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Chinas Wirtschaftsstrategie „China geht es nicht nur um Technologie, sondern auch politischen Einfluss“

Mark Anderson sagt, dass es klar war klar, dass China eine immer stärkere Rolle spielen würde. Quelle: dpa

Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa regt sich Widerstand gegen Chinas Wirtschaftsoffensive. Die EU will nun die Industrie der Mitgliedsstaaten stärker schützen. Der US-Zukunftsforscher Mark Anderson spricht im Interview darüber, warum gerade Deutschland dort mehr tun müsste.

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Mark Anderson (68) ist Hightech-Unternehmer und CEO des Strategic News Service, einem besonders in der Hightech-Branche einflussreichen Newsletters, der den Einfluss von Technologie auf die Wirtschaft analysiert. Zu seinen Lesern gehören unter anderem Bill Gates, Elon Musk und Jeff Bezos. Musk ließ sich von Anderson beraten, ob er den Raumfahrthersteller SpaceX gründen sollte. Anderson lebt auf einer Insel vor Seattle.

WirtschaftsWoche: Mr. Anderson, Sie behaupten, dass China wettbewerbsfeindliche und illegale Methoden zu seinem nationalen Geschäftsmodell erhoben hat. Deutschland kommt dabei Ihrer Meinung nach eine Schlüsselrolle zu. Warum?
Anderson: Deutschland ist die stärkste Wirtschaft innerhalb der EU. Stark vereinfacht, zumindest für Betrachter für außen, läuft innerhalb der EU nichts ohne das Einverständnis Deutschlands. Wer also Deutschland unter Druck setzt, übt zugleich Einfluss auf die EU aus.

Und das macht China?
Deutschland ist wegen seiner starken Abhängigkeit von Exporten angreifbar, vor allem die deutsche Autoindustrie, allen voran VW, BMW und Daimler. Außerdem hat die chinesische Staatsführung schon vor vielen Jahren beschlossen, sich in deutsche Unternehmen einzukaufen. Dabei geht es nicht nur darum, gezielt Technologie und Reputation abzugreifen. Sondern eben auch um Druck auf Politiker auszuüben. Die prominentesten Beispiele dafür sind die Deutsche Bank und Daimler. Bei der Deutschen Bank hatte sich China über die HNA vor drei Jahren eingekauft, bei Daimler über Geely-Gründer Li Shufu. Beim Stuttgarter Autokonzern geht es zudem um eins der derzeit ambitioniertesten Projekte der Staatsführung.

Welches meinen Sie?
Die Übernahme der Autobranche. China hat vor vielen anderen erkannt, dass dort gerade eine Zeitenwende stattfindet. Nicht nur der Übergang vom Verbrenner zum Elektromotor, sondern auch autonomes Fahren. Das ist eine der Speerspitzen von Artificial Intelligence. Wer sich dort etabliert, hat sehr viel Macht, und beeinflusst viele andere Industrien.

Aber ist das nicht legitim, wenn ein Land solch eine Chance erkennt und sie nutzt?
Ja, aber nicht mit den Methoden, mit denen China operiert. Sie sind nur innovativ beim Klauen. So hat China unter anderem den Quellcode von Teslas Autopilot gestohlen. Was sie noch brauchen, wird anderen Autoherstellern abgenommen.

Hat Elon Musk, der sogar ein eigenes Werk in Shanghai betreibt, nicht die Patente für elektrisches und autonomes Fahren freigegeben?
Aber nicht den Quellcode. Der chinesische Konkurrent XPeng hat nicht nur das gesamte Antlitz der Tesla-Fahrzeuge kopiert, sondern auch noch deren Webseite nachgeahmt. Dann wurden die Anforderungen für Subventionen geändert, so dass Tesla aus dem Programm herausfiel. Elon Musk musste die Preise senken, um dort wieder hereinzukommen.

