1. Startseite
  2. Politik
  3. Ausland
  4. Nato: Läutet Mark Rutte eine neue Ära bei der Nato ein?

FührungswechselLäutet Mark Rutte eine neue Ära bei der Nato ein?

Lange wurde nach einem Nachfolger für Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg gesucht. Nun übernimmt jemand, der nicht immer ganz diplomatisch auftrat. 01.10.2024 - 10:31 Uhr

Jens Stoltenberg und sein Nachfolger Mark Rutte.

Foto: Peter Dejong/AP/dpa

Zehn Jahre lang stand Jens Stoltenberg (65) an der Spitze des mächtigsten Verteidigungsbündnisses der Welt. Der Norweger übergab am Dienstag das Amt des Nato-Generalsekretärs an den früheren niederländischen Regierungschef Mark Rutte (57) in einer Zeremonie im Hauptquartier in Brüssel. Wird sich die Allianz unter der neuen Führung ändern? An dem ein oder anderen Punkt ist das nicht auszuschließen. Ein Überblick nach Themen:

Die Nato und der Krieg in der Ukraine

Im Gegensatz zu Staats- und Regierungschefs wie Bundeskanzler Olaf Scholz und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban gehörte Stoltenberg in den vergangenen zwei Jahren zu denjenigen Politikern, die beharrlich für eine größtmögliche Unterstützung der Ukraine mit westlichen Waffensystemen warben. So vertrat er die Ansicht, dass es in der derzeitigen Situation im Zweifelsfall besser sei, der Ukraine zu helfen, als Bündnisziele für das Vorhalten von Waffen und Munition zu erfüllen. Ähnlich pro-ukrainisch argumentierte Stoltenberg auch in den Diskussionen über eine konkrete Nato-Beitrittsperspektive für die Ukraine.

Wird Rutte diesen Kurs fortsetzen? Die Ukraine kann darauf hoffen. Der Niederländer ist geprägt von der MH-17-Katastrophe im Sommer 2014. Damals brachte eine russische Rakete über der Ostukraine ein Passagierflugzeug zum Absturz. Unter den 298 Opfern waren knapp 200 Niederländer. Rutte hatte zuletzt mehrfach klargemacht, dass die Ukraine westliche Waffensysteme aus seiner Sicht ohne Einschränkungen gegen Russland nutzen können sollte. So wurde in seiner Amtszeit als Ministerpräsident auch beschlossen, der Ukraine niederländische F-16-Kampfflugzeuge zur Verfügung zu stellen. Unter Berücksichtigung der Wirtschaftskraft gehörten die Niederlande unter seiner Führung auch zu den Ländern, die die Ukraine am stärksten militärisch unterstützten.

Nato-Gipfel

„Aktuell sind wir nicht in der Lage, uns gegen einen Angriff Russlands alleine zu verteidigen“

Die Nato braucht eine Eindämmungsstrategie im Kampf gegen Russland, sagt Ex-Nato-Strategin Stefanie Babst. Außerdem müsse Deutschland mehr in Verteidigung investieren – und damit in unsere eigene Lebensversicherung.

von Angelika Melcher

Die Nato und Donald Trump

Eine besonders große Herausforderung dürfte der neue Job für Rutte werden, wenn es nach der US-Präsidentenwahl im November zu einer Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus kommen sollte. Äußerungen des Republikaners hatten in der Vergangenheit Zweifel daran geweckt, ob die USA unter seiner Führung uneingeschränkt zur Beistandsverpflichtung stehen würden. Bereits in seiner Amtszeit von 2017 bis 2021 hatte Trump immer wieder über die seiner Ansicht nach zu niedrigen Verteidigungsausgaben von europäischen Alliierten gewettert und zeitweise sogar mit einem Austritt der USA aus dem Bündnis gedroht.

In Sachen Trump steigt Rutte in große Fußstapfen: Stoltenberg erwarb sich in der ersten Amtszeit Donald Trumps große Anerkennung, weil er es immer wieder schaffte, zu vermitteln und besänftigen. Würde Rutte das auch gelingen? Die Voraussetzungen könnten schlechter sein. Während eines Treffens mit Rutte im Jahr 2019 sagte Trump, er und Rutte seien Freunde geworden. Er bezeichnete die Beziehungen zwischen den Niederlanden und den USA so gut wie nie zuvor.

