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Zschabers BörsenblickEine schlechte erste Jahreshälfte ist noch kein Bärenmarkt

Die ersten sechs Monate 2022 werden Anleger wohl nicht in bester Erinnerung behalten, weil das erste Börsenhalbjahr so negativ war wie lange nicht mehr. Doch der Aktienmarkt bietet nach wie vor Chancen.Markus Zschaber 14.06.2022 - 06:45 Uhr
Foto: dpa

Noch sind es durchaus ein paar Tage hin bis zur Jahresmitte 2022, aber bereits jetzt lässt sich eine Bilanz für das erste Halbjahr am Aktienmarkt ziehen. Man kann das relativ kurz halten, wenn man denn möchte: Rein von der Unter-dem-Strich-Performance her war die erste Jahreshälfte für den deutschen Aktienindex Dax natürlich nicht gut. Die Wertentwicklung gegenüber dem letzten Handelstag 2021 liegt bei rund minus zehn Prozent – das ist sogar schlechter als in der ersten Hälfte 2020, in die immerhin der Rekordblitzcrash zu Beginn der Coronakrise fiel. Man muss schon zurück ins Finanzkrise-Jahr 2008 schauen, um ein noch schlechteres erstes Börsenhalbjahr zu finden.

Anleger dürfen nun allerdings auch nicht außer Acht lassen, dass die vergangenen sechs Monate nahezu alle Facetten der Börse gezeigt haben, vor allen die turbulenten: von historischen Höhen bis zu rasanten Korrekturen – und fast ebenso dynamischen Erholungen. So startete das Jahr für den Dax nahe dem bisherigen Rekordniveau des vergangenen Novembers bei mehr als 16.000 Punkten. Der folgende Kursrückgang wurde durch viele Einflüsse ausgelöst, die leider alle fast zum gleichen Zeitpunkt eintraten.

Beginnen wir zunächst mit der unterschätzen Inflation in den USA und der sogenannten Schockstarre der Fed-Notenbank im Januar, als dieser bewusst wurde, ja, die Inflation ist historisch hoch und ja, man muss etwas tun! Konkret bedeutet dies: Die Abkehr von der jahrzehntelangen Niedrigzinspolitik, hat die US-Notenbank Fed den Leitzins dieses Jahr doch schon zweimal auf aktuell 0,75 bis 1,0 Prozent angehoben. Gefolgt vom sogenannten Extrem-Lockdown in China, verbunden mit enormen Produktionsausfällen und veränderten Lieferketten, die bis heute anhalten. Dazu der russische Angriff auf die Ukraine, der noch einmal alles an Negativeinflüssen beschleunigte, da es eine vergleichbare Auseinandersetzung hier in Europa die vergangenen Jahrzehnte nie gab, auch verbunden mit starken wirtschaftlichen Einflüssen im Energiesektor, der Landwirtschaft und auch der Industrie. Und als wäre dies alles nicht genug, kam auch noch das hiesige Problem der Inflation auf, einschließlich dem Zögern der EZB mit Blick auf die Staatenverschuldungen im Euroraum.

Nun wird die EZB die sogenannte Zinswende im Juli einläuten. Aber anders als nach besagtem Corona-Blitzcrash des Frühjahrs 2020 reichte die anschließende Erholung nicht aus, um die Verluste wettzumachen – und so befinden wir uns jetzt im Juni 2022 zwar auf einem Niveau, das immer noch höher ist als alles, was der Dax in der Vor-Corona-Zeit gesehen hatte, das sich aber eben auch ein gehöriges Stück unter den bisherigen Höchstständen bewegt.

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Bezeichnenderweise bewegt sich aber der VDax New, der Index, der die implizite Volatilität abbildet und so etwas wie ein Nervositätsbarometer darstellt, auf moderatem Niveau. Zwar notiert er aktuell höher als in den Monaten vor der Covid-Pandemie, aber auch weit unterhalb seiner Höchststände. Mit anderen Worten: Trotz eines Umfelds, das unruhiger kaum sein könnte – eine geopolitische Krise mit einem Krieg, der Auswirkungen auf Europa hat, eine von Lieferkettenproblemen belastete Weltwirtschaft und eine neue Ära der Zinspolitik, die Aktien auf den ersten Blick nicht gerade bevorteilt –, sind die Marktteilnehmer vergleichsweise besonnen.

Diese Einstellung ist durchaus gerechtfertigt. So gelten höhere Zinsen zwar als belastend für Aktienkurse – doch wenn man einmal ehrlich ist, sind die 0,25 Prozent bis möglicherwiese 0,50 Prozent, die etwa die EZB für den Leitzins in Aussicht gestellt hat, alles, nur nicht hoch. Vor dem Hintergrund, dass die Inflation sich zuletzt bei acht Prozent bewegte, werden festverzinsliche Anlageprodukte also nicht ausreichen, um der Kapitalentwertung entgegenzuwirken – und das wird Aktien mit ihren überdurchschnittlichen Renditechancen in die Karten spielen, selbst wenn die Zinsen weiter ansteigen sollten. Und ganz nebenbei: Aktien erhalten auch die Kaufkraft.

Das dürfte ein Argument dafür sein, dass das von manch einem Beobachter befürchtete Szenario eines Bärenmarktes ausbleiben dürfte. Zwar darf man sich auch vor der Realität nicht verschließen und muss realisieren, dass speziell im Technologiesektor einige Werte, deren Geschäftsmodellen schlichtweg eine Rechtfertigung ihrer immens hohen Bewertung fehlte, auch solche Anbieter mit nach unten zogen, die an und für sich gut aufgestellte und solide Unternehmen darstellen. Doch daraus einen Bärenmarkt abzuleiten, der sich über Jahre hinziehen würde, wirkt falsch. Vielmehr sollte es darum gehen, eben diese zu Unrecht in Sippenhaft genommenen und an der Börse abgestraften Top-Titel zu identifizieren und dort sukzessive Positionen aufzubauen.

Wer nüchtern und ehrlich auf den Markt blickt, stellt fest: Aktuell gibt es zahlreiche Top-Unternehmen aus der ersten Reihe, die praktisch schon Deep-Valuewerte geworden sind – und nach klassischen Bewertungsmethoden, der Marktposition und der Zukunftsaussicht attraktive Chancen bieten. Zwar ist ungewiss, ob nun schon alle negativen Einflussfaktoren eingepreist sind oder es noch billiger wird! Fakt ist aber: Für Anleger mit einem mittleren und langen Anlagehorizont bieten sich aktuell einige attraktive Kaufgelegenheiten. Ob und wann diese genutzt werden, muss jeder natürlich für sich selbst entscheiden.

Für Anleger, die auf einzelne Aktien setzen möchten, bieten sich vor allem bekannte Unternehmen mit einer starken Marktstellung an – vor allem auch, weil sie die steigenden Preise relativ problemlos weiterreichen können. Anleger, die breiter streuen möchten und damit einhergehend auch geringere Renditechancen akzeptieren, können sich beispielsweise einen ETF auf den MSCI All Country World-Index näher anschauen.
Bitte beachten Sie den Haftungsausschluss.

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