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US-Wahl „Gewinnt Trump, drohen neue Zölle“

Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Gabriel Felbermayr Quelle: dpa

Handelsökonom Gabriel Felbermayr über die gescheiterte Zollstrategie von Donald Trump – und die handelspolitischen Gefahren im Falle seiner Wiederwahl im November.

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Gabriel Felbermayr, 44, ist seit März 2019 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel.

WirtschaftsWoche: Herr Felbermayr, trotz der von US-Präsident Trump verhängten Strafzölle ist das amerikanische Handels- und Leistungsbilanzdefizit in seiner Amtszeit kaum gesunken. Wird Trump im Falle seiner Wiederwahl daraus lernen – oder legt er protektionistisch noch einen drauf?
Gabriel Felbermayr: Ich fürchte, er wird eher noch drauflegen. Trump könnte neben den bereits angedrohten Autozöllen auch neue Zölle im Agrarbereich einführen – oder sogar im Maschinenbau. Dort wären für Deutschland die Schmerzen am höchsten. Hoch spezialisierte mittelständische Maschinenbauer können Zölle nicht so gut umgehen wie große Konzerne, die Produktion einfach hinter die Zollmauer verlagern. Allerdings ist Trump so sprunghaft und unberechenbar, dass auch ein ganz anderes Szenario denkbar ist – nämlich ein überraschender Schulterschluss mit Europa gegen China. Auch in der EU hat die Chinaskepsis ja deutlich zugenommen. Einen solchen Deal könnte Trump zu Hause als großen politischen Erfolg verkaufen.

Bleibt die Frage, warum der Importsog in den USA ungebrochen ist - trotz aller Zollhürden.
Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Prinzipiell werden die Handels- und Leistungsbilanz nicht von Zöllen, sondern von makroökonomischen Größen getrieben - nämlich den Spar- und Investitionsentscheidungen. Und in den USA gibt es einen gigantischen Konsumsog. Um es ganz klar zu sagen: Es ist der amerikanische Verbraucher, der das Handels- und Leistungsbilanzdefizit  in die Höhe treibt. Die Amerikaner sparen schlicht zu wenig. Die Sparquote ist zuletzt zwar gestiegen, aber ausgehend von äußerst niedrigem Niveau und wohl auch nur temporär. Die massiven Transfers und das staatliche Helikoptergeld während der Krise haben den Haushalten trotz des Lockdowns einen hohen Konsum ermöglicht.

Und was sind die weiteren Gründe für die Lücke zwischen Ein- und Ausfuhren?
Eine wichtige Rolle spielt das gewaltige Budgetdefizit Amerikas; allein 2020 rechnen Experten mit einer Defizitquote von 15,9 Prozent. Zudem ist es infolge der Zölle zu massiven Umlenkungseffekten von Warenströmen gekommen. Viele US-Unternehmen haben Vorprodukte statt aus China nun eben aus Mexiko oder Vietnam bezogen. Sie haben also eine billige Warenquelle durch eine andere ersetzt und sich so vom Kostenschock durch Trumps Zollaktivismus entlastet. Zugleich funktioniert der von Trump gefeierte „Phase-1-Deal“ mit China nur unzureichend, weil China weit weniger US-Güter einkauft als zugesagt.

Wir erleben derzeit eine Phase der De-Globalisierung und eines Systemkampfes zwischen China, dem Westen und wohl auch Russland. Wie gefährlich ist das für global operierende deutsche Unternehmen, die in allen Weltregionen Geschäfte machen wollen?
Noch können sich die meisten Unternehmen damit arrangieren. Vor allem große Unternehmen haben begonnen, ihre Wertschöpfungsketten zu verkürzen und in den großen Weltregionen vermehrt „local for local“ produzieren. Wenn die geopolitischen Konflikte jedoch eine weitere Stufe erreichen, wird es für uns heikel. Dann nämlich, wenn die Amerikaner europäischen Firmen sagen: Entweder ihr macht mit China Geschäfte - oder mit uns.  Ein solches Vorgehen wäre eine ökonomische Katastrophe. Leider ist es nicht völlig auszuschließen...


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... wie der Fall Iran zeigt.
Ja, aber Iran war nur ein Versuchsfeld der Amerikaner für den wahren Konflikt mit China. Nun geht es um eine ganz andere Größenordnung. In Iran waren die deutschen Geschäfte überschaubar. Wenn sich ein deutsches Unternehmen auf Druck der USA aus China zurückziehen muss, das dort 20 bis 30 Prozent seiner Umsätze macht, kann das existenzbedrohend werden.

Mehr zum Thema: Warum das Handelsbilanzdefizit der USA nicht sinkt.

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