Mark Rutte

Ehrgeizig, humorvoll, politischer Überlebenskünstler: Das ist der neue Nato-Chef

Mark Rutte löst Jens Stoltenberg als Nato-Generalsekretär ab. Wer ist der Mann, der die Nato durch Krieg und Krisen in Europa führen muss?

von Daniel Goffart

Die Nato und das Geld

Ob Trump gewählt wird oder nicht – ein Top-Thema für Rutte wird das Werben um höhere Verteidigungsausgaben von europäischen Alliierten sein. Rutte gilt bei diesem Thema jedoch als wenig glaubwürdig. Unter ihm als Ministerpräsident wurden in den Niederlanden noch 2018 lediglich 1,2 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Verteidigung ausgegeben. Erst in diesem Jahr könnte das sogenannte Zwei-Prozent-Ziel der Nato knapp erreicht werden.

In der Amtszeit Stoltenbergs stiegen die Verteidigungsausgaben der Nato-Staaten deutlich. Wirkliche große Investitionsschübe gab es allerdings nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022, und Stoltenberg machte in einer seiner letzten Reden deutlich, dass zwei Prozent des BIP seiner Meinung nach nicht ausreichen werden, um eine sichere Verteidigung und Abschreckung zu garantieren.

Verteidigung

Das steckt hinter dem milliardenschweren Start-up-Fonds der Nato

Seit 2023 hat die Nato einen Fonds für private Investitionen. Das Geld stammt von den Mitgliedstaaten, mit erheblicher Beteiligung Deutschlands. Nicht dabei: die USA. Stattdessen gibt es eine Partnerschaft mit der EU.

von Daniel Goffart und Lisa Ksienrzyk

Die Sorgenkinder Ungarn und Türkei

Deutlich mehr Fragezeichen gibt es, wenn es um die Beziehungen von Rutte zum ungarischen Regierungschef Orban und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geht. Schafft es der Niederländer, seine Konflikte mit den beiden unter Kontrolle zu halten? Das Verhältnis zwischen Rutte und Erdogan sowie Rutte und Orban gilt als extrem schwierig. Als Ministerpräsident machte Rutte nach der Einführung eines homosexuellenfeindlichen Gesetzes in Ungarn deutlich, dass er für das Land derzeit eigentlich keinen Platz mehr in der EU sieht. Mit Erdogan legte sich Rutte unter anderem an, weil dieser Wahlkampf-Auftrittsverbote für türkische Regierungsmitglieder in den Niederlanden kritisierte.

Ob Rutte ein ebenso erfolgreicher Generalsekretär wird wie Stoltenberg, wird am Ende davon abhängig sein, ob er sich als Vertreter aller Staats- und Regierungschefs der Nato-Staaten sieht. Als militärische Supermacht geben die USA in der Nato zwar den Ton an, das Konsensprinzip sorgt aber dafür, dass auch jeder andere Alliierte mit einem Veto Beschlüsse verhindern kann. Hauptaufgabe des Generalsekretärs der Nato ist es deswegen, die politischen Abstimmungsprozesse zwischen den Alliierten zu koordinieren und dafür zu sorgen, dass auch bei schwierigen Themen ein Konsens erzielt werden kann.

