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FachkräftemangelLöst der Einbürgerungsrekord den Fachkräftemangel?

Deutschland bürgert mehr Menschen ein. Nach einer Reform wird das in Zukunft sogar noch einfacher. Lässt sich so der Fachkräftemangel lindern?Angelika Melcher, Sebastian Schug 28.05.2024 - 00:08 Uhr

Menschen sollen in Deutschland künftig schneller eingebürgert werden

Foto: dpa

In Deutschland wurden im Jahr 2023 19 Prozent mehr Menschen eingebürgert als im Vorjahr, das zeigen neue Zahlen des statistischen Bundesamts. Den Zahlen zufolge wurden im letzten Jahr rund 200.100 Ausländerinnen und Ausländer eingebürgert, „so viele wie noch nie seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2000“. Mehr als ein Drittel der Menschen stammten demnach aus Syrien, weitere bedeutende Herkunftsländer waren der Irak, die Türkei, Rumänien und Afghanistan. Mit einem durchschnittlichen Alter von 29,4 Jahren sind die neuen Bundesbürger deutlich jünger als die Gesamtbevölkerung mit 44,6 Jahren.

Mit der zum Jahresanfang beschlossenen Reform des Einbürgerungsrechts werden Einbürgerungen in Zukunft noch schneller gehen. Dabei dürfen die neuen Bürgerinnen und Bürger sogar ihren ausländischen Pass behalten. Die Frage die sich stellt: Hilft dies, den Fachkräftemangel im Land zu lindern?

Mit der Reform werden Einbürgerungen schon nach fünf statt wie bisher acht Jahren möglich, bei „besonderen Integrationsleistungen“ sogar nach drei Jahren – das können besonders gute Leistungen in Schule oder Beruf oder bürgerschaftliches Engagement sein. Kinder ausländischer Eltern bekommen künftig mit der Geburt die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn ein Elternteil hierzulande seit fünf Jahren rechtmäßig wohnt – bisher war das erst nach acht Jahren der Fall. Außerdem werden künftig doppelte Staatsbürgerschaften möglich sein.

Kritik kam im Januar vor allem aus Reihen der CDU, dagegen verteidigte die SPD die Reform, vor allem in Hinblick auf für Zuwanderung von Fachkräften. SPD-Fraktionsvize Dirk Wiese unterstrich die Bedeutung von Zuwanderung für Deutschland. „Wir sind auf Zuwanderung angewiesen, gerade vor der großen Arbeits- und Fachkräftelücke, die wir haben“, betonte Wiese. Besonders die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft sei in diesem Zuge entscheidend. „Es kann doch nicht sein, dass Menschen, die hier Steuern zahlen, die hier arbeiten, die sich an alle Spielregeln halten, nicht die Möglichkeit haben zu wählen, mitzubestimmen.“

Was bringt die erleichterte Einbürgerung für Fachkräfte?

Wido Geis-Thöne vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht die Reform nicht als Durchbruch für den deutschen Fachkräftemangel, wie er im Gespräch mit der WirtschaftsWoche betont: „Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich nur wenige ausländische Fachkräfte einbürgern lassen wollen“. So hätten die meisten internationalen Fachkräfte nicht unbedingt das Ziel, ein aktives oder passives Wahlrecht zu bekommen. Ein Anstieg auf Anträge sei hauptsächlich bei Syrerinnen und Syrern zu erkennen, „was sowohl mit der Reiseerleichterung zu tun als auch der Angst vor Abschiebung.“ Jedoch sei die Gefahr einer Abschiebung so gering, dass eine Einbürgerung wenig Unterschied machen würde.

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Wo eine Einbürgerung doch einen Unterschied machen könnte, sei beim Thema Auslandsaufenthalte im Kontext multinationaler Firmen. So könne der deutsche Pass vielen Menschen das Reisen, welches in solchen Unternehmen oft notwendig ist, erleichtern.

Beim Thema Einbürgerung spiele auch das Staatsangehörigkeitsrechts des Herkunftslandes eine große Rolle, sagt Geis-Thöne. Länder wie Indien erlauben keine doppelte Staatsbürgerschaft. „Da ändert dann auch die deutsche Rechtsreform nichts, weil das indisches Recht ist“. Trotzdem sei die doppelte Staatsangehörigkeit unter Gleichbehandlungsgesichtspunkten absolut notwendig. Bisher gab es bereits viele Ausnahmen für eine doppelte Staatsbürgerschaft, zum Beispiel bei EU-Ländern und Ländern, die ihre Bürger nicht aus der Staatsangehörigkeit entlassen, wie Syrien. „Einige Ländergruppen waren jedoch ausgeschlossen, zum Beispiel die Türkei. Hier bestand bisher eine Gerechtigkeitslücke“, so der Ökonom.

Andreas Jahn, Geschäftsleiter Politik und Außenwirtschaft des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW), sagt gegenüber der WirtschaftsWoche, dass die erleichterte Einbürgerung sehr wohl einen beträchtlichen Anreiz für Fachkräfte aus dem Ausland bieten könne, die sich sonst mit der Ungewissheit schwertun. Er beziffert den Mangel aktuell auf 400.000 Fachkräfte.

„Deutschland ist mit vielen Ländern im globalen Wettbewerb um kluge Köpfe“, so Jahn, „wenn jetzt die Möglichkeit besteht, dass zum Beispiel ein Programmierer sich hier dauerhaft niederlassen und seine Familie vielleicht mit nachziehen kann, dann ist er nochmal stärker motiviert, sich für Deutschland zu entscheiden, anstatt in die Vereinigten Staaten oder nach Großbritannien zu gehen.“

Anlocken könne das nicht nur hochqualifizierten Fachkräfte wie Programmierer und Softwareingenieure, sondern auch Menschen aus der Pflegebranche. „Wir haben immer wieder Anfragen aus den Philippinen und aus Südamerika. Wenn die Fachkräfte aus diesen Ländern nur zwei, drei Jahre bleiben dürfen, scheint unser westliches System, die klimatischen Bedingungen und die soziale Kälte, die zum Teil vorherrscht, eher unattraktiv“.

Ein große Hürde sieht er vor allem im komplexen bürokratischen Aufwand, um eine Einbürgerung in die Wege zu leiten. „Nachdem die Fachkraft ein Unternehmen zum Arbeiten gefunden hat, muss die Ausländerbehörde zustimmen, bei der häufig kein Englisch gesprochen wird“. Nach einer Reihe von Prüfungen überprüft das Innenministerium, ob gegen die betreffende Person etwas vorliegt, dazu kommt ein langes Visa-Prozedere, bei dem die Diplome auf Kompatibilität abgestimmt werden müssen. Das alles erfordere viel Geduld. „Viele entscheiden sich dann eher für Länder wie Portugal oder Spanien, in denen der administrative Aufwand geringer und die Sprache einfacher zu lernen ist.“

Lesen Sie auch: „Deutschland verliert gerade sehr kompetente Menschen“

Hinweis: Dieser Artikel wurde erstmals im Januar 2024 veröffentlicht und mit neuen Zahlen aktualisiert.

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