Probleme bei der Bundeswehr: "Die reparieren nicht mehr, das ist schon restaurieren"
Michael Santo
Foto: PRWirtschaftsWoche: Ist die Lage der Bundeswehr so dramatisch, wie der marode Zustand von Kampfflugzeugen und Hubschraubern annehmen lässt?
Santo: Der Zustand der Bundeswehr ist in der Tat dramatisch. Wir haben eine Truppe, die nicht genau weiß, was ihr Auftrag ist, die Geräte sind in einem erbärmlichen Zustand, und der Führungsmannschaft fehlen Vision und Geld.
Wie konnte das passieren?
Die Bundeswehr kommt von über 500.000 Soldaten Ende der 80er Jahre. Wir haben eine Armee, die komplett auf Landesverteidigung eingestellt war. Die ganze Modernisierung und Umstellung von Truppe und Material auf die neuen Herausforderungen, insbesondere die weltweiten Kriseneinsätze, hat in weiten Teilen nicht funktioniert. Ähnlich wie in Frankreich hat man nach politischem Bedarf Inseln moderner Ausrüstung in einem Meer aus Altmaterial geschaffen. Seit langem wurde der Fokus auf den einsatzbedingten Sofortbedarf gerichtet. Hier wurde rein reaktiv beschafft ohne Blick auf folgende Nutzungsfähigkeit. Eine strategische Beschaffungssicht fehlt weitestgehend. Wenn wir uns die Transall-Transportmaschinen anschauen, dann ist es für mich ein Wunder, dass da überhaupt noch eine Maschine fliegt. Die Luftwaffe repariert die Flieger nicht mehr, das ist schon Restaurieren. Und es gibt noch keinen adäquaten Ersatz dafür. Das, was die Bundeswehr heute braucht – eine echte, eigenverantwortliche Lufttransportfähigkeit -, ist noch gar nicht vorhanden.
Und dann entstehen solche Peinlichkeiten, dass die Bundeswehr nicht einmal ein paar Panzerfäuste und Schutzwesten in den Irak fliegen kann.
Man nutzt dieses alte Material wirklich bis an die Grenzen dessen, was noch möglich ist.
Aber die Bundeswehr hat doch rechtzeitig neue Flieger bestellt, etwa den A400-M Transportflieger. Hat Ministerin Ursula von der Leyen nicht recht, wenn sie der Industrie hier die Verantwortung für die Transportmisere zuweist?
Da kann sich das Ministerium nicht aus der Verantwortung stehlen. Denn die Auftragsvergabe bei der Bundeswehr erfolgt nach einem fatalen Grundprinzip: Ich bestelle, und danach beginne ich an den Spezifikationen zu schrauben, nach und neu zu verhandeln. Die Komplexität wächst ins Unermessliche. Dazu zählt auch die Verteilung der Rüstungsproduktion auf mehrere Länder, was die Komplexität weiter steigert. Das verzögert die Beschaffung weiter. Es ist eine fatale Spirale der Kostenexplosion bei gleichzeitigem Lieferverzug. Ein einfaches Beispiel ist hier das Einsatzgebiet Afghanistan. Klimatisch und geographisch ein Einsatzraum, für den das Gerät der Bundeswehr nicht ausgelegt war und das zu beschaffende Gerät ebenfalls nicht. Hier musste vieles erst nachgerüstet werden. So zum Beispiel die Fähigkeit, unter Berücksichtigung extremer Temperaturschwankungen in den Höhenlagen des Hindukusch zu operieren.
Ein Teil der Gefechtshelme muss wegen einer mangelhaften Schraube aus dem Verkehr gezogen werden. Das Verteidigungsministerium teilte im Mai 2015 mit, dass die Schraube nicht ausreichend gegen Splitter geschützt sei. Sie dient dazu, den Helm so einzustellen, dass er fest sitzt. Der Mangel wurde bei Routineuntersuchungen festgestellt. Um eine mögliche Gefährdung der Soldaten im Einsatz auszuschließen, würden die Helme dort zuerst ausgetauscht. „Danach erfolgt auch der Austausch aller betroffenen Gefechtshelme für den Grundbetrieb im Inland“, heißt es in der Mitteilung.
Die Bundeswehr-Gefechtshelme sind aus dem Kunststoff Aramid. Vor 20 Jahren lösten sie den schwereren Stahlhelm ab. Nach einem Bericht des verteidigungspolitischen Blogs „Augen geradeaus!“ stammen die defekten Helme vom spanischen Hersteller Induyco.
