Entlastungspaket Neun-Euro-Ticket: Das ernüchternde Ergebnis des Massen-Experiments

Das Neun-Euro-Ticket hat zwar die Fahrgastzahlen der Bahn deutlich gesteigert. Die Zahlen im Straßenverkehr haben sich allerdings dennoch kaum verändert. Quelle: imago images

Wegen des Neun-Euro-Tickets fahren mehr Menschen mit Bus und Bahn. Doch die Bewegungsroutinen der Menschen hat es nicht zu durchbrechen vermocht. Das Ticket muss wieder teurer werden. Ein Kommentar.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Mein Vater, 80, besitzt seit Anfang Juni das Neun-Euro-Ticket. Und er hat es gleich mehrfach genutzt. Einmal für eine Fahrt nach Osnabrück, ein zweites Mal für eine Fahrt nach Bremen. Für jeweils einen Kaffee in der City und etwas Sightseeing. Mein Vater findet das Ticket „großartig“. Zwar war der Zug auf der Rückfahrt aus Osnabrück proppenvoll, er musste eine Stunde lang stehen. Aber für den Preis könne man schließlich nichts sagen. Er würde auch 12 oder 20 Euro zahlen – „viel mehr aber auch nicht“. Und auf sein Auto würde er „auch nicht verzichten“.

Womit wir beim Ergebnis des Massen-Experiments wären. Das Neun-Euro-Ticket hat viele Menschen in Deutschland dazu gebracht, in den Zug zu steigen. Für eine Tagestour in die nächste Stadt oder an den See, für eine Wochenendfahrt zu Freunden oder zum Wandern in die Berge – ein staatlich subventionierter Kurzurlaub eben. Aber das Ticket hat die Bewegungsroutinen der Menschen strukturell kaum verändert. Viel mehr Zug, kaum weniger Auto – das scheint die ernüchternde Bilanz.

Zwar gibt es unterschiedliche und zum Teil gar widersprüchliche Statistiken über Erfolg oder Misserfolg des Neun-Euro-Tickets, die große Verkehrswende scheint jedoch ausgeblieben zu sein. Das Statistische Bundesamt etwa hat Zahlen veröffentlicht, denen zufolge sich das Reiseaufkommen im Schienenverkehr seit Anfang Juni „deutlich erhöht“ habe. Dies gehe aus einer Sonderauswertung von Mobilfunkdaten hervor. Im Juni 2022 hätten die bundesweiten Bewegungen im Schienenverkehr „im Schnitt 42 Prozent höher als im Juni 2019“ gelegen. Die Daten umfassten Bahnreisen ab 30 Kilometern zurückgelegter Distanz. Gleichzeitig zeigten die Daten auch, dass im Straßenverkehr seit Einführung des Neun-Euro-Tickets nur „ein moderater Rückgang zu verzeichnen“ war.

Dem Klima hat die Aktion also kaum etwas gebracht. Die Deutschen fahren Zug aus Vergnügen, nicht aber als Ersatz fürs Autofahren. Als Vorbild für eine dauerhafte Alimentierung der Pendler taugt es daher nicht. Von dem Neun-Euro-Ticket haben außerdem Unternehmen profitiert, die ihre Leistungen fürs Jobticket ihrer Mitarbeiter runterfahren konnten. Das Ticket für den ÖPNV war neben dem rabattierten FDP-Benzin Teil eines Entlastungspaket für die Menschen gegen gestiegene Preise – und hat auch Firmen entlastet.

Lesen Sie auch: Kann dieser Mann das Bahnchaos lösen?

Auf Dauer ist das Ticket für den Staat schlicht nicht finanzierbar. 2,5 Milliarden Euro hat die Bundesregierung dafür ausgegeben – eine sehr teure Werbeaktion für den Nahverkehr. Busse und Bahnen sind Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Der Staat pumpt ohnehin schon mehr als acht Milliarden Euro pro Jahr in das System. Die Bundesländer bestellen damit den Nahverkehr. Noch mehr Geld wäre kaum zu rechtfertigen. Vor allem hebelt das Flatrate-Ticket den Preismechanismus aus. Auch für den Nahverkehr gilt: Qualität hat ihren Preis. Und etliche Gutverdiener können mehr für Monats- oder Jahresabos zahlen. Die zusätzlichen Einnahmen der Pendler sollten die Nahverkehrsunternehmen lieber in den Komfort der Züge und besseren Service investieren.

Es gibt aber eine Erkenntnis, von der man lernen kann. Das Neun-Euro-Ticket kommt auch wegen seiner Grenzenlosigkeit gut an. Nach wie vor leistet sich Deutschland eine Zerfledderung der Nahverkehrslandschaft in 27 Verkehrsverbünde. Es ist nicht trivial, ein Ticket zu kaufen, das für Fahrten über die Grenzen eines Verkehrsverbunds gilt. Überregionale Tarife sind oft sehr teuer. Pauschale Nahverkehrstickets für ganz Deutschland wären eine Lösung – sie können dann auch mehr als neun Euro kosten.

WiWo Coach Gesetzliche Rente oder Versorgungswerk – was ist besser?

Als Anwalt kann unser Leser bei der gesetzlichen Rentenversicherung oder einem Versorgungswerk einzahlen. Was lohnt eher? Rentenberater Markus Vogts antwortet.

Abwanderungswelle bei Sixt „Es beiden recht zu machen, ist eine unlösbare Aufgabe“

Der robuste Führungsstil von Sixt-Gründer Erich Sixt war legendär. Seine Söhne übertreffen ihn wohl noch. Die Abgänge häufen sich. Der Digitalvorstand ist schon weg, ein Finanzchef wird mal wieder gesucht.

Biontech „Das würde ein neues Zeitalter in der Krebstherapie einleiten“

Biontech arbeitet an über zwanzig Medikamenten gegen Krebs. Der Mediziner und Fondsmanager Markus Manns erklärt, wo es Hoffnung gibt, welche Präparate die besten Chancen haben – und wo es noch hakt.

 Weitere Plus-Artikel lesen Sie hier

Dieser Beitrag entstammt dem WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen des Tages. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

Dieser Artikel wurde erstmals im Juli 2022 veröffentlicht und später aktualisiert.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%