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Görlachs Gedanken
Kapitänin Rackete hat mit ihrem Rettungsschiff Sea-Watch 3 und vierzig Flüchtlingen darauf auf der Insel Lamepdusa angelegt. Quelle: dpa

Die politische Elite versagt, weil sie zaudert

Der Fall „Sea Watch 3“ zeigt: Auf der Suche nach unserem Wesen als Europäer werden wir bereits von den Rechtspopulisten manipuliert und instrumentalisiert. Europa muss sich entschlossen dagegen wehren.

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Was für eine Werte-Union will Europa sein, für welche Werte will der Kontinent stehen? Das sind die übergeordneten Fragen im Streit um die Kapitänin Carola Rackete. Im Spendenaufruf der prominenten Moderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf ist der Satz „Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher“ zentral. Wenn man sich wirklich auf die Suche nach fundamentalen Werten für unser Zusammenleben machen würde, Stünde diese Aussage nicht ganz weit oben auf der Liste? Drückt dieser Satz eigentlich nicht eine Selbstverständlichkeit aus?

„Wer auch nur ein Menschenleben rettet, rettet die ganze Welt“ heißt es im Talmud. Und im Neuen Testament werden wir dazu angehalten „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Da ist er doch also, der gesamte jüdisch-christliche Kanon, auf den sich viele Politikerinnen und Politiker im Abendland berufen und das Christentum in einer Nussschale, dessen Werte, wenn man Umfragen glauben darf, bis zu siebzig Prozent der Europäer als wichtig für ihr Leben erachten.

Für den italienischen Vize-Premierminister Salvini gleicht das Retten von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer durch die Hilfsorganisation „Sea Watch“ einem „Kriegsakt“. Frau Rackete hat mit ihrem Boot und vierzig Flüchtlingen darauf auf der Insel Lamepdusa angelegt, jene Insel, die zum Inbegriff der Massenflucht geworden ist und die Papst Franziskus zum Ziel seiner ersten Reise als neugewähltes Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gemacht hatte. Der Papst mahnte die westliche Welt, die Flüchtlinge nicht wie Abfall des Kapitalismus und der Globalisierung zu betrachten und zu verachten. Es ist erschreckend, dass gerade in Ländern, in denen ihre Anführer sich als katholisch gerieren – Italien, Polen, Ungarn – das Wort des Pontifex ignoriert wird. 

Was sagt uns das? Dass wir auf der Suche nach unserem Wesen als Europäer, auf der Suche nach unserem Platz in der Geschichte, schon so von den Rechtspopulisten manipuliert und instrumentalisiert wurden, dass wir von ihnen zu degenerierten Zombie-Christen gezüchtet wurden, die zwar das Abendland verteidigen wollen, aber dabei in der Tat zweimal nachdenken müssen, ob man dafür nicht Menschen im Mittelmeer verrecken lassen soll. Eine solche Zivilisation ist eine Zivilisation im Endstadium – und genau da wollen uns die Salvinis dieser Welt haben. Denn wenn wir erst einmal so weit vom Guten abgerückt wurden, ist es ein Leichtes, Bürger und Nationen gegeneinander auszuspielen.

Empathie ist ja eine unteilbare Begabung: Wenn man sie nur auf die eine „Sorte“ Mensch anwendet, auf eine andere aber nicht, dann ist man nicht mehr emphatisch.

Empathie ist die Begabung, sich einer Sache mit Verstand und Emotion gleichermaßen zu nähern, um zu verstehen, warum, Menschen in der einen oder anderen Weise handeln. Wer das nicht (mehr) kann, kann keine Zivilgesellschaft mehr aufrecht erhalten und keine Demokratie. Jeder politische Prozess lebt vom Augenmaß, vom Hinhören und Abwägen und darauffolgend vom Entscheiden. Die Salvinis dieser Welt kennen nur das Ressentiment. Das macht blind für das Argument und lebt davon, „den anderen“ als ungleichen zu betrachten. Die Welt kann aber nur dann emphatisch im oben aufgeführten Sinne sein, wenn auch wirklich Entscheidungen getroffen und Leadership gezeigt wird.

Davon kann leider nicht die Rede sein: Es gibt keine wertegeleitete europäische Flüchtlingspolitik aus Angst, dass dann noch mehr Wahlvolk bei den Rechten das Kreuz macht. Es ist doch völlig klar: Es können nicht alle Flüchtlinge der Welt in Europa Aufnahme finden. Gerade deshalb muss man Fluchtursachen verstehen und bekämpfen. Denn schließlich geht es dabei um Menschenleben. Doch die politische Elite versagt, weil sie nicht handelt, weil sie zaudert.

Denn man sündigt nicht nur, wenn man Böses tut, sondern auch, wenn man Gutes unterlässt. Menschen ersaufen lassen, fällt sicher in die Kategorie „Gutes unterlassen“. Also daher, liebe Europäer, liebe Christenheit, seid wachsam! Lasst euch nicht von den bösen Salvinis dieser Welt etwas vormachen: Menschen ertrinken lassen, ist keine Politik. Es kann auch kein Mandat des Wählers zum Morden geben. Politiker, die Seenotrettung als Kriegsakt bezeichnen, sagen damit zur gleichen Zeit, dass das Ertrinken lassen von Menschen zur Staatsräson gehört. Das ist das Ende des Rechts und des Staats, der auf ihm gründet. Ein Rückfall in die Barbarei. Genau das wollen die neuen Rechten erreichen. Europa muss sich entschlossen dagegen wehren. 

Alexander Görlach ist der Autor von Homo Empathicus. Von Sündenböcken, Populisten und der Rettung der Demokratie (Herder, 2019)

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