Foto: dpaDer Puma ist der teuerste deutsche Panzer, kostet rund 8,85 Millionen Euro pro Stück – und kann offenbar nicht richtig bremsen. Nach einem Bericht der "Welt" haben das Tests des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBs) in Koblenz ergeben. Die ersten 20 Puma-Modelle aus der Vorserie können ab einer Geschwindigkeit von mehr als 50 Kilometern pro Stunde nicht mehr zuverlässig bremsen und der Bremsweg verdoppelt oder verdreifacht sich. Dem modernsten Gefährt der deutschen Bundeswehr fehlt damit eine der grundlegendsten Fähigkeiten. Aus Sicherheitsgründen wurde die Höchstgeschwindigkeit nun von ursprünglich 70 km/h auf 50 km/h reduziert. Glücklicherweise bemerkte das Bundesamt den Mangel bereits im Teststand für die Motoren.
Der Grund für das Bremsproblem der Pumas liegt im Bremssystem, das angeblich zu leistungsschwach ist, um die 40 Tonnen schweren Panzer zuverlässig zu stoppen. "Jetzt müssen die 20 bereits gelieferten Modelle wieder umgebaut werden", sagt ein Sprecher des BAAINBw. Wie teuer das wird, ist noch nicht klar. Der Hersteller Voith Turbo aus Heidenheim soll jedoch die Verantwortung für die Panne übernehmen.
Foto: dpaNach jahrelangen Untersuchungen hat die Bundeswehr massive Probleme bei der Treffsicherheit ihres Standardgewehrs G36 eingeräumt und erste Konsequenzen gezogen. „Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch im heißgeschossenen Zustand“, erklärte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. In den Einsätzen etwa in Afghanistan und im westafrikanischen Mali soll das Sturmgewehr nun nur noch eingeschränkt genutzt werden. Von der Leyen schließt auch nicht aus, dass es mittelfristig ganz aus dem Verkehr gezogen wird.
Die Bundeswehr hat seit 1996 vom Hersteller Heckler & Koch 176.000 G36 gekauft. In den vergangenen Jahren hatte es mehrere widersprüchliche Gutachten über die Treffsicherheit gegeben. Daraufhin hatte von der Leyen im Frühsommer 2014 eine Expertenkommission eingesetzt, um Klarheit zu schaffen. Der Abschlussbericht steht zwar noch aus. Die bisher vorliegenden Bewertungen wiesen aber „in eine eindeutige Richtung“, erklärte von der Leyen. Nach Vorlage des Abschlussberichts im April soll über weitere Konsequenzen beraten werden. „Das schließt auch die Frage ein, ob und inwieweit die Truppe auf mittlere Sicht mit einem anderen Sturmgewehr ausgerüstet werden muss“, sagte von der Leyen.
Foto: dpaMitte September 2014 sorgte diese Panne für Aufsehen und lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit nach längerer Zeit wieder auf die Ausrüstungsmängel bei der deutschen Bundeswehr: Weil die Transall-Maschinen der Bundeswehr technische Defekte aufwiesen, konnten die Ausbilder, die kurdische Peschmerga-Kämpfer bei ihrer Arbeit gegen den radikal islamischen IS im Irak vorerst nicht zu ihrer Mission aufbrechen. Sie mussten die Maschinen auf dem Militärflugplatz Hohn wieder verlassen. Es ist die jüngste, aber bei weitem nicht die erste Blamage in Sachen Bundeswehrausrüstung.
Foto: APWie jetzt durch einen Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ bekannt wurde, gab es auch bei den Bordhubschraubern vom Typ Sea Lynx der Marine erhebliche Ausfälle. Von 22 Maschinen sei keine einzige einsatzbereit, so das Blatt, was sich nach dem der „SZ“ vorliegenden internen Dokument 2014 auch nicht mehr ändern werde. Im Juni wurde demnach in einem Modell einer Fregatte ein 20 Zentimeter langer Riss entdeckt, woraufhin der komplette Betrieb mit dem Modell zunächst eingestellt wurde. Wohl zu Recht: Danach wurden an drei weiteren Hubschraubern ähnliche Schäden gefunden.
Foto: dpaBereits im August gab es Berichte über nur bedingt einsatzfähiges Bundeswehrmaterial. So meldete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unter Berufung auf ein internes Dokument des Verteidigungsministeriums, von den hier Schau fliegenden Kampfjets des Typs Eurofighter seien nur acht von 109 Maschinen voll einsatzbereit. Von 67 CH-53-Transporthubschraubern konnten demnach im August ebenfalls nur sieben in die Lüfte gehen.
