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Krise zwischen USA und Türkei „Bricht die türkische Wirtschaft zusammen, ist der Migrationsdeal in Gefahr“

Nach einer Eskalation in der Krise zwischen den Nato-Verbündeten Türkei und USA hat sich der Verfall der türkischen Landeswährung Lira rasant beschleunigt. Quelle: dpa

Die US-Sanktionen gegen türkische Minister waren eigentlich bloße Symbolpolitik, setzten die türkische Wirtschaft aber dennoch massiv unter Druck. Eskaliert der Konflikt weiter, steht auch die EU vor Problemen.

Auf die scharfen Worte folgt der Deeskalationsversuch: Die USA und Türkei bemühen sich um die Lösung der aufgekommenen Streitfragen. So zumindest lauten die offiziellen Statements von US-Außenminister Mike Pompeo und seinem türkischen Kollege Mevlüt Cavusoglu am Rande eines Asean-Treffens in Singapur. „Konstruktiv“ sei das letzte Gespräch gewesen, heißt es von US-Seite. Mit Sanktionen und Drohungen werde nichts erreicht, erklärte Cavusoglu. Der Dialog und die enge Zusammenarbeit würden jedoch fortgesetzt.

Stunden zuvor klang das noch anders. Die Türkei warf der US-Regierung eine „feindselige Haltung“ vor, kündigte Vergeltung an. Auslöser für den Streit sind Sanktionen, die die USA gegen zwei türkische Minister verhängt hatte, weil der evangelikale Pfarrer Andrew Brunson aus den USA seit zwei Jahren in der Türkei wegen Terrorvorwürfen inhaftiert ist und aktuell unter Hausarrest steht.

Die Sanktionen kommen für die Türkei zur ungünstigsten Zeit. Obwohl sie sich erst einmal nur gegen zwei Minister aus dem Kabinett Erdogans richten und keineswegs gegen die türkische Wirtschaft, treffen sie das Land ins Mark. Nach Bekanntwerden der Sanktionen gab der Leitindex der Börse von Istanbul um drei Prozent nach.

Aus Sorge vor einer Zahlungskrise des Landes und einer Eskalation des Streits rutschte die Lira auf ein Rekordtief ab. „An den Finanzmärkten werden Wetten auf einen Zahlungsausfall der Türkei innerhalb der nächsten fünf Jahre bereits mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 20 Prozent gehandelt“, sagt Commerzbank-Devisenexperte Lutz Karpowitz.
Die Trump-Regierung kann dem vergleichsweise gelassen entgegensehen. Eine Finanzkrise der Türkei träfe die USA kaum. Während die EU der wichtigste Handelspartner der Türkei ist, sind die Handelsbeziehungen zu den USA deutlich geringer ausgeprägt. Auch politisch ist die EU stark mit der Türkei verflochten.

„Bricht die türkische Wirtschaft zusammen, ist der Migrationsdeal in Gefahr“, sagt der Ökonom Erdal Yalcin, Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Hochschule HTWG in Konstanz. Überhaupt wäre eine Kontrolle der türkischen Grenzen durch die Türkei nur noch schwer machbar. „Die Migrationsströme in Richtung EU über die Türkei würden wahrscheinlich wieder zunehmen.“

Dass die Sanktionen die Türkei so hart treffen, hängt mit der angeschlagenen wirtschaftlichen Lage des Landes zusammen. „Die Türkei leidet seit dem gescheiterten Putschversuch 2016 unter massiven wirtschaftlichen Problemen“, sagt Yalcin. Das Land verzeichnet zwar hohe Wachstumsraten – doch die sind teuer erkauft durch Staatsausgaben, die wiederum über ausländisches Kapital finanziert werden. „Die Türkei ist davon extrem abhängig“, betont Yalcin. „Würden internationale Investoren das Kapital aus der Türkei abziehen, würde in der Türkei mit großer Wahrscheinlichkeit das Finanzsystem zusammenbrechen.“

Moody’s, Standard & Poor’s und Fitch haben die türkischen Staatsanleihen wegen der Schuldenpolitik des Landes bereits auf Ramschniveau gesetzt. Auch die größten Konzerne des Landes – darunter Vorzeigeunternehmen wie Turkish Airlines und der Mobilfunkriese Turkcell – wurden jüngst abgewertet.

Spätestens seit 2016 befindet sich die Türkei in einer Spirale aus Kursverfall der Landeswährung und immer weiter anziehenden Preisen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Im Gegenteil. Die Inflation in der Türkei legt seit Monaten zu – die Inflationsrate ist so hoch wie seit 2003 nicht mehr. Ein Grund dafür sind die weiter ansteigenden Energiepreise weltweit. Die Türkei ist auf Öl- und Gasimporte angewiesen. „Die Wirtschaft der Türkei befindet sich ohnehin schon auf Messers Schneide“, sagt Yalcin. „Das Land bewegt sich zunehmend auf eine Finanzkrise zu.“

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