einen gilt der Greenback in der aktuell kritischen Marktverfassung wieder einmal als Ankerwährung; zum anderen steht der Euro durch die neue, politische Linie der EZB ebenfalls unter Druck. Und auch in Europa stehen die Renditen unter Druck. Mittelfristig ist bei den zehnjährigen Bundesanleihen ein Rückgang von minus 0,46 Prozent auf das letztjährige Tief bei minus 0,7 Prozent nicht ausgeschlossen.

Dem Dax kommt die neue, abermalige Entspannung auf der Zinsseite und zugleich die Entlastung auf der Währungsseite durch den schwachen Euro voll zugute. Diese Effekte überlagern insgesamt die negativen Folgen und Ängste durch das Coronavirus. Solange es hier nicht zu einer wirklich heftigen Eskalation kommt, dürften niedrige Zinsen und schwacher Euro für die Gesamttendenz wichtiger sein als Nachrichten von der Virenfront.

Die Dax-Werte der Woche

Für den Dax heißt das: Kurzfristig könnte der Aktienindex seine erste Unterstützungszone bei 13.500 bis 13.600 verteidigen. Selbst wenn der Markt noch weiter abdriftet, gibt es bis in den Bereich um 13.000 hinab immer wieder Chancen zur Stabilisierung. Erst wenn – wider Erwarten – die Zone 13.000/12.900 Punkte nicht halten sollte, wäre das positive Grundszenario im Dax in Gefahr.

Erfolgreiche Geschäftsmodelle in kritischen Zeiten: Versicherungen und Gesundheit

Das gemischte Bild im Index zeigt sich in führenden Aktien. Die Allianz hat gute Zahlen und Prognosen vorgelegt und keine Angst vor den Folgen des Coronavirus. Aktienrückkäufe gehen weiter, die Dividende wird erhöht. Im wichtigen Lebensversicherungsgeschäft zeichnet sich ein Comeback ab. Lange waren diese Policen unbeliebt; doch jetzt, in Zeiten des allgemeinen Anlagenotstands, greifen wieder mehr Sparer und Kunden darauf zurück. Für das Geschäftsmodell der Allianz ist das ein großer Erfolg, ebenso wie die Fortschritte in der Digitalisierung.

Starke operative Zahlen und Prognosen liefert MTU Aero Engines. Nach dem langen Kursanstieg der vergangenen Jahre kam es zu einer Verkaufswelle nach guten Zahlen. Für Unsicherheit sorgt zudem ein Gemeinschaftsunternehmen in China zur Triebwerksinstandhaltung. Spätestens im Bereich zwischen 240 und 250 Euro sollte sich die Aktie wieder stabilisieren. Die gute Auftragslage spricht dafür, dass MTU von da aus dann seinen Rekordflug fortsetzt.

Mühsam verläuft die Stabilisierung bei Covestro. Schon ohne Coronavirus wäre 2020 für die Leverkusener Kunststoffexperten nur ein Übergangsjahr geworden. Mit Corona besteht nun ein zusätzliches Risiko für die Chemiekonjunktur, die stark von Asien und China abhängt – bei der Abnahme wie bei der Produktion. Wahrscheinlich werden Covestro-Aktien mehrere Monate brauchen, um zwischen 37 und 47 Euro einen Boden zu bilden.

Besonders betroffen vom Coronavirus ist Lufthansa. Die operativen Zahlen aller Fluglinien gehen empfindlich zurück, Logistik-Indizes zeigen mit Dynamik nach unten. Ob die Lufthansa-Aktie sich über den Tiefpunkten bei 13 bis 14 Euro halten kann, bleibt abzuwarten.

Aufgehellt hat sich das Szenario für Fresenius und FMC. Ausgerechnet neues Wachstum in Asien spricht dafür, dass die Kernkompetenz der Fresenius-Gruppe, die Dialyse, weiterhin und langfristig ein erfolgreiches Geschäftsmodell ist. Wahrscheinlich werden Fresenius-Aktien zunächst noch etwas zwischen 45 und 51 Euro konsolidieren, bevor sie dann den Ausbruch proben. Ein Anstieg über 51 Euro wäre ein starkes Kaufsignal.

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