Foto: dpaUnd auch die Bundeswehrhubschrauber vom Typ NH-90 glänzten nicht gerade mit Bereitschaft: Laut „Spiegel“ waren im Sommer nur fünf von 33 voll intakt, während unter den Transall-Maschinen des Typs C-160 auch damals nur 21 flugtüchtig waren.
Foto: dpaSie hat dieser Tage keinen leichten Job, denn bei ihr laufen die Stränge all dieser Fehlermeldungen zusammen: Katrin Suder, neue Rüstungsstaatssekretärin unter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, soll das Rüstungswesen neu ordnen. An sie sind die unangenehmen internen Berichte adressiert, die den Medien zugespielt werden. Und tatsächlich gesteht Suder ein, dass momentan nicht alles rund läuft bei der Bundeswehrausrüstung Mitte September sagte Suder beim so genannten Celler Trialog, einem Treffen der Politik, der Soldaten und der Rüstungsindustrie, das Rüstungsmanagement in Deutschland müsse dringend optimiert werden. Bei dem Kongress wurde auch offenbar, dass das Bundesministerium von den Krisen der Welt in der Ukraine und im Irak eher kalt erwischt wurde: Auch sie habe die „Dynamik der sicherheitspolitischen Entwicklungen der letzten Monate überrascht“, sagte Suder. „Wir brauchen Antworten auf die neuen Bedrohungen“, sagte Suder.
Foto: dpaSie gestand dabei auch ein, dass Deutschland nicht alles können muss: Zwar solle die Bundeswehr breit aufgestellt bleiben, doch andere Staaten müssten dazu beitragen, die deutsche Durchhaltefähigkeit zu stärken. Wenn es nach ihr geht, soll vor allem das Zusammenspiel zwischen Produktion und Beschaffung von Rüstung innovativer werden. „Wir brauchen eine Rüstungsindustrie 4.0“, forderte Suder.
Foto: CLARK/obsDabei würde es für den Anfang eventuell schon reichen, auf seine Hinweise ein wenig häufiger zu hören: Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP), kritisiert in seinem Jahresbericht 2013 etliche Mängel, die den Mitgliedern der Truppe zu schaffen machen. So lobt er zwar, dass die Probleme in den Auslandseinsätzen der vergangenen Jahre erkannt worden seien und dass darauf mit dem beschleunigten Beschaffungsverfahren für „Einsatzbedingten Sonderbedarf“ gut reagiert werde. Spitzen gegen den desolaten bisherigen Zustand der Bundeswehrausrüstung kann sich Königshaus dabei nicht verkneifen: so habe man „endlich die Rückwand für den MG-Kampfstand auf dem Transportpanzer FUCHS, das sogenannte Krähennest“ beschaffen können – eine Maßnahme, die schon längst fällig gewesen sei.
Foto: dapdMit Sorge notiert Königshaus deshalb, dass das Ministerium die Maßnahme in die so genannte „Sonderinitiative für den Einsatz“ umgewandelt habe – wobei dahinter zumindest potenziell wieder eine Verschlechterung der Beschaffungssituation stehen könne. Das Verteidigungsministerium beschwichtigt in einer Stellungnahme, man evaluiere die Sonderinitiative für den Einsatz ja gerade erst – warum die schnelle Ablösung der vorherigen Regelung nötig wird, geht daraus nicht hervor.
Foto: dapdAuch beim Rückzug aus der ISAF-Mission in Afghanistan sieht Königshaus Probleme mit Blick auf die Ausrüstung der Soldaten: So bereite ihm das Tempo, mit dem Fahrzeuge und Waffen aus Kunduz uns andere aufzulösenden Stützpunkten Sorge, da eventuell die Sicherheit für die Soldaten vor Ort nicht mehr gesichert sein könnte.