Schneller schlau: Nato
Der Kurzname Nato steht fürNorthAtlanticTreatyOrganization – auf Deutsch: Organisation des Nordatlantikvertrags
Die Nato ist eine Allianz von europäischen und nordamerikanischen Ländern. Grundsätzlich heißt es bei der Nato, eine Nato-Mitgliedschaft sei offen für „jeden anderen europäischen Staat, der in der Lage ist, die Grundsätze dieses Vertrags zu fördern und zur Sicherheit des nordatlantischen Gebiets beizutragen.“Um Mitglied zu werden, muss man den sogenannten „Membership Action Plan“ der Nato erfüllen. Zu diesem Plan wird man von der Nato eingeladen.
Mit Schwedens Beitritt im März 2024 und dem Beitritt Finnlands im April 2023 hat die Nato aktuell insgesamt 32 Mitglieder. Seit 1949 sind Belgien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Island, Italien, Kanada, Luxemburg, die Niederlande, Norwegen, Portugal und die USA dabei. Sie gelten als Gründungsmitglieder. Später traten Griechenland und die Türkei (1952), Deutschland (1955), Spanien (1982), Polen, die tschechische Republik und Ungarn (1999), Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei, Slowenien (2004), Albanien und Kroatien (2009), Montenegro (2017) und Nordmazedonien (2020) bei.Stand: 11. März 2024
Die Nato und all ihre Mitglieder haben sich dazu verpflichtet, dass ein Angriff gegen eines oder mehrere ihrer Mitglieder einen Angriff gegen alle darstellt. Dies ist das sogenannte Prinzip der kollektiven Selbstverteidigung. Es ist in Artikel 5 des Washingtoner Vertrags festgeschrieben und fand in der Geschichte der Nato erst einmal Anwendung: als Antwort auf die Terroranschläge des 11. Septembers 2001 in den USA.
Laut Angaben der Nato beraten sich die Mitglieder täglich zu Sicherheitsfragen. Demnach kommen hunderte Beamte sowie zivile und militärische Experten jeden Tag zusammen. Ein Nato-Beschluss ist „der Ausdruck des kollektiven Willens aller Mitgliedsstaaten“, schreibt die Nato fest. Alle Entscheidungen werden konsensbasiert getroffen, also nach Diskussion und Konsultation zwischen den Mitgliedsländern. Bei der Nato gibt es keine Abstimmungen. Ein Beschluss ist immer das Ergebnis von Beratungen, bis eine für alle akzeptable Entscheidung getroffen ist.
Der Nato-Generalsekretär ist der höchste internationale Beamte im Bündnis. Er ist das öffentliche Gesicht der Nato, leitet den Internationalen Stab der Organisation und verantwortet die Steuerung der Beratungen und die Entscheidungsfindung in der Allianz.
Die Nato hat sich dazu verpflichtet, nach friedlichen Lösungen von Konflikten zu suchen. „Doch wenn diplomatische Anstrengungen scheitern, hat sie die militärische Macht, Operationen des Krisenmanagements durchzuführen“, heißt es bei der Nato. Diese müssen den eigenen Auflagen zufolge „im Rahmen der Beistandsklausel im Gründungsvertrag der Nato – Artikel 5 des Washingtoner Vertrags – oder mit einem Mandat der Vereinten Nationen erfolgen, entweder allein oder in Zusammenarbeit mit anderen Ländern und internationalen Organisationen.“

Stoltenberg verstand diesen Job. Mit seiner zurückhaltenden Art, Geduld und diplomatischem Geschick glückte es immer wieder, Blockaden zu lösen. Zuletzt gelang es ihm beispielsweise, Ungarn und die Türkei zur Aufgabe ihrer Vetos gegen den Nato-Beitritt Schwedens und Finnlands zu bewegen.

Die Nato und der Rest der Welt

Einer der bittersten Momente in der Amtszeit Stoltenbergs war der von den USA erzwungene Nato-Abzug aus Afghanistan, der mit einer Rückkehr der Taliban an die Macht endete. Rutte wird sich mit diesem Thema nicht mehr groß beschäftigen müssen, gleichzeitig dürfte allerdings der amerikanische Druck weiter steigen, das Bündnis deutlich stärker als bislang gegen mögliche Bedrohungen aus China in Stellung zu bringen. Für Rutte könnte das eine schwierige Gratwanderung werden. Europäische Alliierte wie Frankreich und Deutschland stehen dem Kurs der USA in der China-Politik eher kritisch gegenüber.

Stoltenbergs neuer Job

Stoltenberg wird nach seinem Abschied wohl in einer neuen Rolle weiterhin globalen Einfluss auf Sicherheitsfragen nehmen: Medienberichten zufolge soll er im kommenden Jahr Christoph Heusgen als Chef der Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) ablösen. Entsprechende Berichte wurden der Deutschen Presse-Agentur aus mehreren Quellen bestätigt. Die Münchner Sicherheitskonferenz hat sich seit ihrer Gründung 1963 zu einem der bedeutendsten internationalen Foren zur Sicherheitspolitik entwickelt.

Lesen Sie auch: Könnte der neue Nato-Chef auch mit Donald Trump?

dpa
Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick