Wirtschaft im Weitwinkel: Wohin steuert der Dax zum Jahresende?
Geht es mit dem Aktienmarkt weiter abwärts?
Foto: imago imagesDie europäischen Aktienmärkte haben seit Jahresbeginn einen Verlust von mehr als zehn Prozent erlitten. Die US-amerikanischen Aktienmärkte haben die aufgelaufen Gewinne für 2018 verloren. Für diese Entwicklung gibt es viele Gründe. In der Summe lässt sich die Entwicklung aber darauf zurückführen, dass die Sorgen der Anleger hinsichtlich des weiteren konjunkturellen Verlaufs zugenommen haben.
Auslöser waren die enttäuschenden Berichte der Unternehmen für das abgelaufene dritte Quartal. Und die Sorgen gehen tiefer. Viele Investoren befürchten, dass die US-Notenbank und die Handelspolitik von US-Präsident Trump die Konjunktur nachhaltig schwächen. Dazu kommt noch die wenig hilfreichen Entwicklungen in der europäischen Politik. Insbesondere das Verhalten der italienischen Regierung im Haushaltsstreit mit der EU verstört die Investoren.
Bei der Frage, wie es in den kommenden Monaten an der Börse weitergeht, hilft manchmal ein Blick in die Vergangenheit. Seit Auflage des Index im Jahr 1988 legte der Dax (inklusive Dividenden) 8,2 Prozent pro Jahr zu. Dabei schloss der deutsche Leitindex in lediglich acht Jahren mit einer negativen Kursentwicklung ab. In den übrigen 22 Jahren stand zum Jahresende ein Kursplus.
Die folgenreichste Werbung
Weitgehend unbemerkt vom Normalbürger wurde im Juli 1988 der Dax als offizieller Aktienindex der deutschen Wertpapierbörsen aus der Taufe gehoben. In den Fokus rückte er aber erst rund acht Jahre später mit dem Börsengang des Staatsunternehmens Deutsche Telekom. Eine riesige Werbeaktion mit Schauspieler Manfred Krug machte die T-Aktie bekannt. Sie wurde zur „Volksaktie“ und damit aus den Deutschen - zumindest für ein paar kurze Jahre - auch ein Volk von Aktionären.
Foto: dpaDie größte Blase
Die späten 1990er Jahre waren die Boomphase der Dotcom-Unternehmen. So ziemlich alles, was an der Börse mit Telekom und dem Internet zu tun hatte, wurde gekauft. Der Begriff „New Economy“ wurde geprägt, Firmen aus Technologie, Medien und Telekommunikation (TMT) wurden die höchsten Wachstumsaussichten attestiert. Ihre Bewertungen erreichten schwindelerregende Höhen, die mit normalen Maßstäben klassischer Branchen nicht mehr vergleichbar waren. Die Deutsche Börse schuf das Segment „Neuer Markt“ und schließlich auch die Nemax-Indizes. Binnen nicht einmal eines Jahres – bis zum März 2000 – konnte der Nemax 50 seinen Wert nahezu verzehnfachen. Dann platze die Blase.
Foto: APDer schlimmste Einbruch
Unerfüllbare Gewinnerwartungen und oft kaum materieller Gegenwert hinter den Marktbewertungen führten zum großen Dotcom-Crash. Der Börsenwert der knapp 300 Firmen im „Nemax All Share“ von bis zu rund 235 Milliarden Euro schmolz bis Ende September 2002 auf unter 30 Milliarden Euro zusammen. Auch Standardwerte blieben nicht verschont. Der Dax brach zwischen März 2000 und März 2003 um fast 75 Prozent ein. Die Kleinanleger waren Hauptleidtragende der Kapitalvernichtung.