Foto: dpaEs bleibe eine große Herausforderung, „die Sicherheit der verbleibenden Soldatinnen und Soldaten zu gewährleisten“, so Königshaus. Auch wenn die Afghanen nun langsam übernehmen und für ihren Einsatz wie hier nahe Kabul trainieren, müsse der Rückzug der Deutschen detailliert durchgeplant sein. Das Bundesverteidigungsministerium hat auf diesen Einwand offenbar keine Antwort parat, es schreibt in einer Stellungnahme nur vage: „Die Sicherheit und der Schutz der Soldatinnen und Soldaten der Deutschen Einsatzkontingente hat immer höchste Priorität.“
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Königshaus bemängelt explizit den Zustand des Transporthubschraubers CH-53. Während es nach seiner Kritik in den vorangegangenen Jahren nun endlich eine Rettungs- und Bergevorrichtung gebe, fehle ein ballistischer Schutz noch immer. Zwar soll bis 2017 nachgerüstet werden, doch das dauere zu lange, so Königshaus. Das Bundesministerium weist die Verantwortung von sich, der Auftrag sei 2011 und somit früh genug erteilt worden. „Das wirft die Frage auf, ob die Festlegung der Geschwindigkeit bei der Herstellung von Schutzmaßnahmen für Soldatinnen und Soldaten privaten Auftragnehmern überlassen werden darf.“
Foto: dpaEin großes Manko stellte laut Königshaus bis Anfang 2014 auch die fehlende Flugverkehrskontrolle an afghanischen Flughäfen dar. In Masar-e Scharif, also dem Standort, wo die Bundeswehr noch relativ lange vertreten sein wird, arbeitete bis März 2014 noch immer kein Airport Surveillance Radar. Das System war zwar installiert, konnte aber eben erst im April 2014 an den Start gehen. Wie so häufig nehmen Projekte also ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch, was die Soldaten frustriert.
Foto: dpaWie etwa auch die Planung zu dem Kontrollturm, der seit der ersten Jahreshälfte 2014 in Masar-e Scharif im Einsatz ist: Dort werde die Sicht durch den alten, weiter bestehenden Turm behindert. Das Bundesministerium hält die Situation für angemessen. „Die Betroffenen sehen das anders“, dokumentiert Königshaus und wird noch deutlicher: „Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, die Belastungen der Fluglotsen zu senken und die Sicherheit des Flugverkehrs auf dem Flugplatz Masar-e Scharif zu erhöhen.“
Foto: dapdDie persönliche Ausrüstung der Soldaten ist ein weiterer heikler Punkt. Das zeigt sich etwa auch in entsprechenden Foren, wo sich etwa ein Soldat erkundigt, wie er sich auf einen Auslandseinsatz vorbereiten soll. Mit welcher Materialausrüstung kann er rechnen, was sollte er sich selbst besorgen – das treibt den Soldaten um: „Und bevor jemand unkt, dass wir schon alles vom Dienstherren bekommen, was wir dringend benötigen....jaaaaaaaaa, ich weiß, ich weiß...ihr habt Recht und ich habe es zur Kenntnis genommen. Ich glaube ich sollte es genauer ausdrücken: Ja, die Dinge welche mir vom Dienstherren zur Verfügung gestellt werden, reichen zum (über)leben...bin ich aber bereit, für mehr Komfort Eigeninvestitionen zu tätigen“, schreibt er.
Foto: dpaLaut dem Bericht von Königshaus sind aber auch einige Materialien nicht verfügbar, die durchaus zur nötigen Grundausstattung der Soldaten zu sehen sind: Zwar seien nach langem Dringen nun endlich 80 binokulare und modulare Nachtsichtbrillen für die Bundeswehr angeschafft worden, wie sie die hier zu sehenden australischen Kollegen schon sehr viel länger haben. Doch die Soldaten, die mit Unterstützungshubschraubern des Typs Tiger unterwegs seien, warteten noch immer auf einen Laserschutz. „Das ist vor dem Hintergrund der Bedrohung der Luftfahrzeuge und ihrer Besatzungen durch Laser im Einsatzgebiet Afghanistan nicht hinnehmbar“, schreibt Königshaus.
Foto: REUTERSEntsprechend misslich schätzt der Wehrbeauftragte den Umstand ein, dass ein Laserschutzvisier für Fliegerhelmsysteme nicht vor 2016 verfügbar sei. „Eine zeitnahe Realisierung ist hierfür auf Grund der aufwändigen Maßnahmen am Helm nicht möglich“, gibt das Ministerium in einer Stellungnahme zu der Kritik zu. Airbus Helicopter brauche eben 28 Monate, bis ein Lösungsvorschlag präsentiert werden könne und dann müsse der gewöhnliche Weg der Beschaffung gegangen werden – was zusätzlich mindestens zwölf Monate in Anspruch nehme. Stattdessen wolle man ab Sommer 2014 vorerst mit Laserschutzfiltern im Infrarot- und Grünlaser-Bereich, beschwichtigt das Ministerium.
