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Deutsche Unternehmer in Südamerika „Ein Klima zwischen Kafka und Mafia“

Trotz Bürokratiewahn und notorischer Korruption gibt es in Südamerika weiterhin deutsche Unternehmer, die dort ihr Geld verdienen. Quelle: dpa

Der größte Reisexporteur Argentiniens? BMW. Während Lateinamerika in Aufruhr ist, reagieren deutsche Unternehmer in der Region erstaunlich gelassen – und ziemlich hemdsärmelig.

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Ludwig Hecker öffnet sein Bürofenster im Geschäftsviertel von Santiago und zeigt nach draußen. Menschentrauben mit chilenischen Flaggen laufen mitten auf der Vitacura-Straße, wo sonst dichter Berufsverkehr herrscht. „Das erleben wir jetzt seit fast einem Monat“, sagt der Geschäftsführer von Ferrostaal Chile. „Das Land ist in Aufruhr.“

Dabei galt Chile stets als das Vorbild in der Region, wirtschaftlich außergewöhnlich erfolgreich, politisch seit vielen Jahren ruhig. Chile, erklärte Staatspräsident Sebastián Piñera noch vor knapp einem Monat, sei eine „Oase der Stabilität“ in Lateinamerika. Heute ist es fraglich, ob Piñera seine Amtszeit noch zu Ende regieren kann. Am 18. Oktober führte eine minimale Erhöhung der Metro-Fahrkartenpreise für umgerechnet vier Euro-Cents zu den gewalttätigstem Demonstrationen seit Ende der Pinochet-Diktatur vor 30 Jahren. Mehr als 25 Menschen sind bislang ums Leben gekommen.

U-Bahn-Stationen wurden verwüstet, hunderte Supermärkte geplündert. Die Regierung verhängte eine Ausgehsperre und schickte das Militär auf die Straße. Randalierer unter den Demonstranten wie Hardliner unter den Militärs und der Polizei schlagen immer brutaler zu. Inzwischen fordern die Menschen eine neue Verfassung. Und sie diskutieren in Bürgerräten, wie die aussehen soll. Vom Musterland ist nicht mehr viel übrig.

Die Demonstrationen haben den Alltag bei Ferrostaal völlig verändert: Hecker muss die Mitarbeiter wegen der Demos oft schon um 13 Uhr nach Hause schicken oder sie arbeiten direkt von zuhause aus. Sie brauchen ohnehin wegen der zerstörten Metro stundenlang, um ins Büro zu kommen. Während der Ausgangssperre konnte das Unternehmen die 24-Stunden-Service-Leistungen etwa in den Tunneln und Eisenbahnen in den Bergwerken des Kupferkonzerns Codelco nicht mehr leisten. Der 51-jährige Hecker ist froh, dass von seinen 500 Mitarbeiterin in Chile niemand verletzt wurde.

Ansonsten spürt er die plötzliche Unsicherheit direkt im Auftragsbuch – vor allem im Druckmaschinenbereich, wo Ferrostaal in Chile stark ist: „Viele der chilenischen Klienten, vor allem aus dem Mittelstand, haben jetzt ihre Investitionen erstmals verschoben“, sagt Hecker, der Chile seit 1993 kennt. „Auch die Zahlungsmoral lässt nach. Die Cashflows unserer Kunden kommen unter Druck.“

Hecker hat sich auf die veränderte Situation eingestellt: Er hat eine Arbeitsgruppe im Unternehmen aufgestellt, um anstehende Veränderungen in Chile so weit wie möglich prognostizieren zu können. „Wir müssen versuchen, ein bis zwei Jahre voraus zu sehen.“ Er sei schon etwas beunruhigt, sagt der aus Bayern stammende Hecker. Aber das merkt man ihm eigentlich nicht an.

Das mag daran liegen, dass Hecker in Lateinamerika ganz andere Bedrohungen gewohnt ist: Von 2009 bis 2014 arbeitete für den deutschen Bau- und Dämmstoffhersteller Xella International GmbH von Monterrey in Mexiko aus als Geschäftsführer für Mexiko und den US-Markt. Die Stadt in Nordmexiko stand damals im Zentrum der bewaffneten Konflikte zwischen Polizei- und Militäreinheiten auf der einen und Drogenbanden auf der anderen. „Dort hatte ich täglich Angst um mein Leben und das meiner Familie“, sagt Hecker. „Die Gewalt war in den Straßen zu spüren.“ Als er ein Angebot bekam, wieder nach Chile zurückzukehren, war er erleichtert.

So routinemäßig wie Hecker reagieren die meisten deutschen Unternehmer, Geschäftsführer und Ex-Pats auf die veränderte Situation in Lateinamerika. In der Region sind Ruhe und Stabilität eher die Ausnahme, abrupte Wechsel in der Politik und der Konjunktur die Regel. Das war schon immer so, geriet jedoch in den Boomjahren des Doppelkontinents in Vergessenheit: Nach der Jahrtausendwende stiegen die Rohstoffpreise für Soja, Kupfer, Öl und Eisenerz rasant an – und ließen die Einnahmen der Unternehmen und Staaten nur so sprudeln. Chinas stürmisches Wachstum löste auch in Südamerika eine Dekade überdurchschnittlicher Konjunktur aus, angetrieben von einem Superzyklus der Rohstoffe, der sich erst 2012 langsam zum Ende neigte. Doch auch in diesen Boomjahren war der Geschäftsalltag in Lateinamerika keineswegs einfach – es stellt sich nur im Nachhinein schöner dar.

Staatliche Gängelung und Willkür, Bürokratiewahn und notorische Korruption sind in allen Ländern bis heute ein Problem. Das krasseste Beispiel ist Venezuela unter dem Diktator Nicolás Maduro, der das Land eisern im Griff hält, während er es herunterwirtschaftet. Die Menschen wandern aus, weil sie hungern und an Krankheiten leiden, die andernorts meist ausgemerzt sind. Aus dem reichsten Ölland der Welt ist eine Hungerdiktatur geworden – und dennoch gibt es auch dort weiterhin deutsche Unternehmer, die Geld verdienen.

Jene, die dort noch Geschäfte machen, würden das nie öffentlich zugeben. Einerseits weil sie nicht der Willkür des Staates und seiner korrupten Schergen ausgesetzt sein wollen. Andererseits fürchten sie, mit den US-Behörden in Konflikt zu geraten, die den Handel mit Venezuela verboten haben. Die Amerikaner belangen jedes Unternehmen empfindlich, dem Geschäftsbeziehungen mit Venezuela nachgewiesen werden können. Die Unternehmen, die noch an den Staat verkaufen – etwa im Medizin- und Lebensmittelbereich – wickeln die Rechnungen über Dollar-Konten auf der Karibikinsel Aruba ab. Die Importe laufen immer über Drittstaaten, meistens von ebenfalls linken Staaten wie Bolivien oder Kuba.

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