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Gabriel Felbermayr über den Ölmarkt „Der Ölpreis bei 100 Dollar? Das ist Spinnerei!“

Nach den Drohnenangriffen auf die größte Ölraffinerie in Saudi-Arabien sind die Ölpreise am 16.09.2019 deutlich gestiegen. Quelle: dpa

Gabriel Felbermayr, der Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, warnt nach den Anschlägen in Saudi-Arabien vor Hysterie am Ölmarkt. Er sagt: Der steigende Ölpreis stürzt die Wirtschaft nicht in die Rezession – auch weil Russland und die USA die Angebotslücke füllen dürften.

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Herr Felbermayr, nach dem Terroranschlag auf saudi-arabische Ölanlagen ist der Ölpreis deutlich nach oben geschossen. Wird der Ölpreis jetzt zum Sargnagel für die schwächelnde Weltkonjunktur?
Nein. Der Preisanstieg ist eine zusätzliche Belastung für die Weltwirtschaft – aber keine echte Bedrohung. Noch im vergangenen Juli lagen die Notierungen streckenweise höher. Ich habe auch den Eindruck, dass der Preisschock an den Märkten schnell verdaut wurde. Der Preis (WTI) scheint sich aktuell an der 60-Dollar-Marke pro Barrel eingependelt zu haben. Die Märkte gehen offenbar davon aus, dass sich die Angebotsverknappung infolge des Anschlags verkraften lässt.

Wirklich? Es fallen jetzt täglich rund fünf Millionen Barrel aus, das sind fast fünf Prozent der globalen Förderung.
Klar, fünf Prozent der Weltproduktion, das klingt nach einer Menge. Aber Sie dürfen nicht vergessen, dass Russland und die USA, die neben Saudi-Arabien größten Förderstaaten, ihre Kapazitäten kurzfristig in die Höhe schrauben können. Die beiden Staaten dürften die Zusatzeinnahmen durch den gestiegenen Preis gerne mitnehmen und jetzt aus allen Rohren fördern. Ich sage ganz klar: Der Weltölmarkt kann die fünf Prozent Angebotsausfall relativ problemlos kompensieren.

Gabriel Felbermayr Quelle: dpa

Nicht jeder Analyst ist so optimistisch wie Sie. Einige Auguren sehen den Ölpreis bald wieder bei 100 Dollar…
Das ist Spinnerei. Und selbst wenn es 100 Dollar wären wie vor gut fünf Jahren, könnte die Weltkonjunktur das wegstecken. Nach einer Studie des Internationalen Währungsfonds senkt eine zehnprozentige Ölpreiserhöhung das globale Bruttoinlandsprodukt (BIP) für zwei Jahre um 0,1 Prozent ab. Für 2019 werden derzeit 3,2 Prozent Wachstum prognostiziert. Nehmen wir mal an, der Ölpreis würde doppelt so stark steigen wie jetzt gerade. Dann würden wir beim BIP 0,2 Prozent verlieren. Das ist nicht schön, aber kein Grund für konjunkturelle Hysterie. Was man im Blick behalten muss, ist allerdings der Dollarkurs. Derzeit wertet der Dollar tendenziell auf, das verstärkt die Wirkung steigender Ölpreise für Deutschland. Der Wechselkurseffekt ist in vielen Schwellen- und Entwicklungsländern noch stärker ausgeprägt. Dort wirkt die Kombination aus steigendem Ölpreis und starkem Dollar wie ein konjunktureller Zangenangriff.

In den Siebzigerjahren hat ein Ölpreisschock die Wirtschaft in die Rezession getrieben. Ist ein solches Szenario auch 2019 vorstellbar?
Nein, das halte ich für unwahrscheinlich. Sicher ist es ein Problem, dass sich im Schlepptau des Ölpreises auch andere Rohstoffe verteuern, etwa Gas und Erze; das verbreitert die Basis des Preisschocks. Doch insgesamt ist die Abhängigkeit der Konjunktur vom Ölpreis seit den Siebzigerjahren stark gesunken. Das gilt besonders für die deutsche Volkswirtschaft. Unser Wachstum ist heute deutlich weniger ölintensiv als damals. Wegen der Energiewende spielt Öl zum Beispiel in der Stromversorgung keine Rolle mehr. Auch als Industrierohstoff, etwa in der Kunststoffindustrie, ist Öl vielerorts durch andere Stoffe ersetzt worden.

Und was ist mit dem Konjunkturfaktor Konsum? Steigende Preise sind nicht gerade ein Verkaufsargument.
Höhere Energiepreise schöpfen Kaufkraft ab, die Nachfrageelastizität an der Zapfsäule ist in Deutschland denkbar gering. Aber wir sind beim Ölpreis noch nicht in Größenordnungen, die spürbar auf Konsum und Inflation durchschlagen.

Allerdings zeigt der Anschlag einmal mehr die Verletzlichkeit der saudischen Ölindustrie, die auf relativ engem Raum konzentriert ist. Könnte die Drohnen-Attacke zu einem dauerhaften geopolitischen Risikoaufschlag bei Öl führen?
Ja. Der Raketenangriff hat die Märkte nachdrücklich an die Fragilität des Systems erinnert. Und das betrifft nicht nur Saudi-Arabien. Es gibt eine ähnliche räumliche Konzentration der Förderinfrastruktur auch in anderen Produzentenländern, Kuwait zum Beispiel, ein winziges Land, das für immerhin drei Prozent der Weltproduktion sorgt. Doch die neue Risikoprämie ist nur die eine Seite. Auf der anderen Seite steht eine konjunkturbedingt moderatere Ölnachfrage, die den Preis tendenziell senkt. Die USA sind beim Öl zudem fast autark, die produzieren mittlerweile fast so viel wie sie verbrauchen.

Ist die deutsche Ölversorgung durch das Attentat betroffen?
Nein. Wir importieren kaum Öl aus Saudi-Arabien und haben mit unseren Lieferanten langfristige Lieferverträge. Mehr Sorgen als um Deutschland mache ich mir um Länder, die stark von Ölimporten abhängig sind und zugleich Leistungsbilanzdefizite vorweisen, etwa Südafrika und Indien. Dort ist ein länger anhaltender Ölpreisanstieg eine erhebliche ökonomische Belastung. Und die strahlt dann auch auf Deutschland aus, weil die Nachfrage nach deutschen Produkten aus diesen Ländern sinkt.

Saudi-Arabien macht den Iran für den Anschlag verantwortlich. Welche Folgen hat das für die Opec, wo die beiden Staaten gezwungenermaßen zusammenarbeiten müssen?
Die Probleme zwischen Schiiten und Sunniten haben die Opec längst erreicht und die Organisation schon lange vor dem Anschlag gelähmt. Die Opec ist von alten Glanzzeiten in den Siebzigerjahren, wo sie wirkliche Preissetzungsmacht hatte, inzwischen weit entfernt. Der Zwist unter den Mitgliedstaaten ist für uns sogar von Vorteil. Ich würde mich sehr wundern, wenn einige Opec-Staaten jetzt nicht auf Ihre Förderquoten pfeifen und die Produktion hochfahren würden.

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