Foto: dpaDie Probleme, die es neulich bei dem Start der Ausbilder für die Peschmerga-Rebellen in den Irak gab, sind nicht die einzigen Vorfälle, die Ausbildungsmissionen behindern: Sonst steht dem Vorhaben oft im Wege, dass es nicht genügend Maschinen und Personal gibt, um die Soldaten in die Einsätze zu bringen.
Foto: dpaViele Soldaten im afghanischen Einsatz berichteten laut Königshaus, dass eine Verlegung nach Kandahar, dessen internationaler Flughafen im Hintergrund zu sehen ist, zwei bis vier Tage in Anspruch nehme. In einem Fall sei ein Soldat sogar neun Tage unterwegs gewesen. Die Soldaten beschwerten sich explizit über die mangelnde Planbarkeit von Flügen wegen technischer Störungen an diversen Flugzeugen und Hubschraubern. Das Bundesverteidigungsministerium entgegnet: „Dabei handelt es sich innerhalb von Afghanistan um einen häufig anzutreffenden Tatbestand, der alle in diesem Land Reisenden betreffen kann.“
Foto: APWährend sich die aktuellen Meldungen auf Probleme mit Hubschraubern für die Mission Atalanta beschäftigen, gibt es bei Marineeinsätzen wie diesem noch viel grundlegendere Probleme: So gibt es für die Soldaten, die oft lange Zeit von ihrer Heimat und ihren Angehörigen getrennt sind, nicht nur nach wie vor keinen kostenlosen Internetzugang. Auf etlichen Schiffen fehlt auch funktionsfähige Satellitenkommunikation. Für einige Fregatten ist gar nicht mehr vorgesehen, die entsprechende Technik noch zu installieren, bis die Mission ausläuft. Dies sei für viele Fregattenmitglieder eine große Belastung, da ihre Missionen noch bis 2017, 2018 oder gar 2019 im Einsatz sein werden. „Hier besteht dringender Handlungsbedarf“, kommentiert der Wehrbeauftragte.
Foto: dpaWeniger relevant scheint auf den ersten Blick die Forderung der Besatzungsmitglieder nach Sportgeräten an Bord der Marine. Doch offenbar sind die Lücken hier tatsächlich gravierend, sodass die Soldaten kaum noch Verständnis dafür haben, dass sie trotz mehrfacher Hinweise keine Trainingsmöglichkeiten bekommen.
Foto: APDie Bundesverteidigungsministerin sieht den Investitionsbedarf durchaus. Ursula von der Leyen erklärte kürzlich im Rahmen der Haushaltsdebatte des Bundestages, sie wolle 20 Prozent der Etats künftig für eine stetige Modernisierung der Ausrüstung einsetzen, im Haushalt 2015 sollen die Mittel schon auf über 19 Prozent steigen.
Foto: APDie Ministerin, die zuletzt für ihre Selbstinszenierung im Zusammenhang mit dem deutschen Engagement in Konflikten wie im Irak kritisiert worden war, erkennt durchaus, dass die Ausrüstung der Bundeswehr stark gefordert sei. Deshalb sollten ja auch die Mittel zur Wartung und Instandsetzung erhöht werden. Doch von Meldungen, dass die aktuellen Probleme die Einsatzfähigkeit der Truppe teils tatsächlich in Frage stellen, will die Bundesverteidigungsministerin von der Leyen nichts hören. Die Bundeswehr sei trotz aller Meldungen voll einsatzbereit. Von der Leyen erklärte, die Soldaten seien auf die weltweit 17 Einsätze und Soforthilfemaßnahmen im Irak und in der Ukraine gut vorbereitet.
Foto: APIn einem Unternehmen wären die Einkäufer wohl längst gefeuert worden. Wie sehen Sie die Leistungsfähigkeit des Verwaltungsapparates unter der Ministerin?
Die Effizienz der Verwaltung ist ein Riesenproblem. Wenn ich mir die Logistik für die Einsatzkräfte anschaue, frage ich mich, ob das noch in einem gesunden Verhältnis steht.