Foto: dpaDie längste Aufwärtsphase im Dax
Die durch überbordende Immobilien-Spekulationen und die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers ausgelöste Wirtschaftskrise 2007/08 führte zum nächsten Crash. Der Dax hatte sich gerade erst vom Jahr 2003 erholt und büßte nun bis 2009 schon wieder mehr als die Hälfte an Wert ein. Dann aber begann auch dank des Billiggeldes, das die Notenbanken zur Stabilisierung der Wirtschaft in die Märkte pumpten, eine bis heute ungebrochene Rally. Mangels rentabler Alternativen steckten Investoren viel Geld in Aktien. 2013 schaffte es der Dax über die alte Bestmarke. Abgesehen von kleinen Rückschlägen folgte Rekord auf Rekord. Der aktuelle von knapp 13.600 Punkten wurde im Januar erreicht – seit dem Tief 2009 ein Plus von fast 280 Prozent.
Foto: dpaDie beeindruckendste Aktienkurs-Rally
Die wohl irrwitzigste Kursrally erlebten Börsianer im Jahr 2008, als die Stammaktie von Volkswagen in nur zwei Tagen von 360 Euro bis auf 1005 Euro hochschoss. Der Wolfsburger Autobauer wurde für 24 Stunden zum damals teuersten Unternehmen der Welt. Grund: Porsche hatte sich fast eine Dreiviertel-Mehrheit an VW gesichert. Rechnet man die 20-Prozent-Beteiligung Niedersachsens hinzu, gab es kaum noch frei handelbare Papiere auf dem Markt. Leerverkäufer, die auf fallende Kurse setzen und sich bei Anstiegen eindecken müssen, um nicht in Schieflage zu geraten, überboten sich beim Rennen um die wenigen verfügbaren Anteile. Der Kursspuk währte jedoch nicht lange. Schon eine Woche später notierte die VW-Aktie wieder auf dem alten Niveau.
Foto: imago imagesDie beständigsten Dax-Unternehmen
Von den 30 heutigen Dax-Unternehmen ist laut der Deutschen Börse rund die Hälfte seit Beginn dabei. Während etwa der Maschinenbauer Deutsche Babcock oder der Warenhauskonzern Karstadt pleitegingen, Mannesmann, Nixdorf oder Schering übernommen wurden, sind die Lufthansa, die Versorger E.On und RWE, der Industriegase-Hersteller Linde und die Industriekonzerne Siemens und Thyssenkrupp Dax-Mitglieder der ersten Stunde.
Foto: REUTERSDer am besten gelaufene Index der Dax-Familie
Das ist der MDax. Der zweitwichtigste deutsche Index mit aktuell insgesamt 50 Unternehmen aus den traditionellen Industriebranchen wurde 1996 von der Deutschen Börse geschaffen. Wie der Dax wurde auch er auf 1000 Punkte per Ende Dezember 1987 zurückgerechnet, legte aber bis heute um mehr als 2500 Prozent zu - während der deutsche Leitindex Dax im selben Zeitraum um ungefähr 1200 Prozent stieg.
Foto: dpaDie bislang radikalste Neuordnung
Eine erste größere Neuordnung ihrer Indizes nahm die Deutsche Börse im März 2003 vor, als sie den TecDax als Nachfolger des durch Insidergeschäfte und Bilanzfälschungen in Verruf geratenen Nemax 50 einführte. Zugleich verkleinerte der Marktbetreiber den MDax von 70 auf 50 und halbierte auch die Zahl der 100 Unternehmen im darunter liegenden SDax. Der „Small-Cap-Index“ ist seither der Auswahlindex für diejenigen 50 Werte, die den MDax-Aktien nach Börsenwert und Börsenumsatz folgen. Der Dax 30 blieb von den Änderungen unberührt.
