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Bundestag Diese Unternehmer wollen die Ampel besser machen

Quelle: imago images

Für SPD, Grüne und FDP ziehen Firmenchefinnen, Gründer und Mittelständler neu in den Bundestag ein, der sich am Dienstag konstituiert. Sie wollen die Politik der Regierung mitprägen. Aber wie?

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Mehr Fokus auf die Fokussierung: Kristine Lütke, FDP

Vertritt die Politik meine Interessen? Diese Frage ist auch Kristine Lütke nicht fremd. Alle Parteien bezeichneten sich beispielsweise gerne als Stimme des Mittelstands, sagt Lütke. Sie habe sich früher aber oft gefragt, auf welchen Mittelstand sich die Aussage beziehen genau solle, „denn ich hatte den Eindruck: Mich meinen sie nicht“.

Heute hat die 39-Jährige ihre politische Heimat gefunden: die FDP. Bis vor wenigen Wochen führte sie ein Pflegeunternehmen nahe Nürnberg, dessen erste Einrichtung ihre Eltern Ende der Achtzigerjahre eröffneten. Heute zählen dazu ein Pflegeheim und eine Dienstleistungsgesellschaft, die dessen Verwaltung, Reinigung und die Verpflegung der Bewohner übernimmt; Lütke beschäftigt etwa 50 Mitarbeiter. Nun ist sie als Abgeordnete der Liberalen für den Wahlkreis Roth und Nürnberger Land in den Bundestag eingezogen.

Kristine Lütke Quelle: imago images

Kristine Lütke sagt, sie wolle sich für das einsetzen, was ihr fehlte, bevor sie selbst politisch aktiv wurde: ein Austausch zwischen Wirtschaft und Parlament, eine Rückkopplung an die unternehmerische Basis – und zwar wirklich die kleinen und mittelständischen Betriebe, über die sonst zwar oft, mit denen aber zu wenig gesprochen werde.

Lütke hat in ihrer Kindheit viel Zeit in den elterlichen Einrichtungen verbracht, bei ihren „Ersatz-Omis und -Opis“, wie sie sagt. Nach dem Studium stieg sie dann selbst in das Familienunternehmen ein, übernahm, wie es häufig ist, mit der Zeit immer mehr Verantwortung; während ihr Vater sich Schritt für Schritt aus der Geschäftsführung zurückzog.

Nun muss Lütke selbst einen Übergang gestalten: Im Frühsommer habe sie zum ersten Mal mit ihren beiden leitenden Mitarbeiterinnen gesprochen, erzählt sie. Ihr Listenplatz stand fest und die Umfragewerte der FDP hielten sich stabil. Sie wolle sich auf die Suche nach einem Geschäftsführer machen, kündigte sie an. Doch die beiden Frauen entschieden: „Wir wollen das übernehmen.“

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    Heute führt das Duo aus Geschäftsführerin und Pflegeverantwortlicher das Tagesgeschäft, auch Lütkes Vater hat wieder Aufgaben übernommen. Derzeit spricht die Neu-Parlamentarierin noch morgens und abends mit ihrer Geschäftsführerin: „Bei mir hat es auch gedauert, bis ich sicher als Unternehmerin tätig war“, erinnert sie sich.

    Drei Dinge, sagt Lütke, machten für sie Unternehmertum aus: Erstens, sich zu fragen, was man erreichen will. Zweitens, herauszufinden, was der Weg zu diesem Ziel ist. Und drittens: „Diesen Weg mutig anzugehen.“ Das wolle sie auch in die Politik tragen: schneller und fokussierter zu sein – „und, dass man sich etwas traut“.

    In ihrer Fraktion sollte Lütke damit auf viele Gleichgesinnte treffen. immerhin 40 Selbständige sowie Unternehmer und Unternehmerinnen zählen die Liberalen, von 92 Abgeordneten; vom Kaufmann für Finanzanlagen und Versicherungen über Rechtsanwälte, Handwerksmeister und geschäftsführende Gesellschafter. Die Stiftung Familienunternehmen hat in der Fraktion 16 „Unternehmer im Wortsinn“ ausgemacht.

