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Werner knallhart
Tierschutz: Brutale Ferkelkastration wird weiter gebilligt Quelle: imago images

Ferkelkastration: Deutschland ohne Eier und Herz

In Deutschland dürfen Schweinezüchter ihre Ferkel zwei Jahre länger als ursprünglich geplant ohne Betäubung brutal kastrieren. Weil die Bundesregierung den Bauern glaubt, der Verbraucher wolle das so. Das ist Irrsinn.

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Diejenigen unter den männlichen Lesern, die mal als Jungs beim Fahrradfahren im Stehen unglücklich von den Pedalen abgerutscht sind und dann nur noch von der Mittelstange des Fahrradrahmens abgefangen wurden, die wissen, was Schmerzen sind.

Dieses dumpfe, ziehende Pochen vom Schritt bis tief in den Bauchgrube hinein. Dabei haben die Testikel damals meist sicherlich nur einen mittelschweren Schlag abbekommen. Den kleinen Ebern werden die Hoden aber ohne Betäubung aus dem Leib gerissen oder geschnitten. Und Experten, wie der Wiener Professor Johannes Baumgartner sagen: Die kleinen Schweine spüren diesen brutalen Eingeweideschmerz über Tage. Und zwar sichtbar und messbar an Stresssymptomen.

Dabei gebe es erfolgreich angewandte Alternativen wie etwa die Impfung gegen den unappetitlichen Ebergeruch, wie in Australien, Belgien, Brasilien und Russland. In Deutschland darf die Tierquälerei aber einfach so weiter gehen. Weil viele Bauern es so wollen.

Das ist für mich das erste Rätsel: Ausgerechnet die Schweinewirte, die ihr Auskommen den Schweinen verdanken, behandeln sie wie seelenloses Packgut. Sollten sie nicht ihre glühendsten Fürsprecher sein? Wo bleibt da die Liebe zum Schützling?

Aber leider zieht auch hier wieder das oft gehörte Einheitsargument der Bauern: „Solange der Verbraucher das so nachfragt, bleibt uns nichts anderes übrig.“ Mit anderen Worten: Weil wir Verbraucher billiges Fleisch wollen, wollen wir auch Tierquälerei. Ach ja?

Mit dieser Ausflucht gelingt es der Landwirtschaft auch sonst, die Ausbeutung von Tier- und Pflanzenwelt zu rechtfertigen. Weniger Monokulturen zum Schutz unserer Insekten, weniger Fäkalien als Dünger zum Schutz unseres Grundwassers, mehr Platz für die Hühner. Ach was, wollt ihr Verbraucher doch gar nicht.

Es hat offenbar keinen Sinn darauf zu warten, dass die Bauern im großen Stil auf die Straße gehen und rufen: „Wir wollen mehr Tierschutz, wir wollen mehr Tierschutz!“ Einige sympathische Vorreiter unter den Bauern wollen zwar mit sich im Reinen sein und preschen mit mehr Tierschutz vor. Man kann den Mut dieser Überzeugungstäter gar nicht oft genug würdigen. Aber in der Massentierhaltung heißt immer noch: Das Tierwohl muss zurücktreten.

Doch der mündige Verbraucher muss eben auch darüber aufgeklärt werden. Warum veröffentlichen die Landwirtschaftsverbände nicht reihenweise Videos von schreienden Ferkeln mit dem Untertitel: „Wenn Sie als Verbraucher dem Unheil ein Ende setzen wollen, dann kaufen Sie nur noch zertifiziertes Schweinefleisch ohne Eberquälerei“? Ich kann mir das nur so erklären: Es fehlt der Respekt vor den Tieren als Individuen. Denn wer wirklich auf der Seite der Tiere steht, der muss den Wandel mit Kraft anstoßen. Wer, wenn nicht die Landwirte? Aber die verhalten sich wie die Automobilindustrie, deren Produkte zur Erderwärmung beitragen, aber die man zum Umweltschutz verdonnern muss, weil sie selber keine Lust haben, als Vorreiter Zeichen zu setzen.

Die Vorstellung, dass die Automobilindustrie der Politik voraus rennt, ist genauso absurd wie der Gedanke daran, dass die Landwirte den Verbrauchern sagen: „In Zukunft mit mehr Liebe, Freunde.“ Schade.

Nun könnte man sagen: Gut, Schweinemäster sind vielleicht nicht gerade die größten Freunde der Schweine, schlimm genug. Dann muss halt die Politik ran. Und da verschiebt die GroKo das Verbot der Kastration kleiner Eber ohne Betäubung um Jahre!

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