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Arbeitsmarkt Jobretter Demografie

„Der Arbeitsmarkt ist wegen der Corona-Pandemie stark unter Druck“, kommentiert der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur, Detlef Scheele die neuesten Arbeitslosenzahlen. Quelle: REUTERS

Bei Corona ist alles anders: Im Gegensatz zur Rezession 2009 leidet in der aktuellen Krise auch der Arbeitsmarkt. Viele Unternehmen streichen Stellen, die Zahl der Kurzarbeiter hat einen historischen Höchststand erreicht. Warum uns trotzdem kein neues Zeitalter der Massenarbeitslosigkeit droht.

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Es hat für Detlef Scheele schon angenehmere Termine gegeben. Seit seinem Amtsantritt im April 2017 durfte der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) bei seinen monatlichen Presseauftritten überwiegend gute Nachrichten verkünden. Doch dann kam das Coronavirus, der Shutdown und der Wachstumsabsturz. Als Scheele heute die Arbeitsmarktstatistik für den Monat Mai präsentierte, war sein Gesicht daher sorgenvoll, und das zu Recht: Laut BA ist die Zahl der Arbeitslosen gegenüber dem Vormonat um 169.000 auf rund 2,813 Millionen gestiegen. Die Arbeitslosenquote hat sich um 0,3 Punkte auf 6,1 Prozent erhöht. „Der Arbeitsmarkt ist wegen der Corona-Pandemie weiterhin stark unter Druck“, sagte Scheele.

Nahezu täglich kommen neue Schreckensmeldungen vom Arbeitsmarkt. Die Zahl der Kurzarbeiter ist nach neuen Berechnungen des Ifo-Instituts auf 7,3 Millionen gestiegen, das ist der höchste Wert aller Zeiten. In vielen Unternehmen regiert der Rotstift, der Automobilzulieferer ZF etwa will bis zu 15.000 Stellen kappen, die Hälfte davon in Deutschland.

Müssen die Deutschen nun also flächendeckend um ihre Jobs fürchten, erst recht, wenn im Schlepptau der Coronakrise die globalen Handelskonflikte wieder eskalieren und die deutsche Exportwirtschaft nach unten ziehen? Droht am Ende gar eine neue Ära der Massenarbeitslosigkeit, zumal parallel zur infizierten Konjunktur auch noch der Megatrend der Digitalisierung die Arbeitswelt radikal verändert?

Hier gilt es zu differenzieren. Fakt ist: Die zehn Jahre dauernde Hochphase am deutschen Arbeitsmarkt ist unwiderruflich vorbei und kommt so schnell nicht wieder. Nach der Rezession 2009 war die Arbeitslosenquote von 8,1 auf 4,9 Prozent gesunken, die Zahl der Erwerbstätigen auf den Rekordstand von 45,28 Millionen geklettert. Nun aber dürfte die Coronakrise die Arbeitslosenzahl zumindest vorübergehend über die Drei-Millionen-Grenze drücken, erwarten Experten.

Richtig ist aber auch: Der Arbeitsmarkt hat sich im vergangenen Jahrzehnt ein Stück weit von der Konjunktur entkoppelt. Früher galt die Faustregel: Wenn das Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent schrumpft, geht die Beschäftigung um 0,4 Prozent zurück. Mittlerweile hat sich dieser Wert laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) glatt halbiert. Viele neue Jobs sind im weniger konjunkturanfälligen Dienstleistungssektor entstanden, etwa im Bildungs- und Gesundheitsbereich oder in der Pflege. Führende Arbeitsmarktexperten wie Enzo Weber, Leiter des IAB-Forschungsbereichs Prognosen und Strukturanalysen, erwarten daher „keinen Sturz ins Bodenlose“. Der deutsche Arbeitsmarkt sei „an sich sehr robust“.

Was branchenübergreifende Jobmassaker alter Prägung erschwert, ist vor allem ein Faktor, der den Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren und Jahrzehnten entscheidend beeinflussen wird: die Demografie und der damit verbundene Fachkräftemangel. „Der demografische Wandel schlägt zunehmend am Arbeitsmarkt durch. Pro Jahr verschwinden durch die Alterung über 300.000 Menschen vom Arbeitsmarkt, und wenn die Babyboomer in Rente gehen, werden es noch viel mehr“, prognostiziert IAB-Forscher Weber. Bislang ließ sich der Effekt durch Zuwanderung und eine steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren kompensieren. Doch das funktionierte nur, weil der demografische Wandel noch nicht auf vollen Touren lief.

Richtig los mit dem Fachkräftemangel geht es in den kommenden Jahren, wenn die geburtenstärksten Jahrgänge in Rente gehen. Nach Projektionen des Statistischen Bundesamts nimmt das Arbeitskräftereservoir durch den Abschied der Babyboomer kontinuierlich ab, fehlen im Jahr 2040 demnach bis zu sechs Millionen Arbeitskräfte. Das IAB hat den Rückgang gegengerechnet mit der erwarteten stärkeren Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen sowie einer geschätzten jährlichen Zuwanderung von netto 200.000 Personen. Selbst unter diesen bestmöglichen Bedingungen schrumpft das Arbeitskräfteangebot bis 2020 um 1,4 Millionen Personen, auf lange Sicht, bis 2060, sogar um sieben Millionen.

„Angesichts der drohenden Babyboomer-Lücke am Arbeitsmarkt können sich vor allem viele Mittelständler die Freisetzung von Fachkräften nicht leisten. Anderenfalls wäre ihre Zukunftsfähigkeit bedroht“, sagt Hilmar Schneider, Leiter des Institute of Labor Economics (IZA) in Bonn. Die Kosten einer späteren Neurekrutierung sind hoch, und wenn man Pech hat, dauert es Jahre, bis einem der nächste Schlosser oder IT-Techniker auf Jobsuche über den Weg läuft. Schneider glaubt daher auch nicht, dass die aktuelle Entlassungswelle in deutschen Konzernen den deutschen Arbeitsmarkt nachhaltig nach unten zieht. „Viele der betroffenen Arbeitnehmer sind gut ausgebildet und dürften wenig Probleme haben, einen neuen Job zu finden“, sagt der Ökonom.

Auch Ökonomen-Kollege Weber glaubt: „Nach der Krise kann man die Arbeitslosigkeit auch wieder abbauen“. Er mahnt allerdings, „angesichts der digitalen und ökologischen Umbrüche in Qualifizierung zu investieren, damit der Wandel die Menschen nicht abhängt.“

Und vielleicht kann ja BA-Chef Detlef Scheele schon bei seiner nächsten Pressekonferenz im Juli wieder bessere Zahlen vermelden. Einen Anhaltspunkt dafür gibt es schon. Die Nachfrage der Betriebe nach neuen Mitarbeitern sei aktuell zwar weiterhin rückläufig, berichtet Scheele. Sie habe sich „aber immerhin gefangen“.

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