    Dass man ein Netzwerk braucht, davon ist Lütke als Unternehmerin wie auch als Politikerin überzeugt. In einem Punkt hat ihr dieses in Berlin bereits geholfen. Die Leiterin ihres neuen Abgeordnetenbüros hat sie auf Empfehlung gefunden. Nun führt sie erste Gespräche mit möglichen wissenschaftlichen Mitarbeitern – und freut sich, dass sie mehrere Bewerber vergleichen kann. In der Pflege ist sie anderes gewohnt: „Da ist man froh, wenn überhaupt jemand kommt“, sagt Lütke.



    Sie plant natürlich, in den sitzungsfreien Wochen auch in ihrem Unternehmen vorbeizuschauen. Es sei eben ein Familienbetrieb, „da schafft der Name Vertrauen“. Und auch für den Fall, in vier Jahren zu entscheiden, doch lieber Unternehmerin zu sein – oder nicht wiedergewählt zu werden – hat Lütke schon Pläne, wie sie ihr Geschäft ausbauen könnte: „Wenn ich sage, die Politik ist es nicht, habe ich die Freiheit, wieder unternehmerisch tätig zu werden.“

    Digital first: Maik Außendorf, Grüne

    Maik Außendorf bringt einiges mit, was in Berlin gebraucht wird. Jedenfalls dann, wenn man die Themen zum Maßstab nimmt, bei denen die Bundespolitik im Vergleich zu Nachbarländern zuletzt wenig vorankam. Der neu in den Bundestag gewählte Nordrhein-Westfale ist mehrfacher Gründer. Sein Fach ist die Digitalisierung. Der 50-Jährige aus dem Bergischen Land gründete bereits 2004 seine erste Firma Dass IT zusammen mit drei Partnern, eine Kölner Beratungsfirma spezialisiert auf Open-Source-Lösungen. Danach gründete das gleiche Team 2012 die Bareos GmbH, die sich um Datensicherung in IT-Systemen kümmert.

    Außendorf ist Diplom-Mathematiker und Chef also in gleich in zwei kleineren Betrieben, aus denen er sich fürs Abgeordnetenmandat gerade zurückzieht. Der Übergang, der Wohlwollen von Mitgesellschaftern und Kundinnen braucht, ist aufwändig. „Man muss viele Aufgaben und Kunden an andere übergeben, wenn man als Unternehmer in den Bundestag geht“, beschreibt Außendorf. „Das ist vielleicht ein Grund, warum es so wenige von uns im Parlament gibt.“ Er habe – ganz ähnlich wie Kristine Lütke – mit den Vorbereitungen begonnen, als klar war, dass sein Listenplatz wohl für einen Einzug in den Bundestag reichen würde.

    Maik Außendorf bringt einiges mit, was in Berlin gebraucht wird Quelle: Jan Jankovic

    Aus seiner unternehmerischen Erfahrung weiß er, dass Deutschland zu umständlich und abschreckend für Tatkräftige sein kann. Er will Bürokratie abbauen und die Unterstützung für Gründerinnen und Gründer vereinfachen. Da klingt der Grüne wie ein Liberaler. „Wirtschaftsförderung ist vor allem auf große Unternehmen zugeschnitten. Für Kleinere ist vieles zu bürokratisch, zu aufwändig und unverständlich“, beschreibt der IT-Berater aus eigener Erfahrung. „Für Start-ups und kleine Unternehmen muss sich die Förderung ändern.“

    Im Bundestag würde er sich gern für die Digitalisierung und unternehmerische Maßstäbe bei der Modernisierung der Infrastruktur stark machen. Beispiel Breitbandausbau, der seit Jahren schlecht vorankommt: „Wir sind in Deutschland oft sehr umständlich.“ Beim Breitband müsse gelten, dass möglichst viele Regionen möglichst effizient angeschlossen werden. „Da kann man vom Controlling in Firmen lernen.“ Das Vorgehen sei eher planlos, wie er als Kommunalpolitiker bereits erlebt habe. „So wie es heute läuft, ist am Ende zwar die Friedhofskapelle ans Breitband angeschlossen, nicht aber die Schule gleich nebenan. Das versteht keiner.“

