Tag der Deutschen Einheit: Wo der Osten den Westen als Wirtschaftsstandort überholt
Ein Jahr nach Eröffnung gut zwei Prozent Wirtschaftswachstum in der Region: Teslafabrik in Grünheide, Brandenburg.
Foto: Soeren Stache/dpaDie Bevölkerung schrumpft, vor allem auf dem Land. Die Jungen sind häufig fortgezogen, die Alten zurückgeblieben. Die ostdeutschen Bundesländer haben sich seit 1990 demografisch besonders stark verändert. Mit Folgen: In Regionen, in denen Menschen sich abgehängt fühlen, wo Krankenhäuser und Schulen schließen, Apotheken und Ärzte knapp werden, wird häufiger aus Protest gewählt.
Das zeigt sich in den Wahlergebnissen: In Sachsen stimmten gut 42 Prozent, in Brandenburg knapp 43 Prozent, in Thüringen sogar etwa 47 Prozent der Wählerinnen und Wähler für die rechtsextreme AfD oder das neue linkspopulistische Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Unzufriedenheit, Zukunftssorge und Protest, das bedeutet auch stark werdende Ränder.
Ja, die Mehrheit der Ostdeutschen meint, die Wirtschaft in ihrem Umfeld sei in einem schlechten Zustand. Dabei läuft es an vielen Orten gut. Überall finden sich Unternehmer und Mitarbeitende, die Klischees Lügen strafen, die investieren, ausbilden, einstellen – und an die Branchenspitze drängen. Auch Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) sehen Grund zum Optimismus.
Zeit also für eine Bestandsaufnahme, die zeigt, was geht – 34 Jahre nach der deutschen Einheit. Denn in einigen Punkten bestechen gerade die ostdeutschen Bundesländer:
1. Erneuerbare Energien sind verfügbar
Ein Viertel der deutschen Solarenergie stammt schon heute aus dem Osten Deutschlands. Und sogar mehr als jede dritte der 30.000 deutschen Windkraftanlagen an Land steht, Stand Mitte 2024, in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Ein entscheidender Standortfaktor, urteilen die IW-Experten. „Ausländische Unternehmen, die überlegen, sich bei uns anzusiedeln, fragen sofort nach der grünen Stromversorgung,“ sagt auch Jörg Steinbach (SPD), Wirtschaftsminister in Brandenburg.
2. Die Region ist attraktiv für Unternehmen aus dem Ausland
In Thüringen und Sachsen sind die Investitionen in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen, rechnen die Wissenschaftler des IW vor – und verweisen auf geplante Ansiedlungen wie die des taiwanesischen Chipherstellers TSMC in Dresden. 2023, im Jahr nach der Eröffnung des Tesla-Werks in Grünheide, legte das Bruttoinlandsprodukt Brandenburgs um 2,1 Prozent zu. Wirtschaftsminister Steinbach bezeichnet die Ansiedlung als „Gamechanger“: „Das hat geholfen, Unternehmen wie den Batteriehersteller Microvast oder den Modulhausbauer Daiwa zu gewinnen.“
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3. Frauenerwerbsarbeit hilft gegen den Fachkräftemangel
Frauen in den ostdeutschen Bundesländern arbeiten seltener in Teilzeit als Erwerbstätige im Westen: nur gut 41 Prozent der Beschäftigten im Osten gegenüber fast der Hälfte der außer Haus arbeitenden Frauen in den westdeutschen Ländern. Noch gravierender ist der Unterschied bei Müttern: Während nur ein knappes Drittel der westdeutschen Frauen mit Kindern in Vollzeit arbeitet, sind es im Osten fast 53 Prozent der Mütter, hat das Bundesarbeitsministerium für eine Anfrage der Linken zusammengetragen.
4. Familien nutzen häufiger und früher eine Betreuung außer Haus
Im Osten besuchen gut 55 Prozent der unter Dreijährigen eine institutionelle Betreuung, schreiben die Experten des IW. In Westdeutschland sind es nur knapp 34 Prozent der Kleinkinder. Auch der Anteil der Kinder, die ganztags betreut werden, liegt sowohl bei den unter als auch bei den über Dreijährigen im Osten deutlich höher.
5. Ostdeutsche Hochschulen sind sehr innovativ
Hochschulen in Sachsen und Thüringen melden – gemessen an ihrer Größe – die meisten Patente an. Auf je 1000 Studenten kamen dort zwischen 2017 und 2021 jeweils mehr als fünf Patentanmeldungen, haben die IW-Wissenschaftler erhoben – im Bundesschnitt sind es gerade einmal zwei Patentanmeldungen.
„Ostdeutschland etabliert sich als vielversprechender Wirtschaftsstandort“, sagt IW-Ostexperte Klaus-Heiner Röhl. Allerdings bleibe die Demografie eine Herausforderung. Röhl verweist besonders auf die ländlichen Regionen, wo es schnelles Internet, einen gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr, angemessene Bildungsangebote und Offenheit für Zuwanderung brauche.
So wie in Dresden, wo kürzlich neue Kollegen aus den Philippinen zur Belegschaft der Elbe Flugzeugwerke stießen. „Wir haben unseren Mitarbeitern klargemacht, dass diese Leute niemandem den Arbeitsplatz wegnehmen,“ sagt Geschäftsführer Jordi Boto. Die Botschaft kam an. Die Belegschaft habe sich freiwillig für Patenprogramme gemeldet, ein Gewinn für alle Beteiligten.
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