Zschabers Börsenblick: Brummis kommen unter Strom
Das ist das nächste große „E-Thing“, das „Elektro-Ding“, was da auf uns zukommt, sagen Experten. Groß ist es in der Tat. 18, 20, 25 Tonnen und mehr könnten da schon bald an uns vorbeifahren – und zwar ganz ohne Lärm und den typischen Dieselgeruch, der einem in der Nase brennt und Kopfschmerzen verursacht. Nach der Elektrifizierung der Autobranche steht nun die E-Mobilität für die Lastkraftwagen an, in all ihren Facetten.
Schwere Brummis für den Fernverkehr, leichte für die regionale Versorgung, Busse, Baustellenfahrzeuge wie der Muldenkipper und, last but not least, Lkw für die kommunale Abfallentsorgung, die berühmte „Müllkutsche“, die jeden Morgen den Weg zur Arbeit versperrt – es gibt viel zu tun. In der Lkw-Branche herrscht Aufbruchstimmung. Eine ganze Armada aus Fahrzeugen muss modernisiert werden. Im Jahr 2030 etwa, so eine Untersuchung der Unternehmensberatung BCG, sollen in Europa rund 400.000 Lkw verkauft werden, von denen über die Hälfte mit Elektroantrieb fahren soll. Bis 2040 soll der Anteil auf über 80 Prozent steigen, zeigt eine andere Studie von McKinsey.
Test bestanden
Ob die Zahlen so konkret eintreffen, sei mal dahingestellt. Aber: der Trend zur Elektrifizierung der Lastkraftwagen lässt sich wohl kaum in Frage stellen. Genau das wurde allerdings von einigen Kritiker bislang getan. Ein E-Antrieb, so ihr Einwand, sei zu schwach, um ein mehrere Tonnen wiegendes Gefährt durch die Gegend zu lenken. Stimmt nicht, sagen Feldversuche. So hat man erst im zurückliegenden Jahr einen mit Wassertanks beladenen 26-Tonner zu Testzwecken über die Großglockner-Hochalpenstraße geschickt. Aufwärts ging es, über 3000 Höhenmeter musste der dicke Brummi überwinden. Das ging nicht immer im Sauseschritt, aber das hätte angesichts dieser Steigungen und Serpentinen ein traditioneller Diesel-Lkw auch nicht geschafft, am Ende aber wurde die Strecke problemlos bewältigt. Test bestanden.
E-Lkw sind also durchaus alltagstauglich, auch bei schwierigeren Straßenverhältnissen. Einziger Nachteil: die Reichweite. Nach etwa 200 Kilometern muss der 26-Tonner betankt werden. Die Tankpausen, so das Fazit der Tester, könnten aber sinnvoll mit den vorgeschriebenen Ruhephasen für den Fahrzeugführer kombiniert werden.
Doch noch zögern viele Speditionen mit einer Umrüstung ihrer Fahrzeugflotte. Gründe für das Hadern sind vor allem die hohen Anschaffungskosten für einen E-Lkw, der im Schnitt noch drei- bis viermal teurer sein kann als ein Diesel-Lkw, die fehlenden Ladestationen und lange Ladezeiten für die Batterie. Doch die noch weit verbreitete Zurückhaltung der Speditionen dürfte peu à peu geringer werden. Dazu tragen auch die aktuell hohen Rohstoffpreise bei. Denn je höher etwa der Ölpreis notiert, desto eher lohnt sich die Anschaffung eines E-Lkw. Nach Einschätzung von BCG könnten E-Lkw schon in wenigen Jahren unter den Gesamtkosten für herkömmliche Diesel-Lkw liegen. Die Kosten berücksichtigen dabei sowohl die Anschaffung wie auch den Unterhalt, also vornehmlich das Tanken.
