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Hambacher Forst 500 Windräder könnten die Braunkohle aus dem Wald ersetzen

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Im Kern geht es um RWE versus Klimaschutz

Laut RWE sind zwar bereits zwei Drittel der Oberfläche (circa 60 Quadratkilometer, das geplante Erweiterungsgebiet umfasst nur noch 25 Quadratkilometer) bearbeitet, jedoch noch nicht einmal die Hälfte der dort befindlichen Braunkohle abgebaut. Der Grund: „Das Kohle-Flöz liegt schräg in der Erde; er fällt nach Süden ein und wird dorthin auch immer dicker, so dass im noch unberührten Gebiet im Süden deutlich mehr Braunkohle pro Quadratkilometer Oberfläche in der Erde liegt, als im Norden, wo das Flöz dünner war“, sagt ein RWE-Sprecher. Laut RWE gibt es im verhältnismäßig kleinen Erweiterungsgebiet im Süden noch rund 1,3 Milliarden Tonne Kohle, während im größeren, nördlichen Teil seit 1978 erst rund 1 Milliarde Tonnen abgebaut wurden.

Wie viel Windräder bräuchte man, um die Braunkohle drin zu lassen?

Der Hambacher Forst selbst ist nur zwei Quadratkilometer groß. Er steht jedoch ganz im Norden des Erweiterungsgebietes, relativ nahe an der derzeitigen Abbruchkante. Der RWE-Sprecher sagt: „Leider hat der Forst eine Sperrfunktion.“ In anderen Worten: Er steht dem Abbau der restlichen Kohle weiter im Süden im Weg. RWE behauptet gegenüber der WirtschaftsWoche, aus technischen Gründen könne man nicht „um den Forst herumbaggern“. Quaschning und einige Mitglieder der Kohlekommission bezweifeln das.

Die Fakten: Unter dem Hambacher Forst selbst liegen – allerhöchstens – rund 100 Millionen Tonnen Braunkohle. Pro Kilogramm steckt in der rheinischen Braunkohle etwa 2,2 Kilowattstunden (KWh) Wärmeenergie. Gemessen am Wirkungsgrad der RWE-Braunkohlekraftwerke (38 Prozent) wären das rund 0,95 KWh Strom pro Kilogramm Kohle. Das bedeutet: Unter dem Hambacher Forst liegt Braunkohle für maximal 95 Milliarden kWh Strom.

Man benötigt etwa 500 moderne Windkraftanlagen (der 4-Megawatt-Klasse), um diese Menge Strom zu erzeugen. Der Berechnung liegt die übliche angenommene Lebensdauer solcher Anlagen von 20 Jahren zugrunde.

Eine Photovoltaikanlage hält sogar 25 Jahre. Ihre Module erreichen einen Wirkungsgrad von 18 Prozent. Nun lässt sich anhand der Sonneneinstrahlungsdaten westlich von Köln errechnen, wie viele Module es braucht, um den dort gewonnenen Braunkohlestrom zu ersetzen: „Ein Quadratkilometer Photovoltaik liefert in Köln im Schnitt 129,6 Millionen kWh pro Jahr. Das heißt, man müsste 29 Quadratkilometer mit Photovoltaik belegen, um über die Lebensdauer der Solarstromanlagen so viel Strom zu erzeugen, dass es der Kohle aus dem Hambacher Forst entspricht“, rechnet Wissenschaftler Quaschning vor.

Ist das nun viel oder wenig? „Das kommt auf die Sichtweise an“, sagt Forscher Quaschning. Natürlich ist das eine theoretische Rechnung. Praktisch wäre es sehr viel teurer, diese Strommenge aus Wind oder Solar herzustellen, denn aus Braunkohle – für RWE. „Für uns als Gesellschaft stimmt das nicht“, so Quaschning, „denn die gesamtem Klimafolgeschäden sind nirgendwo höher als bei Braunkohle. Sie belaufen sich Untersuchungen des Umweltbundesamtes zufolge auf mehr als 104 Euro je Tonne CO2. „Würde man sie sauber einrechnen, müsste der Braunkohlestrom pro Kilowattstunde 10,75 Cent teurer sein“, so Quaschning. Und damit wäre Braunkohlestrom sogar teurer als Strom aus Photovoltaik; auch Windstrom wäre dramatisch billiger.

„Die Bundesregierung nimmt den Bruch des Pariser Klimaabkommens in Kauf“

Um Hambacher Forst geht es also nur sehr am Rande um alte Bäume, juristische Rechthaberei oder abgerissene alte Kirchen und Dörfer. Es geht im Kern um RWE versus Klimaschutz.

„Deutschland hat das Pariser Klimaabkommen unterzeichnet. Wenn wir es einhalten wollen, müssen wir im Laufe der 2030er Jahre CO2-neutral werden. Wie das gehen soll, wenn man nicht spätestens Ende der 2020er ganz aus der Kohleverstromung aussteigt, ist nicht ersichtlich,“ sagt Quaschning. Mit anderen Worten: „Die Politik nimmt einen Bruch des Pariser Abkommens wissentlich in Kauf.“

Andererseits bedeutete ein verbindlicher Ausstieg aus der Braunkohleverstromung 2029 „wohl das Ende von RWE. Der Konzern hat nur sehr wenig Geschäft mit erneuerbarer Energie“, sagt Quaschning. Und anders als bei der Braunkohle will am Atomausstieg niemand rütteln.

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