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Riedls Dax-Radar
DAX zuversichtlich auf die kommenden Monate. Quelle: Marcel Stahn

Was Infineon für den Dax so entscheidend macht

Infineon startet durch, SAP und Siemens kommen wieder, die Allianz liefert starke Zahlen. Im Vorfeld der Angstmonate September und Oktober zeigt sich der Dax in robuster Verfassung – ein gutes Zeichen.

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Im ersten Moment, als Infineon seine jüngsten Quartalszahlen veröffentlichte, ging der Aktienkurs in die Knie. Anleger waren enttäuscht, dass der Münchener Halbleiterhersteller gegenüber dem direkten Vorquartal nur um ein Prozent mehr Umsatz erzielt hat. Auch der Gewinn legte nicht besonders stark zu. In einer Zeit, in der alle Welt auf Chips scharf ist, hätte einer der wichtigsten Hersteller von Halbleitern besser verdienen müssen.

Grund für das enttäuschende Abschneiden von Infineon waren vor allem Produktionseinschränkungen in Malaysia wegen Corona. Eigentlich ist Infineon ein Coronagewinner, weil der digitale Umbau in Wirtschaft und Gesellschaft durch die Pandemie beschleunigt wird und dadurch die Nachfrage nach Halbleitern massiv steigt. Doch Infineon wird zum Coronaverlierer, wenn durch krankheitsbedingte Ausfälle die Produktion begrenzt wird und die Nachfrage nicht mehr angemessen gedeckt werden kann.

Dieses Problem sollte zunehmend behoben werden. Für das vierte Quartal des aktuellen Geschäftsjahres, das bis Ende September läuft, verspricht Infineon eine deutliche Zunahme der Produktion. Von September an wird dann eine neue Fabrik im österreichischen Villach in Betrieb gehen. Das alles dürfte dazu führen, dass Infineon nach gut elf Milliarden Euro Umsatz und wahrscheinlich fast 1,1 Milliarden Euro Nettogewinn im noch laufenden Geschäftsjahr dann 2021/22 auf Wachstumskurs bleibt.

Allerdings, Aktien von Infineon sind mittlerweile alles andere als billig. Die Gewinnbewertung im Bereich um 40 entspricht etwa dem Durchschnitt von Konkurrenten wie Nvidia, NXP oder Renesas. Infineon ist Weltmarktführer bei Chips für erneuerbare Energien und Topanbieter von Chips für Fahrzeuge und Sicherheit. Die hier laufenden großen Trends werden die Nachfrage auf Jahre hinaus beflügeln. So gesehen haben die aktuellen Chipengpässe sogar Vorteile, da der Halbleiterbedarf dadurch nicht verringert wird, sondern zeitlich gestreckt.

Für den Dax sind Infineon-Aktien so entscheidend, weil sie mittlerweile zum wichtigste Technologieträger aufgestiegen sind. SAP und Siemens sind größer. Doch keiner steht so an der Spitze weltweiter Megatrends wie Infineon und hat damit für den Gesamtmarkt eine solche Signalwirkung.

Weltweit starten Chipaktien eine neue Kletterpartie

Die Signale, die von der Technologieseite kommen, sind positiv. Der Nasdaq-100-Index, die wichtigste Preiskurve der Branche, hat mit 15.182 Punkten am Donnerstag (5. August) ein neues Hoch erreicht. Dem Philadelphia Semiconductor Index ist das schon vor einigen Tagen gelungen. Im Sox, wie dieses Barometer kurz genannt wird, stecken die 30 wichtigsten Chipaktien der amerikanischen Börsen, von Nvidia bis Intel, von Texas Instruments bis NXP.

Seit jeher haben Chipaktien für die Technologiebranche im Besonderen und damit für die Börsen im Allgemeinen eine seismografische Funktion. Im Zuge der umfassenden Digitalisierung ist diese Indikation noch ausgeprägter. Mit anderen Worten: Wenn Chipaktien laufen, sind die großen Trends intakt – und dann kippen letztlich auch die anderen Branchen nicht ab, die derzeit die größten Abnehmer von Halbleitern sind: die Fahrzeugindustrie, Kommunikationsunternehmen, die Sicherheitsbranche oder die neuen Energien.

Dabei besteht aktuell keine Krise in der Chipbranche, sondern die Nachfrage nach Halbleitern ist so groß und umfassend, dass die Produktion nicht mehr entsprechend hinterherkommt. Die für die Branche seit jeher typischen Zyklen werden durch die Pandemie noch einmal verstärkt und führen dadurch bei vielen Abnehmern zu Engpässen. Wobei die jüngsten Zahlen großer Chipabnehmer wie Daimler, BMW oder Volkswagen zeigen, dass der Geschäftsverlauf davon zwar gedämpft wird, aber nicht abgebrochen.