Batterie oder Wasserstoff – eine unnötige Diskussion
Umstritten ist allerdings, ob bei der Elektrifizierung der Brummi-Branche der reine E-Antrieb oder doch eher Wasserstoff die Nase vorne haben wird. Beide Antriebe haben spezifische Vor- und Nachteile. Beim Gewicht und beim Tanken etwa schneidet Wasserstoff besser ab. Wasserstoff-Trucks sind leichter – E-Batterien für einen Lkw wiegen mal locker vier Tonnen – und kommen weiter, bis zu 1000 Kilometer mit einer Füllung. Batteriebetriebene Lkw setzen die eingesetzte Energie hingegen viel besser um. Der Wirkungsgrad ist höher, weil die Energie nicht erst in Wasserstoff zwischengespeichert werden muss. Das macht sich am Ende auch in den Tankkosten bemerkbar. Ein Batterie-Truck braucht über seine Lebensdauer Strom für 250.000 Euro, beim Wasserstoff geht es eher in Richtung 500.000 Euro, ist zu hören.
Doch vielleicht ist der Streit zwischen Batterie und Wasserstoff auch gar nicht nötig. Letztendlich werden wahrscheinlich beide Systeme die Straßen erobern, abhängig vom jeweiligen Einsatz. Dabei gilt wohl die Faustregel: Je schwerer der Lkw und je weiter seine Strecken, desto eher lohnt sich ein Wasserstoffantrieb.
Leichtere Fahrzeuge, vor allem auch für den Nah- und Stadtverkehr, werden sich wohl eher mit Batterien auf ihre alltäglichen Versorgungsrouten auf den Weg machen.
Die Auswahl an Unternehmen wächst
Gab es anfänglich nur wenige Unternehmen, die sich der Elektrifizierung von Lkw widmeten, ist die Auswahl auf dem Kurszettel inzwischen deutlich länger geworden. Tesla zum Beispiel, E-Auto-Pionier, hat mit „Semi“ nun auch einen Elektro-Sattelschlepper im Angebot. Diese konkurrieren mit e-Actros, einem Vollelektrischen von Daimler Truck.
Mit dabei auch das Unternehmen Traton, ehemalige VW-Tochter, das mit dem e-Delivery den regionalen Lkw-Verkehr aufrollen will. Regional steht auch bei Canoo auf dem Entwicklungsplan. Das Unternehmen war früher unter dem Namen Evelozcity bekannt und hat sich auf die Herstellung von elektrischen Autos und Kleinbussen spezialisiert. Kunde ist unter anderem Walmart. Die Handelskette hat 4500 Elektro-Vans für die Auslieferung online bestellter Ware geordert.
Doch Vorsicht: Mit Investments in einzelne Unternehmen können Anleger zwar attraktive Renditen erzielen – vor allem dann, wenn vorab eine sorgfältige Analyse erfolgt –, auf der anderen Seite sind sie aber auch nicht frei von Risiken. Das zeigt etwa Nikola. Der Hersteller von Wasserstoff-Trucks aus den USA hat für Image-Zwecken einen nicht fahrbereiten Lkw den Berg runterrollen lassen. Der Trick flog auf, an der Börse schmierten die Papiere in die Bedeutungslosigkeit ab. Mittlerweile fahren die Trucks von Nikola, ganz ohne Gefälle, mit Wasserstoff. Doch der Schaden ist angerichtet – und der Aktienkurs nach wie vor weit vom Allzeithoch entfernt.
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In Wasserstoff macht übrigens auch der italienische Hersteller Iveco. In Kooperation mit Hyundai Motor hat man „eDaily“ vorgestellt, einen Elektro-Kastenwagen. Der 1975 gegründete Iveco-Konzern mit Sitz in Turin produziert allerdings auch noch jede Menge fossil betriebene Nutzfahrzeuge. Ein „grünes“ Investment sind die Italiener also nicht, ebenso wenig wie Daimler Truck und nahezu alle anderen Lkw-Hersteller.
Der Wandel hin zur Elektromobilität hat auch in der Brummi-Branche an Fahrt aufgenommen, aber die Reise hin zu komplett emissionsfreien Flotten wird noch dauern. Die traditionellen Lkw-Hersteller werden erst nach und nach ihre Produktion umstellen. Mehr als wahrscheinlich ist jedoch, dass mit der Zeit mehr und mehr Lkw nahezu lautlos und ohne Abgase durch die Gegend fahren. Das nächste große „E-Ding“, es rollt auf uns zu.
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