Dass China sich bei elektrischen und autonomen Fahrzeugen engagiert, bedeutet nicht, dass sie damit die gesamte Fahrzeugbranche übernehmen.
Das ist der Plan. Das der funktioniert, haben sie bereits bei Telekomausrüstern und der Solarbranche bewiesen. Das Geschäftsmodell ist, die nötige Technologie zusammenzuklauen, den Markt zu besetzen, ihn dann stark zu subventionieren und mittels Dumpingpreisen so zu dominieren, dass kein Konkurrent mehr mithalten kann. Bei Elektroautos geschieht das bereits innerhalb Chinas, demnächst werden sie autonomes Fahren zum Günstigpreis offerieren und dort die Standards setzen.

Auch Japan wurde in den achtziger Jahren der Vorwurf gemacht, dass sie mit wettbewerbsfeindlichen Methoden die Autoindustrie dominieren wollten und zugleich die heimische Branche abschirmten. Geklappt hat es trotzdem nicht.
Japan hat davon abgelassen, als ihm der Westen die rote Karte gezeigt hat. Bei Japan ging es vorrangig um die Autobranche. Für China ist es ein globales Geschäftsmodell, mit dem sie letztlich alle Branchen aufrollen wollen. Der größte Unterschied ist jedoch, dass wir es im Gegensatz zu Japan mit einer Diktatur zu tun haben.

Sie beschäftigen sich schon seit über zwei Jahrzehnten mit China. Wie kam es dazu?
Es war klar, dass China eine immer stärkere Rolle spielen würde. Wir haben uns damals angeschaut, wie sich das auf Wirtschaft und vor allem die Hightech-Branche auswirkt und mit welchen Methoden China vorgeht. Dabei ist auch die Expertise von meinem Freund Sidney Rittenberg eingeflossen, der erste Amerikaner, der Mitglied der Kommunistischen Partei wurde und Mao Zedong beriet. Später saß er viele Jahre in China in Einzelhaft. Sidney, der im vergangenen Jahr starb, wusste wie kein anderer Ausländer wie die Kommunistische Partei Chinas tickt und operiert. Es wird oft vergessen, dass hinter allem eine mächtige Staatspartei steht.

Dass China sehr lax mit intellektuellem Eigentum anderer umgeht, wird seit Jahrzehnten beklagt. Was ist neu an Ihren Erkenntnissen?
Wir haben es anfangs selber etwas unterschätzt. Geklaute Musik, Filme, Microsoft Windows und Microsoft-Office Kopien, es wurde ja auch leichtgemacht. Bis sich ganz klar abzeichnete, dass dahinter ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell steckt, um ganze Branchen mit relativ wenig Aufwand zu unterhöhlen und zu kontrollieren. Wir nennen es Infomerc, also das gezielte Erlangen und Ausschöpfen von Informationen mit allen erdenklichen Mitteln. Die ganzen Investitionen, die in intellektuelles Eigentum geflossen sind, kann man sich so sparen. Und je wichtiger Software wird, umso einfacher wird es.

Was haben Sie mit ihren Einsichten getan?
Wir beraten Unternehmen, Regierungen und Politiker. Wir haben unsere Erkenntnisse über Methoden, Taktiken und Stoßrichtungen bei der Präsidentschaftswahl 2016 übrigens auch den Teams von Hillary Clinton und Donald Trump zukommen lassen. Trump und seine Berater waren sehr daran interessiert. Clinton überhaupt nicht, wie auch schon Obama. Trump war der Erste, der bereit war, nicht nur zu fordern, sondern auch zu agieren und Druck auszuüben.

Der Westen und mit ihm Barack Obama waren überzeugt, dass politischer Wandel in China durch Handel und Diplomatie eintreten würde. Deshalb ist ja China auch in die WTO aufgenommen worden.
Das war ein kolossaler Irrtum. China hatte nie vor, die Regeln der WTO zu befolgen. Es hat nur dazu geführt, dass Xi Jinping sich als Diktator etablieren konnte und sein Volk mit moderner Technologie wie Sensoren, Kameras, Bilderkennung und Künstlicher Intelligenz noch effektiver überwachen und unterdrücken kann.

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