    Auch sonst hört man von Außendorf einen überaus pragmatischen Ton, der der Start-up-Community wie auch normalen Bürgerinnen und Bürgern womöglich wieder Hoffnung auf Modernisierung geben kann. In der Verwaltung lasse sich von Unternehmen lernen, sagt er. „Wir müssen die Mitarbeiter bei der Digitalisierung ermutigen, sich schrittweise auf unbekannte Prozesse einzulassen. Das ist ein Kulturwandel.“ Und eine gewaltige Aufgabe, die dringend angegangen werden müsse. „Solche agilen Prozesse funktionieren in Unternehmen und können Vorbild sein – lieber in kleinen Schritten lernen als ein großes Projekt in den Sand zu setzen.“

    Zunächst muss Außendorf aber erst mal warten. Zu welchen Themen und in welchen Ausschüssen er mitarbeiten kann, wird sich weisen, wenn die neue Bundesregierung steht. Fest steht nur: Neben Außendorf gibt es nur wenige Unternehmerinnen und Unternehmer in der von 67 auf 118 Mitglieder angewachsenen Grünen-Fraktion. Eine führt einen Pferdehof, ein anderer zum Beispiel ein Ingenieurbüro.

    Mehr Mittelstand wagen: Hannes Walter, SPD

    Ein Exot? Nein, als Exot fühle er sich eigentlich nicht, sagt Hannes Walter. In der neuen SPD-Bundestagsfraktion gebe es schließlich einige Kolleginnen und Kollegen, die – wie er selbst – eher unerwartet den Sprung in den Bundestag schafften. „Da haben einige nicht die klassische Karriere vorzuweisen.“

    Aber wenn es denn so etwas wie den klassischen, prototypischen Parlamentarier gäbe, dann wäre dieser ausweislich der Statistiken männlich, westdeutsch und Jurist. Walter hingegen, Jahrgang 1984, kommt aus der Lausitz, hat erst Kfz-Mechaniker gelernt, dann noch BWL studiert und wollte zum Jahreswechsel den Werkstattbetrieb übernehmen, den einst sein Vater aufgebaut hat: „Automobile Walter & Sohn“, ostdeutscher Mittelstand, dem der motorölverschmierte Blaumann alles andere als fremd ist.

    Die Ampel, erzählt Hannes Walter, sei seine Koalitions-Favoritin gewesen. Quelle: Presse

    Die Ampel, erzählt Walter, sei seine Koalitions-Favoritin gewesen. Er hofft, dass es nun auch wirklich so kommt. Was auch etwas damit zu tun haben könnte, dass Herumtheorisieren und linke Fantastereien nicht sein Ding sind. „Die SPD war in den vergangenen Jahren zu stark urban geprägt, und oft zu beschäftigt mit linken Grundsatzdebatten“, sagt er. „Ich wünsche mir, dass wir künftig Themen aus dem Ländlichen wieder stärker berücksichtigen. Dass wir überhaupt ganz pragmatisch Politik machen werden.“

    In seinem Wahlkampf ging es darum, wie man das Abwandern der Jungen stoppen, wie eine Ausbildung wieder höhere Wertschätzung bekommen könnte – oder in Olaf Scholz‘ Deutsch: mehr Respekt; wie Firmenübernahmen klappen, wenn der Nachwuchs fehlt oder die Großstadt lockt. Das wären Themen, die ihm auch in Zukunft vorschweben.

    Walter weiß jedenfalls genau, was es heißt, wenn Politik nicht nur in Talkshows, sondern auch in Betrieben auf die Wirklichkeit trifft. „Wir sollten Unternehmen, gerade den mittelständischen, nicht noch mehr Papierkram auferlegen.“ Und Scholz, der habe diesen „Sinn für den Mittelstand; er weiß um seine Bedeutung und wird ihn im Blick behalten“.

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    Sozialdemokratische Kernversprechen wie den Mindestlohn findet Walter uneingeschränkt gut – auch und gerade für den immer noch schlechter verdienenden Osten. Nur beim Kohleausstieg bis 2030, den das Ampel-Sondierungspapier „idealerweise“ anstrebt, ist der Brandenburger hörbar skeptisch, die Lausitz ist eben Kohleregion. „Wir brauchen beim Kohleausstieg Verlässlichkeit“, sagt er. „2038 ist das Jahr, für das Konsens gibt. Und Kehrwenden würden diesen Konsens gefährden.“

    Mehr zum Thema: So viele Wünsche, jede Menge Baustellen, aber Löcher im Etat: Die Ampelkoalition muss kreativ werden, um Investitionen zu stemmen. Und das wird sie auch schon.

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