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Inflationsangst und Nullzins So begegnen Sparer dem Vermögensschwund

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Wohl fühlt sich keiner mehr in diesem Szenario - außer den Geldpolitikern

Die Folgen werden vor allem die Deutschen spüren. Denn um das Inflationsziel der EZB von knapp zwei Prozent im Durchschnitt des Euro-Raums zu erreichen, muss angesichts der niedrigen Werte in den südlichen Euro-Ländern vor allem in Deutschland die Inflation steigen. Die Preisentwicklung hierzulande trägt etwa ein Drittel zur Preisentwicklung der gesamten Währungsunion bei. Kommen die übrigen Länder wegen der anhaltenden flauen Konjunktur nicht über Inflationsraten von einem Prozent hinaus, müsste der Preisauftrieb hierzulande rechnerisch auf rund vier Prozent steigen, um im Euro-Land-Schnitt zwei Prozent zu erreichen. Die zwei Prozent hat sich die EZB vorgenommen, um einen sicheren Abstand zur Null-Prozent-Marke zu erhalten, unterhalb derer die von ihr gefürchtete Deflation beginnt.

Wohl fühlt sich mit diesem Szenario außer den Geldpolitikern niemand mehr. Zumal sich schon zum Jahresende 2016 die gefühlte Inflation der deutschen Verbraucher gegenüber November fast verachtfacht hatte auf 2,3 Prozent – der höchste Wert seit Juli 2013, wie Berechnungen der Bank UniCredit ergeben haben. Fatal könnte sie werden, diese Mischung aus gefühlter und echter Inflation, für Menschen wie eben Uwe Siegmund, jenen Chefstrategen der R+V mit den 90 Milliarden Euro im Nacken. Denn der 52-Jährige wird durch strikte Regeln eingehegt. Siegmund kann das viele Geld der versicherten Kunden nicht einfach dort anlegen, wo er es gerne hätte.

Die einschlägigen Vorschriften der Branche führen dazu, dass die R+V wie alle Versicherer vor allem in Anlagen investiert, die Zinsen bringen sollen: Anleihen oder Darlehen also. So um die vier Fünftel des Geldes, das die Kunden abliefern, macht das bei der R+V aus. 70 Milliarden Euro hängen also allein bei der R+V daran, dass die Inflation möglichst nicht über den durch die sichere Anlageform vorbestimmten (und derzeit eben niedrigen) Zins steigt.

Damit sitzt Siegmund ohne eigenes Verschulden in einer Falle, in die sich auch die meisten deutschen Anleger begeben haben, diese wiederum aber aus freien Stücken: 2100 Milliarden Euro haben sie dort geparkt, wo der negative Realzins am stärksten durchschlägt: auf Spar-, Tagesgeld- und Girokonten. Rund 40 Prozent des angelegten Bruttovermögens über zuletzt knapp 5500 Milliarden Euro verliert also mit Sicherheit an Wert. Gemessen am Nettovermögen, sind es sogar knapp 60 Prozent der aktuell angelegten Gelder der Deutschen.

Und Hoffnung auf Besserung kommt für Zinsanleger selbst von höchster Stelle nicht: „Angesichts der aktuellen Inflationsdaten werden wir aber wohl bis auf Weiteres mit dem niedrigen Zinsniveau leben müssen“, sagte Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret vergangene Woche.

Das deutsche Gemüt, es vollführt eine Art doppelten Salto mit Bauchlandung. Erster Salto: Die Angst vor der Geldentwertung, von der die Großeltern erzählt haben, führt zu einer Abscheu gegen alles, was nur entfernt nach Spekulation aussehen könnte. Aktien zählen dazu, da die Theorie besagt, dass der Totalverlust nicht ausgeschlossen ist, wenn die Aktiengesellschaft pleitegeht. Zweiter Salto: Also lieber das Geld Geld sein lassen. Dann ist es immer da, wenn man es braucht. Und dann die Bauchlandung: In Zeiten ohne Zins, aber mit Inflation verschimmelt Geld förmlich. Dass Aktien über einen längeren Zeitraum einen ordentlichen Ertrag versprechen, spielt in den Köpfen der deutschen Anleger eine untergeordnete Rolle. Nur gut zehn Prozent stecken private Investoren hierzulande in Unternehmensanteile, obwohl die über längere Zeiträume sechs bis acht Prozent Ertrag versprechen.

Was also tun, um dieser unangenehmen Situation zu entkommen?

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