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Nahverkehr SPD will Jahresticket für einen Euro am Tag in ganz Deutschland

365 Euro Ticket Quelle: dpa

Bislang ist ein Nahverkehrsticket im Jahresabo für einen Euro am Tag noch eine Seltenheit: Nur ganz wenige Städte bieten es an – und die werden auch noch vom Bund gefördert. Die SPD möchte das nun flächendeckend ändern.

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Was etwa in Bonn und dem baden-württembergischen Reutlingen gilt, soll Schritt für Schritt in ganz Deutschland eingeführt werden – zumindest wenn es nach der SPD-Bundestagsfraktion geht. Die möchte die Kosten für den Nahverkehr nämlich drastisch senken und fordere, dass Kommunen „bei der schrittweisen Einführung eines 365 Euro Jahrestickets“ unterstützt werden. Das schreibt die „Süddeutsche Zeitung“, der ein 30-seitiger Entwurf der Fraktion zum Klimaschutz vorliegt.

Von einem solchen Ticket sollen dann nicht nur Fahrgäste in den S- oder U-Bahnen in Deutschlands Metropolen profitieren: „Wir wollen, dass jede und jeder flächendeckend mit Bus und Bahn zu bezahlbaren Preisen, egal ob in der Großstadt oder auf dem Land, unterwegs sein kann“, heißt es laut „SZ“ in dem Entwurf der SPD. Fraktionsvize Sören Bartol betonte gegenüber der Zeitung, dass Mobilität ein „Grundrecht jedes Einzelnen“ sei. „Das darf in der Klimaschutzdebatte nicht unter die Räder kommen. Alle Menschen müssten eine bezahlbare klimafreundliche Alternative haben um mobil zu bleiben“, so Bartol.

Das Konzept einer Jahresfahrkarte im Nahverkehr für 365 Euro – sprich für einen Euro am Tag – ist nicht neu: In Wien wurde bereits 2012 ein solcher 365-Euro-Tarif eingeführt. Für Senioren etwa gibt es gar noch ein günstigeres Angebot: 235 Euro bei einmaliger Zahlung. Das Konzept scheint in der österreichischen Hauptstadt zu fruchten: Waren im Jahr 2011 (vor Einführung des 365 Euro Tickets) noch 363.000 Fahrgäste im Besitz einer Jahreskarte, waren es 2018 schon 822.000. Besonders erfreulich für die Wiener Stadtverwaltung: Im gleichen Jahr lag der Pkw-Bestand in Wie bei etwas mehr als 700.000.

Trotz des Erfolgs scheitern deutsche Städte an einer flächendeckenden Einführung: In Städten wie Berlin gibt es zwar vergleichbare Angebote für 365 Euro im Jahr. Allerdings sind diese häufig auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zugeschnitten: In Berlin für Auszubildende beispielsweise.

In deutschen Großstädten würde die flächendeckende Einführung eines solchen Tarifs für jedermann einen deutlichen Unterschied machen: In Berlin kostet das reguläre Jahresticket für den Nahverkehr im Stadtgebiet bei Einmalzahlung 761 Euro – mehr als doppelt so viel wie der Vorstoß der SPD es vorsehen würde. In Dresden im Monatsabonnement aufs Jahr hochgerechnet insgesamt 622,80 Euro. Im kleinsten Geltungsbereich der bayerischen Landeshauptstadt München werden 522 Euro im Jahr fällig.

In Hamburg forderte die CDU im Frühjahr dieses Jahres eine 365 Euro teure Jahreskarte für Schüler, Auszubildende und Senioren einzuführen. Mehr als 8100 Hamburger haben gar eine Petition für ein generelles 365-Euro-Ticket unterschrieben. Bislang kostet die Monatskarte in der Hansestadt für lediglich zwei Tarifzonen 55,90 im Monatsabonnement. In einem Jahr also 670,80 Euro und somit noch bedeutend mehr als der eine Euro pro Tag.

Dass Städte wie Bonn und Reutlingen bereits ein 365 Euro Ticket eingeführt haben, kommt nicht von ungefähr: Im Rahmen des Programms „Lead City“ werden seit 2018 fünf Modellstädte mit Fördermitteln vom Bund ausgestattet, die den Nahverkehr deutlich verbessern und im Idealfall auch vergünstigen sollen. Neben Reutlingen und Bonn sind Essen, Herrenberg und Mannheim solche Modellstädte. Bonn wurde mit 39,3 Millionen Euro am stärkstem vom Bundesverkehrsministerium finanziell gefördert. Wie viel das genützt hat, ob das 365 Euro-Ticket auch nach Ablauf des Programms zum Standard werden kann, wird sich erst noch zeigen.

Im Rahmen der Klimaschutzdebatte ist die Sehnsucht nach einem attraktiveren Nahverkehr eine große Sehnsucht in der Politik. Auch CSU-Chef Markus Söder wünschte sich einst etwa ein 365 Euro Ticket für jedermann in den bayerischen Großstädten. Aufgrund der hohen Preisunterschiede zu den bislang vorherrschenden Tarifen bleibt abzuwarten, wie die Verkehrsgesellschaften von den herben Reduzierungen überzeugt werden sollen.

Die SPD will den Entwurf laut „Süddeutscher Zeitung“ zuerst am Freitag intern abstimmen und dann der Fraktion vorlegen. Er diene Vorbereitung der entscheidenden Sitzung des Klimakabinetts am 20. September, heißt es.

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