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Tauchsieder
Nicht nur Journalisten sollten sich öfter mal auf einen wie Aristoteles zurückbesinnen.

Wertorientierter Journalismus? Bitte nicht.

Donald Trump und seine Aggressionstweets. Alexander Gauland und sein „Vogelschiss“. Horst Seehofer und seine 69 Abgeschobenen zum 69. Geburtstag. Es war nie leichter, die Welt ständig, schnell und korrekt zu bemeinen. Doch was ist damit gewonnen?

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Es gibt in diesen politisch aufgewühlten Mittsommerwochen vielleicht nichts Schöneres, als sich abends mit einem kühlen Riesling in den Garten, auf die Terrasse oder den Balkon zu begeben und mal wieder Aristoteles zu lesen. Schneller kann man nicht niveauvoll der Nachrichtenlage entkommen. Man versenkt sich in die „Nikomachische Ethik“ und die „Politik“ - und ist bereits nach zwei Sätzen Vorzüglichkeitswelten entfernt von Theresa May und Horst Seehofer und Kostbarkeitsuniversen weit weg von den Aggressionstweets Donald Trumps und dem guteifernden Aktivismus alles bemeinender Kollegen, die sich von Facebook neuerdings zu Scharfrichtern ihrer Gesinnung approbiert glauben – und auf der Basis ihres berufsbedingten Sechzehntelwissens leider auch daran arbeiten, der Moderne ihre konstitutiven Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auszutreiben.

Für Aristoteles ist alles Zuviel ein Mangel, ein Zuviel des Schlechten und Dummen, aber auch ein Zuviel des Guten – dass wir so einen einfachen, paradoxen Satz heute kaum mehr zu denken wagen, sagt eigentlich schon alles. Der griechische Philosoph geht davon aus, dass Menschen nach Lust, Ehre und Erkenntnis streben - und dass das angestrebte Gute auf den Nenner der „Glückseligkeit“ (eudaimonia) gebracht werden kann – als einer Tätigkeit der Seele gemäß der vollkommenen Tugend (arete). Diese Tugend (allein) ist „den Menschen und an sich genussreich“, kein Mittel, sondern Zweck, ein selbstgenügsames Gut und Ziel.

Das heißt, konkret gesprochen: Wer sein Lust-, Ehr-, Macht-, Bereicherungs- und Erkenntnisverlangen zu temperieren versteht, weil er zum Beispiel sparsam, aber nicht geizig, freigebig, aber nicht verschwenderisch, genussbetont, aber nicht gierig, strebsam, aber nicht geltungssüchtig, sinnenfroh, aber nicht gierig, tätig, aber nicht rastlos ist, der trainiert nicht nur seine Tugend zur Beförderung seiner eudaimonia, sondern der sucht die Tugend dabei auch als angestrebtes Mittelmaß permanent auf die Qualitätsspitze zu treiben – eben weil „die Mitte“, so Aristoteles, zwischen „zwei Schlechtigkeiten, dem Übermaß und dem Mangel“ liegt und weil die Tugend „hinsichtlich ihres Wesens und der Bestimmung ihres Was-Seins eine Mitte“ ist, „nach der Vorzüglichkeit und Vollkommenheit aber das Höchste“.

Was für herrlich klare Reflexionen! Keine binärdummen Engstirnigkeiten, keine bleckende Zeigefingerempörung! Sind wir heute, wie Aristoteles, überhaupt noch fähig zum ausgeruhten Selbstgespräch, zum überlegten Argument? Und wenn nicht: Rechnen wir Donald Trump und Marine LePen, Alexander Gauland und Horst Seehofer zu den Ursachen dieser Unfähigkeit oder zu ihren Wirkungen, sind sie Phänomene der politrhetorischen Verwahrlosung oder nur Vorboten? Und warum sind so viele Kollegen heutzutage, wenn die Sprache auf Trump und Gauland, auf Seehofer und Migranten kommt, keine Journalisten mehr, sondern Aktivisten? Was um Himmels willen bringt sie neuerdings dazu, dem „Neutralitätswahn“ entsagen zu wollen und einem „wertorientierten Journalismus“ das Wort zu reden, so „Monitor“-Chef Georg Restle? Was wollen sie uns mit dieser Phrase sagen?

„Wertorientierter Journalismus“ kann allein unter der Bedingung der Meinungsdiktatur als Norm formuliert werden – als Norm, der man als Journalist entsprechen oder die man als Journalist unterlaufen kann. Unter der Bedingung der Meinungsfreiheit in einer Demokratie ist „wertorientierter Journalismus“ nichts als ein unsinniger Pleonasmus: Schließlich darf ich als Journalist jederzeit sagen, meinen, schreiben, was ich will – gemäß meinen Wertvorstellungen oder auch nicht. Alle Versuche, den Journalismus mit einem Auftrag zu versehen, ihn in den Dienst einer „wehrhaften Demokratie“ zu nehmen, leiden an diesem logischen Denkfehler: Sobald ich das Gut der Pressefreiheit mit einem Attribut versehe („wertorientiert“), drohe ich auch schon, die Pressefreiheit zu begrenzen, sie zu beschädigen.

Es ist daher geradezu grotesk, aus einem dem Journalismus unterstellten, jederzeit unerfüllbaren Ideal der Objektivität – der neutralen Berichterstattung, der medial vermittelten Abbildung von Wirklichkeit – abzuleiten, ein Teil der Branche litte an „selbsthypnotischer Verantwortungslosigkeit“ (Carolin Emcke), weil sie nicht klar genug Stellung gegen die Toleranzfeinde und Pluralismusgegner beziehe. Denn erstens glaubt an diese „Objektivität“ kein Journalist (und Leser), der auch nur bis drei zählen kann. Und zweitens ist diese Objektivität keineswegs mit dem Hajo-Friedrichs-Ideal zu verwechseln, sich mit keiner Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten. Friedrichs’ Ideal verteidigt die Ambivalenzfähigkeit des Journalisten, nicht dessen Neutralität, oder schärfer formuliert: Friedrichs will, dass Journalisten Gründe diskutieren, gegen sich selbst denken, mit ihren Werten ins Gericht gehen - und ist daher unbedingt zu verteidigen gegen alle, die sich bereits im Besitz der richtigen Werte wähnen.

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