Foto: imago imagesDie beiden Jahresabschlüsse, die für den deutschen Leitindex in der jüngeren Vergangenheit negativ ausfielen, waren die Jahre 2008 und 2011. Davor waren es die Jahre 2000, 2001 und 2002, in denen die Kurse teils heftig in Rutschen kamen. In den Jahren 2000 und 2001 war es das Platzen der Dotcom-Blase, das auch am Dax nicht spurlos vorbeiging. 2002 und 2008 waren es Schocks (Spätfolgen 9/11 und Lehman-Krise) sowie die darauffolgenden volkswirtschaftlichen Rezessionen, die den Aktienmärkten zusetzten.
Dass die Aktienmärkte nach einer Übertreibung oder während Phasen einer volkswirtschaftlichen Rezession ein Jahr negativ abschließen, ist im Rückblick keine große Überraschung, sondern ein urtypischer Korrekturgrund. Aber was war im Jahr 2011 los, dem einzigen „unnormalen" Jahr innerhalb dieser Zeitreihe, weil es in diesem weder zu einer Rezession noch zu einem Platzen einer Blase kam?
2011 wurden die Aktienmärkte ab dem Sommer durch Verhandlungen bezüglich einer Anhebung der Obergrenze der US-Staatschulden aufgeschreckt. Es kam zur Machtprobe zwischen den Demokraten und Republikanern, erst im November kam man zu einer großen Einigung. Zwischenzeitlich fiel der Dax um 35 Prozent. Zuvor hatte schon ein Wiederaufkeimen der Euro-Schuldenkrise Sorgen bereitet, beispielsweise flüchtete Portugal unter den Rettungsschirm der EU. Die hohen Kursverluste konnten die deutschen Aktien bis zum Jahresende nicht mehr vollständig wettmachen, es blieb ein Minus von 15 Prozent für das Gesamtjahr stehen. Die Krise drückte zwar die Kurse, der weltweiten Konjunktur ging es 2011 hingegen ausgesprochen gut: In der Euro-Zone wuchs die Wirtschaftsleistung um 1,6 Prozent, in Deutschland sogar um 3,0 Prozent.
Der Dax fiel also, ohne dass es einen „handfesten" Grund gab. Vielmehr waren es die Sorgen davor, dass es etwas passieren könnte, zum Beispiel ein Abrutschen in eine Rezession infolge kurzfristiger Ausgabenstopps von Regierungen.
Das Jahr 2011 und das Jahr 2018 ähneln sich. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich nicht ausgeschlossen, dass die Aktienmärkte trotz einer robusten Konjunktur sich weiterhin schwach entwickeln. Jedoch müssen dafür die Akteure wie Notenbanken und Politiker an ihren aktuellen Kursen festhalten. Zumindest in den USA ist damit zu rechnen, dass die jüngsten Entwicklungen an den Aktienmärkten von Notenbank und Regierung registriert werden. In Europa ist dies leider weniger wahrscheinlich. Jedoch würde sich eine positive Entwicklung in den USA auch auf Europa und Deutschland auswirken.
Der konjunkturelle Rückenwind sollte zunächst weiter anhalten. Die Gewinne der Unternehmen dürften sich entsprechend auf einem weiterhin guten Niveau stabilisieren. Wenn also weniger Gegenwind aus dem politischen Lager kommt, haben wir eine gute Chance, dass die Aktienmärkte einen Teil der jüngsten Verluste wieder aufholen. Auch für 2019 muss man noch nicht gänzlich pessimistisch werden. Jedoch sollte man hierbei nicht vergessen, dass sich der Zyklus langsam dem Ende zuneigt und die Renditebäume nicht mehr in den Himmel wachsen. Zudem dürften sich die US-amerikanischen Aktienmärkte in den kommenden Monaten weiterhin besser entwickeln als die europäischen Indizes.
Für den Dax heißt das: So schlimm, wie es sich jetzt darstellt, sollte es zum Ende des Jahres nicht mehr aussehen. Für 2019 kann man mit einer Rendite in Höhe der Dividendenrendite rechnen, also rund drei Prozent. Große zusätzliche Kursgewinne sollte man aber nicht mehr erwarten.