Offenbar nicht. Nach einem Bericht der WirtschaftsWoche aus dem Jahr 2011 ist die Bundeswehr die wohl ineffizienteste Armee der westlichen Welt. Hinter jedem Soldaten im Einsatz stehen 35 Kameraden und 15 zivile Mitarbeiter daheim im Grundbetrieb und zur Unterstützung. Bei den Franzosen sind es acht plus zwei, bei den Briten neun plus vier und EU-weit immerhin 16 plus vier. Dieses Missverhältnis hat der damalige Verteidigungsminister Thomas de Maziere grundsätzlich nicht in Abrede gestellt, aber geschehen scheint seither nicht viel.
Insgesamt ist diese Organisation in einen selbstverwaltenden Zustand gekommen. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Die Bundeswehr bildet top aus, aber anschließend wird das Personal durch unendlich lange Entscheidungswege häufig frustriert. Spitzenleute brauchen also ein ungeheures Maß an Loyalität und Überzeugungskraft, um beim Militär zu bleiben und nicht in die Wirtschaft abzuwandern.
Airbus A400M
Es sollte das Vorzeigeprojekt von Airbus (früher EADS) werden: Mit dem Transportflugzeug A400M wollten die Europäer den Russen und Amerikanern zeigen, zu welchen technischen Fähigkeiten sie in der Lage sind. Herausgekommen ist ein Desaster. Die Auslieferung der ersten Maschinen war für 2009 geplant, geliefert wurde allerdings bisher kaum eine Maschine. Die Franzosen haben derzeit zwei Maschinen in ihrem Besitz, Deutschland soll 2014 den ersten A400M erhalten.
Quellen: Bund der Steuerzahler, HRI, Bundesverteidigungsministerium
Foto: dpaDie Verzögerungen in der Produktion haben auch die Kosten in die Höhe getrieben. So sollen die Mehrkosten laut Verteidigungsministerium satte 9,3 Milliarden Euro betragen – obwohl die Bundesregierung bereits die Notbremse gezogen hat und Flieger abgestellt hat: Von den ursprünglich bestellten 73 Maschinen sollen der Bundeswehr nun nur noch 40 zur Verfügung gestellt werden. Weitere 13 will Deutschland direkt weiterverkaufen. Käufer wurden bisher allerdings noch nicht gefunden.
Foto: APEurofighter
Die Anfänge des Kampffliegers „Eurofighter“ gehen bis in die frühen 80er-Jahre zurück. Mit ihm wollten die Europäer den übermächtigen sowjetischen Kampfjets etwas entgegensetzen. Doch auf dem Weg der Entwicklung kam Airbus die Geschichte in die Quere. Denn Ende der 80er-Jahre fiel zunächst die Berliner Mauer, später brach die Sowjetunion zusammen. Doch alles kein Problem: Mit großem Verhandlungsgeschick gelang es Airbus die Regierungen in Europa davon zu überzeugen, an dem Projekt festzuhalten.
Foto: CLARK/obsSo sicherte der Rüstungskonzern zu, dass der Eurofighter im Laufe der Jahre immer weiter modifiziert werde und so den neuen Rahmenbedingen angepasst werde. Allerdings zeigten die ersten ausgelieferten Jets etliche technische Probleme, deren Behebung weitere Kosten verursachten. Ursprünglich sollte eine Maschine circa 33 Millionen Euro (Preis von 1998) kosten, am Ende schoss der Preis auf 138,5 Millionen Euro in die Höhe. Die Bundeswehr nimmt daher nur noch 140 von ursprünglich geplanten 250 ab.
Doch es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Eurofighter trotz aller Probleme ein durchaus konkurrenzfähiges Flugzeug ist. Dies zeigte sich 2005 in einem „Schaukampf“, bei dem zwei amerikanische F-15-Kampfjets gegen eine Eurofighter-Trainingsmaschine antraten und zu Überraschung aller Beteiligten der Eurofighter dieses Gefecht klar für sich entscheiden konnte.
NH 90
Der Mehrzweckhubschrauber von NH Industries sollte das Rückgrat der deutschen beziehungsweise europäischen Hubschrauberflotte werden. 2010 erhielt die Bundeswehr die ersten Helikopter, die von einer Expertengruppe eingehend getestet wurden. Ihr Urteil war vernichtend. Sie kamen zu dem Schluss, dass, wann immer es möglich sei, alternative Luftfahrzeuge zum Transport von Infanteriekräften zu nutzen seien. Die Mängelliste ist lang und skurril. Zum Beispiel ermöglicht die geringe Bodenfreiheit Soldaten nur auf befestigtem Boden den Ausstieg. Außerdem ist die Heckrampe nicht für den Ausstieg ausgerüsteter Soldaten geeignet, da deren Konstruktion zu schwach ist. Doch das noch lange nicht alles...
