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Oberschicht Versagen Deutschlands Großverdiener?

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Kulturkampf um Deutschlands wirtschaftliche Zukunft?

Es scheint also, als steuere Deutschland mitten hinein in einen Kulturkampf um seine wirtschaftliche Zukunft. Denn natürlich ist die Gehaltsdebatte nur der Ausläufer einer gewaltigen Gewitterfront am Horizont. Die SPD ist fest entschlossen, diese Debatte im Wahlkampf zu führen: die Frage zu verhandeln, ob Ludwig Erhards Versprechen der sozialen Marktwirtschaft, der "Wohlstand für alle", noch gilt. Oder ob sich das Land nicht längst verabredet hat, lieber den Wohlstand einiger weniger zu sichern.

Während Jan Henric Buettner über diese Frage nachdenkt, spaziert er die große Allee seines eigenen Dorfes entlang. Weissenhaus an der Ostsee – ein ehemaliges Gehöft, das Buettner vor einigen Jahren kaufte und aufwändig sanierte. Weil ihm die örtliche Sparkasse einen Kredit verweigerte, kamen die Millionen dafür über Crowdfunding zusammen – und natürlich auch aus der eigenen Tasche des früheren AOL-Deutschland-Chefs. Nach dem Verkauf des Internetgiganten hatte sich Buettner schließlich 2004 von Miteigner Bertelsmann eine 160 Millionen Euro-Abfindung erstritten. Buettner ist Multimillionär, erfolgreicher Silicon-Valley-Investor und nun seit 2004 auch Hotelier. Er lebe seinen Traum, sagt er.

Für ihn ist Weissenhaus das perfekte Beispiel für eine Wirtschaftselite, die anpackt, Projekte stemmt und Risiken eingeht. Geld bedeutet für Buettner Freiheit, Unabhängigkeit, ein Stückweit Sorglosigkeit. Abgehoben, Nase hoch, Bodenhaftung verloren? Er schafft doch Arbeitsplätze, in dieser strukturschwachen Region, zahlt Steuern, bestellt Lebensmittel und Handwerker bei örtlichen Firmen. Was könne es bodenständigeres geben? Da sollen sich die Leute gefälligst freuen und nicht ständig darüber mosern, dass er sich und seine Gäste hier abschirme.

Tatsächlich ist Buettners Fünf-Sterne-Superior-Resort der Inbegriff dessen, was neudeutsch Hideaway heißt: ein Fluchtpunkt der Elite. Für Reiche und Superreiche, die ein paar Tage unbemerkt von allem und allen die Ostsee genießen wollen. „Es geht nicht um Abschottung“, sagt Buettner. „Aber unsere Gäste zahlen etwas dafür, ungestört ihre Zeit genießen zu können.“

Wer sich länger mit dem Hotelier der Reichen unterhält, der kann einiges lernen über die Vorlieben von Deutschlands Elite, die bei ihm ebenso gern logiert wie auf Schloss Elmau in Oberbayern. Beides sind Hotels wie Trutzburgen: schon die Übernachtungspreise selektieren das Publikum. Dazu natürliche Barrieren: Elmau liegt am Ende einer Privatstraße in einem abgeschiedenen Alpental. Weissenhaus ist umgeben von einem Zaun. Schranken regeln den Zutritt zum Gelände. Mit den Nachbarn hat hier keiner zufällig Kontakt.

Das wirkt. Und das stärkt – ob nun gewollt oder nicht – auch die Erzählung der Populisten: AfD-Vize Alexander Gauland etwa versprach kürzlich, "dem Volk aufs Maul zu schauen" und stellte fest: "Die Eliten haben nicht mehr das Vertrauen des Volkes". Und selbst einer, der sich selbst zu den oberen Zehntausend zählt, meint: „Die Menschen haben das Gefühl, dass die Eliten versagen bei der gerechten Verteilung von Vermögen in diesem Land. Deshalb trauen sie ihnen auch sonst nichts mehr zu – etwa die Lösung der Flüchtlingskrise.“

Es ist ein „Wir“ gegen „Die“, das so viele derzeit in Europa im Mund führen – sei es nun Marine Le Pen in Frankreich, Gert Wilders in den Niederlanden oder Frauke Petry in Deutschland. Sie alle weisen darauf hin, dass es eine Kluft gibt zwischen unten und oben. Eine Lücke, die wächst. Jeden Tag. Inzwischen verfängt diese Botschaft selbst bei denen, die bislang als unempfänglich galten für derlei Parolen, weil ihre Arbeit sicher war und anständig bezahlt. Weil auch sie profitierten, wenn es dem ganzen Konzern gut ging. Weil man sich als Familie begriff.  Auch deshalb warnen inzwischen Unternehmer wie Trumpf-Geschäftsführerin Nicola Leibinger-Kammüller: „Gefährlich ist die Debatte vor allem deshalb, da eine künstliche Kluft zwischen den Vermögenden und der Bevölkerung erzeugt wird. Dies befremdet mich persönlich sehr, da es an meinem Selbstverständnis als Unternehmerin rührt. Als würden Unternehmen keine Mitarbeiter beschäftigen, nicht aus- und weiterbilden, nicht Teil der Gesellschaft sein.“

Sind diese Zeiten vorbei? In Wolfsburg jedenfalls gibt es Anzeichen dafür.

Hartwig Erb: „Reichtum verändert die Menschen. Die Manager leben heute nicht nur in ihrer eigenen Welt. Die haben Angst vor den einfachen Menschen.“

Markus Bäcker: „Durch das Missmanagement verlieren die Arbeiter den Bezug zur Firma. Das ist so bei kleinen, mittelständischen oder großen Unternehmen wie Daimler, Siemens oder VW. Mit jedem Skandal, mit jedem Gehaltsexzess der Bosse wird die Kluft größer.“

Thomas K.: „Früher war es in meinem Bekanntenkreis anerkannt bei VW zu arbeiten. Heute ist das anders.“

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