Grüner Wasserstoff: Rettet Saudi-Arabien die deutsche Energiewende?
Symbolbild: Die Solaranlage Sakaka in Saudi Arabien.
Foto: PRIm gleißenden Licht der Wüste, zwei Autostunden vom pulsierenden Stadtzentrum Riads entfernt, taucht am Horizont plötzlich ein schwarzer Streifen auf, der beim Näherkommen immer größer wird. So weit das Auge blicken kann, reihen sich über mehr als zwanzig Quadratkilometer 3,3 Millionen Solarpaneelen wie dunkle Wellen im Ozean aneinander. Sudair heißt dieses gerade fertig gestellte Projekt, der größte Solarpark Saudi-Arabiens, ein gigantisches Zeugnis für den energiepolitischen Wandel. Obwohl das Königreich noch über schier grenzenlose Öl- und Gasreserven verfügt, hat hier die grüne Zukunft der mächtigen Scheichs begonnen. Die brennende Sonne und der konstante Wüstenwind treiben den Ausbau erneuerbarer Energien voran – die Grundlage für die industrielle Großproduktion von grünem Wasserstoff.
Was am Golf unter günstigsten Umständen produzierbar ist, wird in Deutschland und Europa dringend gebraucht. Ohne ausreichende Mengen Wasserstoff wird die ökologische Transformation der Wirtschaft scheitern. Bestenfalls ein Viertel bis ein Drittel kann Deutschland in den nächsten Jahren selbst herstellen – wenn es gut läuft. Der Löwenanteil jedoch muss importiert werden. Zwar hat die Bundesregierung gerade den Startschuss für ein 9700 Kilometer langes Wasserstoffkernnetz gegeben, doch der Hochlauf kommt nicht so voran, wie es nötig wäre. Gerade erst hat Norwegen die Lieferung von Wasserstoff nach Deutschland abgesagt; zu teuer sei die Realisierung, zu unklar Absatzbedingungen, hieß es. Auch die Lieferung von Wasserstoff aus Dänemark verzögert sich um mindesten drei Jahre.
Milliarden vom Staatsfonds PIF
Da kommt ein geplantes Megaprojekt der saudi-arabischen Regierung gerade recht: Das Königreich will das größte Unternehmen der Welt für grünen Wasserstoff gründen – mit Hilfe des saudischen Staatsfonds Public Investment Fund (PIF) und einer Reihe internationaler Investoren. Hauptabsatzmärkte werden dem Vernehmen nach neben Asien auch Europa sein, wobei Deutschland eine herausgehobene Rolle spielen soll.
Noch ist die Gründung des Mega-Wasserstoffverbunds in Riad nicht offiziell verkündet, doch die Vorbereitungen stehen nach Informationen der WirtschaftsWoche unmittelbar vor dem Abschluss. Die Führung des neuen Unternehmens mit Sitz im Nahen Osten soll der deutsche Energiemanager Cord Landsmann übernehmen, der unter anderem für E.On und Uniper arbeitete. Ebenfalls dabei ist Siemens Energy, das bereits seit Jahren in der Golfregion forscht und produziert, sowie Thyssenkrupp. Das Unternehmen hadert trotz milliardenschwerer Subventionen der Bundesregierung und der NRW-Landesregierung mit seinen Plänen, einen Teil seiner Produktion mit Hilfe von Wasserstoff auf grünen Stahl umzustellen.
Blackrock, Blackstone und Goldman Sachs sind gekommen
Dass Saudi-Arabien den Wandel zum nachhaltigen Energielieferenten der Welt mit aller Macht vorantreibt, wird auch auf der diesjährigen FII-Konferenz („Future Investment Initiative“) in Riad deutlich. Mehr als 2000 CEOs sind der Einladung des Königshauses gefolgt, unter ihnen Blackrock-Chef Larry Fink, Blackstone-Gründer Stephan Schwarzman und Goldman Sachs-CEO David Salomon. Die „Fat Cats“ der internationalen Finanzszene sind gekommen, weil der für die Transformation der Wirtschaft weltweit notwendige Umbau der Infrastruktur Unsummen an Geld benötigt. Zwar verfügt der saudische Staatsfonds PIF über mehr als 925 Milliarden US-Dollar, aber man braucht trotzdem Partner. Immerhin 125 Milliarden US-Dollar hat der PIF in den vergangenen sieben Jahren in den Umbau der Energiegewinnung investiert, sagte PIF-Gouverneur Yasir Al-Rumayyan. Da er aber gleichzeitig auch der CEO des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco ist, muss Al-Rumayyan beides im Auge behalten.
Große Pläne am Golf
Wie weit der Ehrgeiz der Saudis reicht, machte der Energieminister des Landes, Prinz Abdulaziz bin Salman Al Saud deutlich. Bis 2030 soll 130 Gigawatt an grüner Energie hergestellt werden. Auch in Pipelines, Hafeninfrastruktur und Kapazitäten für Schiffstransport wird investiert. Das Ziel: „Saudi-Arabien wird der größte Lieferant von grünem Wasserstoff“, sagte Prinz Salman.
Allerdings verstehen die Saudis darunter etwas anderes als die Bundesregierung. Als „Grün“ gilt am Golf auch der „blaue“ Wasserstoff, der mit Gas hergestellt wird, wobei das CO2 durch Abscheidung und Verpressung absorbiert wird und nicht in die Atmosphäre gelangt. Dass man in Deutschland noch etwas flexibler werden muss, wenn die Transformation mit Wasserstoff gelingen soll, hat auch Olaf Scholz begriffen. „Man soll sich“, so der Kanzler kürzlich, „beim Wasserstoff nicht in der Farbenlehre verirren“.
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