Foto: dpaDer Innenraum des NH90 ist derart eng bemessen, dass eine Infanteriegruppe mit Gepäck für 24 Stunden nur dann in den Hubschrauber passen würden, wenn sie ihre Waffen und das Gepäck ohne Sicherungen auf den Boden legen. Diese Beengtheit macht eine Anbringung eines Bordgeschützes außerdem praktisch unmöglich, weshalb der Helikopter im Ernstfall mit anderen Mitteln verteidigt werden müsse. Zu guter Letzt können schwere Waffen aufgrund fehlender Gurte nicht transportiert werden. Ursprünglich waren 122 NH 90 geordert worden, letztlich werden es Stand jetzt circa 100 werden. Kostenpunkt: 8,6 Milliarden Euro. Immerhin gibt es zu diesem Preis weitere Kampfhubschrauber im Paket...
Foto: dpaTiger
Und zwar 57 Kampfhubschrauber Tiger. Die Pläne für die Eurocopter-Maschine reichen bis in das Jahr 1984 zurück. Zusammen mit der französischen Regierung gab die Bundesregierung eine Alternative zum PAH-1 in Auftrag. Dieser ging an Eurocopter (Airbus) mit dem Entwurf des Tigers. Dieser Mehrzweck-Kampfhubschrauber sollte in Konkurrenz zum amerikanischen Apache treten.
Foto: REUTERSDer Erstflug fand 1991 statt, doch es sollte noch weitere zwölf Jahre bis zur Indienststellung dauern. Bisher wurden 72 Tiger ausgeliefert. Deutschland hatte mit 80 Stück des Kampfhubschraubers geplant, später diese Zahl aber auf 57 reduziert.
Foto: REUTERSPuma
Der Trend in der Panzerbranche geht vom schweren Kampf- zum leichteren Schützenpanzer. Diese sollen ein Höchstmaß an Flexibilität ermöglichen, um schnellstmöglich zu den verschiedenen Brandherden in der Welt zu gelangen. Die Bundesregierung hatte deswegen den Rüstungskonzern Krauss-Maffei-Wegmann beauftragt, eine neuere Alternative zum Marder herzustellen. Dabei herausgekommen ist der Puma. Allerdings zeigt dieser zum Teil erhebliche Schwächen. So ist das Gewicht des Pumas im Vergleich zur Konkurrenz deutlich höher und sein Auf- und Abbau ist höchst aufwendig, was die Transportfähigkeit des Schützenpanzers einschränkt.
Foto: dpaTrotz der Mängel ist der Puma mit einem Stückpreis von 7,5 Millionen Euro einer der teuerste Schützenpanzer der Welt. Dementsprechend hoch sind die Kosten. Hatte das Bundesverteidigungsministerium ursprünglich mit Kosten in Höhe von 3,1 Milliarden Euro gerechnet (Preis von 2009 für 405 Panzer), erhöhte sich der Preis auf 4,3 Milliarden Euro – und das bei einer auf 350 reduzierten Stückzahl.
Foto: dapdEurohawk
Das wohl bekannteste Rüstungsdesaster Deutschlands: der Eurohawk. Insgesamt hat die Drohe von Northrop Grumman/EADS (Airbus) bereits 662 Millionen Euro verschlungen. Doch im Gegensatz zu den anderen bereits vorgestellten „Rüstungsproblemkindern“ ist der Eurohawk noch nicht einmal einsatzfähig. Ausschlaggebend ist der Kollisionsschutz. Denn während dieser in den USA kaum benötigt wird, unterliegen Drohnen im europäischen Luftraum strengeren Regeln.
Foto: dpaDer eigentliche Skandal aber ist, dass die mit der Produktion und der Beschaffung verantwortlichen Personen bereits sehr früh um diese Problematik wussten. Doch erst nach der Auslieferung der ersten Drohen wurde eingeräumt, dass der Eurohawk in der jetzigen Version gänzlich unbrauchbar ist. Die Zukunft der Drohne ist ungewiss. Es wird an Lösungen des Navigationsproblems gearbeitet, doch bisher ist unklar, ob die Kosten dafür ein Festhalten an dem Eurohawk-Projekt rechtfertigen.
Foto: dpa
Wirkt sich denn der Wandel von der Wehrpflicht- zur Freiwilligenarmee positiv aus?
