WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Freytags-Frage

Was bedeutet die Corona-Pandemie für die Gesellschaft?

Jede Krise ist nicht nur eine große Herausforderung, sondern auch eine Chance, Dinge zu verbessern. Deutschland braucht nun Tatkraft, Übersicht und Ruhe, Hilfsbereitschaft und solidarisches Verhalten. Ein Mutmacher.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Das neue Coronavirus hält die Welt in Atem – sie steht im Grunde seit einigen Tagen still. Reisen werden abgesagt, Konferenzen und Messen werden bis auf Weiteres nicht stattfinden, persönliche Treffen werden auf ein Minimum reduziert. Die globalen Wertschöpfungsketten kommen zum Erliegen, was nichts anderes bedeutet, als dass überall auf der Welt Engpässe an Vorprodukten entstehen und Produktionsprozesse eingestellt werden. Millionen von Menschen müssen ihre Arbeit niederlegen und werden womöglich ihren Arbeitsplatz verlieren.

Richtigerweise haben die Regierungen auf der einen Seite dazu aufgerufen, soziale Kontakte zu minimieren und wenn möglich zu Hause zu arbeiten, um die Ansteckungszahlen so gering wie möglich zu halten und zugleich angekündigt, mit umfassenden und vermutlich sehr teuren Maßnahmen betroffenen Arbeitnehmern und Unternehmen zu helfen.

Die ökonomischen und gesellschaftlichen Folgen sind natürlich noch nicht absehbar. Dennoch ist es geboten, sich darüber Gedanken zu machen, welche Folgen die Pandemie für unsere Gesellschaft hat. In dieser Kolumne geht es also nicht darum, die gesundheits- und wirtschaftspolitischen Maßnahmenpakete zu kommentieren oder gar zu beurteilen, sondern einige Fragen über unsere Gesellschaft aufzuwerfen. Ich bin seit einigen Wochen im Ausland und warte darauf, nach Deutschland fliegen zu können. Das bedeutet einerseits, dass ich nicht genau weiß, wie die Zustände wirklich sind. Andererseits bin ich den täglichen Herausforderungen nicht ausgesetzt und kann eine etwas distanzierte Perspektive einnehmen.

Es gibt die These, dass Krisen in der Lage sind, das Beste oder das Schlechteste im Menschen hervorzurufen. Unter die erste Kategorie fallen Tatkraft, Übersicht und Ruhe, Hilfsbereitschaft und solidarisches Verhalten. Die Politik reagiert mit schnellen und durchdachten Maßnahmen, die Menschen helfen anderen, sind rücksichtsvoll und teilen, was sie haben. Die zweite Kategorie ist geprägt durch zögerliche oder falsche Reaktionen der Politik und Egoismen aller Art und auf allen Ebenen. Politische Akteure ignorieren oder verniedlichen das Problem, beschuldigen andere (Opposition oder „das Ausland“), handeln zu spät, verbieten Exporte lebenswichtiger Güter oder wollen Güter wie Medikamente nur für die eigene Bevölkerung. In der Bevölkerung wird nicht geteilt, man hortet oder hamstert.

Nie wird es nur das eine oder das andere Reaktionsmuster geben. Nicht alle politischen Reaktionen sind sofort perfekt auf das Problem abgestimmt, nicht alle Menschen reagieren instinktiv richtig. Dennoch kann man vielleicht einen Trend in Deutschland erkennen.

Als erstes ist festzustellen, dass die Bundesregierung in Deutschland – von außen betrachtet – im Großen und Ganzen eine sehr gute Figur abgibt. Die Regierungsmitglieder strahlen Ruhe aus und kommunizieren sachlich; kompetente Wissenschaftler sind eingebunden. Man hört auch wenig harsche Kritik von der Opposition. Alle Akteure scheinen sich der Verantwortung bewusst zu sein. Das Vertrauen in die Politik scheint zu steigen.

Es zeigt sich, dass in Krisen eine rationale und eher traditionelle Herangehensweise an die Probleme doch geschätzt werden. Die Kommunalwahl in Bayern scheint diese These zu bestätigen. Das könnte bedeuten, dass nach der Krise die Populisten von links und rechts schwerer als zuvor mit ihren einfachen und oftmals unwahren Botschaften durchdringen können. Das wäre eine gute Nachricht.

Zweitens kann sich auch das Verhältnis der Bürger untereinander ändern beziehungsweise verbessern. Offenbar gibt es schon Einkaufsgemeinschaften junger Menschen für diejenigen, die unter Quarantäne stehen. Dies ist ein erfreuliches Beispiel von spontaner Solidarität. Man muss sich noch nicht einmal treffen. Einkaufslisten werden per E-Mail geschickt, es wird elektronisch gezahlt, und die Einkaufstasche wird vor die Tür gestellt. Ein Kollege regte kürzlich an, dass Solidarität auch dadurch gezeigt wird, dass Menschen das Eintrittsgeld für abgesagte Veranstaltungen oder Dienstleistungen nicht zurückverlangen, sondern als Teilanzahlung, Kredit oder Transfer betrachten. Insgesamt kann man hoffen, dass die Hilfsbereitschaft in Deutschland steigt, und zwar sowohl innerhalb von Familien als auch darüber hinaus. Dies sind nur Beispiele. Es gibt auch Anzeichen, dass der Umgangston – gerade in sozialen Netzen – wieder moderater wird.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%