Editorial: Warum gibt es so viele Baustellen – und warum arbeitet niemand dran?

Die Deutschen und die politische Unsicherheit – ein Paar, das es offenbar gut miteinander aushält. Ein bisschen zu gut. Da steht man nun und schaut in die Hauptstadt, wo die Koalitionspartner auf offener Bühne ein Schauspiel aufführen, dessen Handlung sich nicht entwickeln will. Jüngste Szene: ein Industriegipfel im Kanzleramt, auf Einladung des Hausherren, der Wirtschafts- und Finanzminister aber nicht dabeihaben mag.
Letzterem gefällt das wohl nicht, er – also seine Partei – kontert mit einem Gegengipfel, gleiches Thema, gleicher Tag, nur ein paar Stunden früher. Im Publikum Schulterzucken: Man staunt und seufzt. Es wundert wirklich gar nichts mehr. Hier geht es niemandem darum, das Land zu steuern. Sondern nur um die Frage, wer in welchem Moment die Hand am Steuer hält.
Wie passend, dass die Zukunft dieses Landes gerade sowieso im Dauerstau steht, steckengeblieben in einer der zahllosen Baustellen zwischen Untertürkheim, Wolfsburg und Berlin, bei deren Anblick selbst das Kleinkind auf dem Rücksitz das existenzielle Standortproblem erkennt: Warum gibt es in Deutschland eigentlich so viele Baustellen? Und warum arbeitet da nie jemand dran?
Während man also, staunend und seufzend, über eine gute Antwort grübelt, hebt sich der Blick über den Atlantik. Dort könnte die nächste US-Wahl in ihrem Ausgang alles auf den Kopf stellen. Nur noch wenige Tage, dann haben wir Gewissheit, wer uns in den nächsten Jahren auf offener Weltbühne unterhalten wird. Die Auswirkungen werden auch hier bald spürbar sein. Und die Deutschen? Stehen am Ufer und beobachten das Geschehen staunend und seufzend: Was soll uns schlimmstenfalls passieren? Hatten wir doch alles schon einmal.
Mit Blick auf die USA ist das leicht gesagt. Rein räumlich hält der Ozean die Unwetter auf der anderen Seite auf Abstand. Und der Reflex, die Hände in die Hosentaschen zu stecken, um zumindest das eigene Portemonnaie fest zu umklammern, hat sich doch bewährt! Doch das Fundament zu Hause wackelt. Auch ohne das Zutun eines drohenden politischen Hurrikans aus Amerika.
Spätestens wenn selbst Volkswagen den großen Stellenabbau ankündigt, kann Seufzen nicht mehr reichen. Dann wünscht sich auch der allerletzte Beobachter schleunigst einen Weg aus dem Dauerstau heraus. Und zwar bitte mit Fahrer, der die Hände fest am Lenkrad hält, jederzeit. Und dann volle Kraft nach vorn!
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