Auch SAP und Siemens sind reif für ein Comeback

Dem Dax zugutekommt nun auch die wiedererwachte Stärke seiner in der Gewichtung führenden Technologieaktien. SAP ist nach Vorlage der Quartalszahlen zunächst noch einmal unter die Marke von 120 Euro gesunken, konnte sich von diesem Rutsch aber wieder erholen. In den Augen vieler Börsianer fehlt es SAP derzeit an ungebremster Wachstumsfantasie, die etwa Überflieger wie Nvidia versprühen. Andererseits könnten sich in dieser verbreiteten Skepsis langfristige Anlagechancen verbergen – die SAP natürlich weiter mit substanziellen Zahlen untermauern muss. Immerhin, der jüngste Dreh über 120 Euro ist ein gutes Signal, nach dem SAP-Aktien in diesem Jahr durchaus wieder zu ihren Rekordkursen um 140 Euro klettern könnten.

Auch Siemens hat eine wichtige Wende geschafft. Im Juli sackte die Aktie zunächst unter die Marke von 130 Euro. Bei 126 Euro traf sie punktgenau auf die 200-Tagelinie, seitdem erholt sie sich. Von den Siemens-Ablegern im Dax kommen derzeit gemischte Nachrichten: starke von der Medizintechnik, enttäuschende von den neuen Energien.

Siemens selbst erweist sich als erfolgreicher als erwartet: Der Umsatz legte im Frühjahresquartal um ein Fünftel zu, der Nettogewinn verdreifachte sich, die neuen Bestellungen gingen um 44 Prozent hoch. Auch wenn diese Zahlen wie bei anderen Unternehmen vor dem Hintergrund des besonders schwachen Quartals 2020 zu sehen sind, stecken darin für Anleger positive Signale: Siemens kommt strategisch und operativ besser als erwartet voran, wird durch die Lieferengpässe kaum gebremst – und kann abermals die Prognosen heraufsetzen. Für Siemens-Aktien sollte es kein Problem sein, im nächsten Anstieg bis zum alten Hoch um 146 Euro zu kommen und mittelfristig dann deutlich über 150 Euro zu steigen.

Unter den weiteren Aktien im Dax sind die Überflieger Linde und Merck, schon seit Monaten Top-Performer, nicht zu bremsen. Henkel, Münchener Rück und RWE können von gedrücktem Kursniveau aus wieder Boden gutmachen. Eine Enttäuschung bleibt die Bayer-Aktie. Nach den jüngsten Meldungen über neue Rückstellungen wegen Glyphosat hatte sich der Kurs zunächst gut gehalten, ein Hoffnungsschimmer. Dass es nun aber im viel beachteten Agrargeschäft schlechter läuft als erwartet, ist ein Tiefschlag, dem ein Kursrutsch unter 50 Euro folgte. In den nächsten Wochen geht es darum, dass sich die Aktie im weiten Bereich zwischen 40 und 50 Euro stabilisiert und von da aus abermals einen Wendeversuch startet.

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Gerade zur richtigen Zeit kommen die jüngsten, guten Zahlen der Allianz. Die Angst vor teuren Hochwasserfolgen, die zuletzt deutlich sinkenden Zinsen und Auseinandersetzungen mit großen US-Pensionsfonds haben die Aktie unter die wichtige Marke um 200 Euro sinken lassen. Nun kann die Allianz nach einem starken zweiten Quartal, in dem der operative Gewinn um 29 Prozent gestiegen ist, die Prognose fürs Gesamtjahr hochsetzen. Mit 400 Millionen Euro sind die finanziellen Schäden aus der Hochwasserkatastrophe in einem überschaubaren Rahmen geblieben. Dazu startet die Allianz ein neues Aktienrückkaufprogramm. Mittelfristig sollte die Aktie wieder in den alten Zielbereich 220 bis 230 Euro kommen. Kurzfristig muss sich der Kurs zwischen 190 und 210 Euro dafür aber erst einmal wieder stabilisieren.

Fazit für den Dax: Die Dynamik der weltweiten Technologietrends, die weitere Entspannung auf der Zinsseite und die gute Gewinnentwicklung der meisten Indexunternehmen halten den Trend aufrecht. Seit zwei Monaten schwankt der Index zwischen 15.000 und 15.800 Zählern. Dass er innerhalb dieser Bandbreite vermehrt in der oberen Hälfte notiert, signalisiert ein Übergewicht der Käufer. Zudem ist der Abstand zur steigenden 200-Tagelinie, die derzeit knapp unter 14.500 Punkten verläuft, deutlich und stabil. Ein solcher Sicherheitsabstand ist typisch für einen robusten Markt.

Diese Stabilität ist umso bemerkenswerter, da die allgemeinen Stimmungsindikatoren derzeit eher Unsicherheit und Angst signalisieren. Obwohl die statistisch gefährlichen Monate September und Oktober näher rücken, ist derzeit die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Markt weiter steigt, als dass er abdreht und nach unten wegrutscht.

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