Bei der Luftwaffe und Marine wirkt sich das wenig aus, weil dort immer schon längerfristig dienendes Personal tätig war. Beim Heer hat das Wegbleiben der Wehrpflichtigen schon dazu geführt, dass Zeitsoldaten nur schwer gewonnen werden. Und leider geht mit dem Abschied von der Wehrpflichtarmee auch eine schleichende Entkoppelung von der Gesellschaft einher. Das Verständnis der Bevölkerung für die Bundeswehr nimmt dadurch weiter ab.
Bekommt die Bundeswehr nicht zu wenig Geld, um ihre Aufgaben zu erfüllen und ihre Umstrukturierung zu bewältigen?
Für einen echten Umbau braucht man schon eine Anschubfinanzierung. Aber wenn man eine vernünftig aufgestellte Truppe hat, müsste man mit den rund 30 Milliarden Euro pro Jahr auskommen. Wir müssen uns allerdings stärker mit den anderen Bündnispartnern der NATO absprechen. Nicht jede Armee muss zum Beispiel die gleichen Lufttransportfähigkeiten aufweisen. Seit wir von der klassischen Landesverteidigung abkehren, können und müssen sich die einzelnen Bündnispartner besser absprechen und Aufgaben untereinander aufteilen. Es hat dazu zahlreiche Initiativen gegeben, so zum Beispiel die EU-Battlegroups. Diese werden aber nicht oder kaum eingesetzt. Hier zeigt sich ein generelles Problem. Nicht nur Deutschland, auch die Partner verfügen entweder nicht über den politischen Willen, Kräfte zusammenzuführen, oder sie finden sich in einer ähnlich desolaten Ausrüstungslage wieder. Hier gilt es zukünftig multinational eine Sicherheitsarchitektur zu entwickeln, die in eine konkrete und operationalisierbare Beschaffungsstrategie umsetzbar ist.
Welche konkreten Maßnahmen müsste die Bundesverteidigungsministerin noch ergreifen, damit die Bundeswehr – sagen wir: in fünf Jahren wieder einigermaßen einsatzfähig und effizient ist?
Prinzipiell ist die Bundeswehr einsatzfähig, d.h. sie kann ihre Aufgaben wahrnehmen. Die Frage der Qualität steht auf einem anderen Blatt. Viele technische Mängel werden durch den Einsatz und Findigkeit der Soldaten ausgeglichen. Angesichts des gestern vorgelegten Zustandsberichts gilt es aber zu entscheiden, welche Fähigkeiten in welchem Umfang abgebildet werden sollen und welche es noch aufzubauen gilt. Deshalb denke ich, das fünf Jahre sehr ambitioniert sind. Aber wenn ich wie bei der Restrukturierung eines Unternehmens vorgehe, muss ich mir zunächst überlegen, was meine Kernaufgaben sind, die ich wahrnehmen will und kann. Das heißt aber auch, dass ich mich von einigen Aufgaben trennen muss. Dann ist es extrem wichtig, das Thema der militärischen Beschaffung so in den Griff zu bekommen, dass es nicht diese unendlichen Komplexitätsschleifen gibt. Ich akzeptiere dann mehr Standard- und weniger Sonderwünsche. Daneben muss ich die Komplexität der vielen Standorte reduzieren. Oder in drei kurzen Begriffen:
Fokussieren, Reduzieren und Optimieren. Fokussieren auf die Kernaufgaben, Reduzieren der Standorte, Hierarchien und Komplexität der Prozesse insbesondere in der Wehrverwaltung und Optimieren der Leistungsfähigkeit der Beschaffung, Ausrüstung und Führungsfähigkeit.
Beim Schließen von Standorten würden Sie aber wohl jeden Ministerpräsidenten gegen sich aufbringen.
Wir müssen aber bei der Standortpolitik zwischen militär- und sozialpolitischen Komponenten unterscheiden. Letztere verursachen Kosten in Milliardenhöhe – Geld, das für die militärische Aufgabenerfüllung fehlt.
Wie wollen Sie die Truppe denn wieder mehr motivieren?
Das ist ein ganz großes Problem. Das fängt an mit der Frage: Wohin soll die Reise mit der Bundeswehr gehen? Das fehlt schon seit sechs, sieben Jahren und schürt den immensen Frust noch mehr. Das liegt nicht allein an der Ministerin und ihren Vorgängern. Hier fehlt eine langfristige und transparente Führungslinie. Diese kann aufgrund der Richtlinienkompetenz nur von der Bundesregierung kommen.