Bundeskabinett: Katherina Reiche: Diese Chemikerin soll Deutschlands Wirtschaft wieder anschieben
Als die Berliner Hauptstadtpresse noch über den Verzicht von Carsten Linnemann rätselte und postwendend über eine Berufung Jens Spahns spekulierte, hatte Friedrich Merz schon zum Telefon gegriffen und Katherina Reiche angerufen, um ihr die Führung des Bundeswirtschaftsministeriums anzubieten.
Der künftige Kanzler kennt die gebürtige Brandenburgerin noch aus seiner ersten politischen Karriere im Bundestag. Reiche, eine diplomierte Chemikerin mit Studien- und Forschungsstationen in Potsdam, New York und im finnischen Turku, kam 1998 als jüngste Abgeordnete der Union in den Bundestag. Reiche zählte wie Merz zum konservativen Flügel der CDU und konzentrierte sich früh auf die Klima-, Umwelt- und Energiepolitik. Rasch stieg die schlagfertige Mutter von drei Kindern zur stellvertretenden Vorsitzenden der Unionsfraktion auf.
Schon 2002 wurde sie vom damaligen Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber als Familienexpertin in sein Kompetenzteam berufen. Das führte unionsintern zu heftigen Diskussionen, weil Reiche und ihr damaliger Partner, der CDU-Politiker Sven Petke, zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet waren. Geschadet hat ihr das nicht. 2009 wurde die als fleißig und ehrgeizig geltende Politikerin zur Parlamentarischen Staatssekretärin ins Bundesumweltministerium berufen und vier Jahre später in gleicher Funktion in das Bundesressort für Verkehr und digitale Infrastruktur.
Breite Erfahrung in der Wirtschaft
Ihr Wechsel in die Wirtschaft begann 2015, als sie aus dem Bundestag ausschied, um die Hauptgeschäftsführung beim Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) zu übernehmen. Die Organisation vertritt die Interessen von rund 1500 Stadtwerken und ähnlichen Organisationen, die hauptsächlich in den Bereichen Energie, Wasser und Abfallwirtschaft tätig sind. In dieser Rolle auf der Schnittstelle zwischen Kommunen, Politik und Unternehmen kam Reiche ihre Erfahrung aus der Landes- und Bundespolitik zugute.
Ihr Geschick in dieser komplexen Position fand Anerkennung: Vier Jahre später wechselte sie als Vorstandsvorsitzende zur Westenergie AG, einer Tochter der E.On. Der Essener Energiedienstleister beschäftigt rund 11.000 Mitarbeiter.
Reiche schaffte es, den Umsatz des Unternehmens auf 8,7 Milliarden Euro zu verdoppeln. Daneben übernahm sie im Ehrenamt den Vorsitz des Nationalen Wasserstoffrats der Bundesregierung. Für die Energiemanagerin eine politisch-unternehmerische Schlüsselfunktion, weil sie in dieser Rolle als offizielle Regierungsberaterin die Strategie der künftigen Wasserstoffwirtschaft als Fundament der ökologischen Transformation der Industrie mitbestimmen kann.
Der frühere BDI-Präsident und Siemens-Manager Siegfried Rußwurm lobte Reiches „breiten Erfahrungshintergrund und ihre Innovationsfähigkeit“. Auch der ehemalige FDP-Politiker und heutige Generalsekretär von Hydrogen Europe, Jorgo Chatzimarkakis, sagte, dass „kaum jemand besser auf die schwierige Aufgabe als Bundeswirtschaftsministerin vorbereitet“ sei. Reiche verfüge über eine „einzigartige Kombination aus Management- und Politikerfahrung“. Ebenfalls positiv äußerte sich die Wirtschaftsweise Veronika Grimm – sie nannte Reiches Berufung einen „Glücksgriff“.
Beifall aus der Energiebranche
Breite Anerkennung findet die Chemikerin nicht zuletzt in der Energiebranche. Sie habe sowohl als Politikerin als auch als Managerin „messbare Erfolge vorzuweisen“, sagt ein Spitzenmanager eines großen Stromkonzerns. „Das muss man erst einmal schaffen“. Mit ihr könne es gelingen, so der Top-Manager, „die Webfehler der Energiepolitik der letzten Jahre“ zu beseitigen.
Dazu zählt in der Branche vor allem eine überdimensionierte Planung und zu viele Stromtrassen, Windräder und Subventionen. In einem gemeinsamen Papier hatten die CEOs von RWE und E.ON darauf hingewiesen, dass sich mit weniger Planwirtschaft in der Energiepolitik dreistellige Milliardenbeträge einsparen ließen. Kritischer wird die Berufung von Reiche hingegen in der Umweltszene aufgenommen, wo schon ihr nahtloser Wechsel von der Politik in die Wirtschaft 2015 für Diskussionen sorgte.
Reiche wird versuchen, das um die Bereiche Digitalpolitik und Klimaschutz verkleinerte Bundeswirtschaftsministerium wieder stärker mit ordnungspolitischen Grundsätzen zu führen. Auch kommt es ihr zupass, dass Friedrich Merz die in ihrer Hand gebündelten Energiethemen ins Zentrum der künftigen Industriepolitik rückt – angefangen vom Strompreis bis über die Ausbauziele und die Integration in das europäische Handelssystem für CO2-Zertifikate. Auch umstrittenen Techniken wie der Abscheidung und Verpressung von Kohlenstoff in den Boden (CCS) wird die neue Ministerin offener gegenüberstehen. Die erste Pilotanlage entstand 2008 unter Führung von Vattenfall in Reiches brandenburgischer Heimat.
Nicht zuletzt hat sie in Zweifelsfällen einen prominenten Ratgeber an ihrer Seite. Seit geraumer Zeit ist Reiche mit dem früheren Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg liiert.
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