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Die Arbeitslosigkeit von Hochqualifizierten steigt in Deutschland. Foto: IMAGO/Panama Pictures

ArbeitsmarktJunge Akademiker sorgen sich um ihren Berufsstart

Uni-Abschlüsse gelten als Garant für eine sichere berufliche Zukunft. Doch der aktuelle Arbeitsmarkt stellt dies infrage – vor allem bei drei Studienfächern.Antonia Marquardt 07.09.2025 - 14:28 Uhr

Den Doktortitel quasi in der Tasche – und trotzdem Sorgen vor der Arbeitslosigkeit? Bei Olivia Wirth ist das so: „Ich habe gemischte Gefühle, weil es auf dem akademischen Arbeitsmarkt gerade nicht so rosig aussieht“, fürchtet die Doktorandin der Universität Passau. Dabei war das zu Beginn ihrer Promotion noch ganz anders: Da machte sie sich keine Gedanken um spätere Jobchancen.

Doch jetzt gibt sie in weniger als vier Wochen ihre Doktorarbeit am Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre ab. Drei Jahre habe sie hart für ihren Titel gearbeitet, erzählt sie. Aber statt sich ausschließlich auf die bevorstehende Abgabe zu konzentrieren, sorgt sie sich um ihre berufliche Zukunft.

Wie Olivia geht es vielen Berufseinsteigern. Lange galt eine akademische Ausbildung als Garant für einen sicheren Job – vor allem hohe Qualifikationen, wie eine Promotion. Doch das scheint sich gerade zu ändern. Drei Jahre wirtschaftliche Stagnation setzen dem Arbeitsmarkt zu.

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Das zeigt die sogenannte Akademiker-Arbeitslosenquote, also die Arbeitslosenquote unter allen Personen mit Universitätsabschluss. Lag die Quote vor der Corona-Krise 2019 noch bei 2,1 Prozent, betrug sie 2024 schon 2,9 Prozent. In absoluten Zahlen ergibt das 290.000 Personen mit akademischem Abschluss, die 2024 arbeitslos waren.

Zwar liegt die Akademiker-Quote unter der allgemeinen Arbeitslosenquote. Dennoch lässt die Entwicklung aufhorchen, klagen doch viele Unternehmen über einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften.

Mehr Studierende, weniger Sicherheit

Die jüngste Entwicklung trifft vorwiegend Berufseinsteiger. Die Zahl der Studierenden ist hoch: Im Wintersemester waren 2,9 Millionen Studierende immatrikuliert – ein Anstieg von sechs Prozent gegenüber vor zehn Jahren. Laut Prognosen der Bundesagentur für Arbeit wird die Zahl der Erstsemester bis 2035 sogar noch weiter steigen.

Die angespannte Lage hinterlässt Spuren. „Die allgemeine Verunsicherung der Studierenden ist spätestens seit Corona gestiegen“, sagt Holger Ehlert, Geschäftsführer der Studierendenakademie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf (HHU). Die Akademie bietet im Rahmen ihrer Karriereservice-Programme Unterstützung beim Berufseinstieg an. Laut Ehlert müsse man die Situation jedoch differenziert nach Studienfächern betrachten.

Besonders betroffen sind Absolventen der Naturwissenschaften mit einer Arbeitslosenquote von 8,3 Prozent. Auch die Fächer Mediengestaltung, Werbung und Marketing (7,5 Prozent) sowie Geistes- und Gesellschaftswissenschaften (6,5 Prozent) liegen über dem Durchschnitt. Die niedrigsten Quoten finden sich bei Verwaltungsfächern und Lehramt. Auch regional zeigen sich Unterschiede: In Ostdeutschland liegt die Akademiker-Arbeitslosenquote bei 3,9 Prozent, in Westdeutschland bei 2,7 Prozent.

Im internationalen Vergleich habe Deutschland jedoch eine gute Stellung, erklärt Michael Stappel, der die Abteilung Maroökonomik und Branchenresearch bei der DZ Bank leitet. „Das heißt aber noch lange nicht, dass wir keine Baustellen haben“, mahnt der Ökonom.

Strukturwandel und Branchenkrise

Die Ursachen sind vielfältig. Ein Grund ist die seit drei Jahren schwächelnde Konjunktur. Aber das ist nicht alles: „Wir erleben einen gravierenden Strukturwandel“, betont Stappel, insbesondere im verarbeitenden Gewerbe wie der Automobilindustrie. In den vergangenen zwölf Monaten gingen dort 51.500 Arbeitsplätze verloren. Das sind, laut dem Beratungsunternehmen Ernst and Young, fast sieben Prozent der Stellen. Der Übergang zur Elektromobilität trifft sowohl Hersteller als auch Zulieferer. Die chinesische Konkurrenz hat bei der Vermarktung von E-Autos eine stärkere Position auf dem Weltmarkt und das trifft die deutschen Konzerne schwer.

Auch die hohen Energiepreise belasten die Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere energieintensive Branchen wie Chemie und Metall. Deutschland hat im internationalen Vergleich hohe Strom- und Gaspreise, was die Abwanderung von Unternehmen begünstigt und Investitionen hemmt.

2,9
Prozent
betrug die Akademiker-Arbeitslosigkeit 2024

Zusätzlich wirkt sich die Zollpolitik des US-Präsidenten Donald Trump negativ auf den Export aus. Automatisierung und künstliche Intelligenz verändern ebenfalls den Arbeitsmarkt. Laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sind vor allem IT-Berufe von dem Strukturwandel betroffen: etwa Programmierung, Systemadministration und Datenanalyse. Tätigkeiten, die früher als zukunftssicher galten, sind heute automatisierbar.

Auch Einstiegstätigkeiten, oft von Absolventen übernommen, sind zunehmend ersetzbar. Die Anforderungen an Berufseinsteiger steigen, während die Zahl der Stellenausschreibungen sinkt – im August schrieben Unternehmen zehn Prozent weniger Stellen aus als im Vorjahr, berichtet die Bundesagentur für Arbeit. Weiterhin besonders gefragt waren hingegen Bauarbeiter, Handwerker, technische Fachkräfte sowie Vertriebspersonal.

Bildungspolitik unter Druck

Michael Stappel von der DZ Bank fordert auch ein Umdenken in der Bildungspolitik. In MINT-Berufen, bei Ärzten und Lehrkräften bestehe hoher Bedarf, während in anderen Bereichen ein Überangebot herrsche. „Man sollte die Bereitstellung von Studienplätzen stärker am Bedarf der Wirtschaft ausrichten“, meint Stappel. Das sei ein Thema für die Kultusministerkonferenz, auf der sich alle Bundesländer über ihre Bildungspolitik abstimmen. Umschulungen und Weiterbildungen könnten ebenfalls individuelle Chancen verbessern.

Die aktuelle Arbeitsmarktlage ist schlecht für Arbeitnehmer, die sich überhaupt nicht ändern wollen.
Malte Sandner
Professor mit Forschungsschwerpunkt Berufseinstieg

Arbeitsmarktökonom Malte Sandner vertritt eine ähnliche Meinung: „Im Bereich Pflege und Medizin gibt es eine große Nachfrage.“ Wer keinen Job finde, könne sich Richtung Gesundheitswesen oder Betreuung umorientieren, gibt der Professor an der Technischen Universität Nürnberg zu bedenken. Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl der Stellen im Pflege- und Sozialbereich um 71.000. Für viele Berufseinsteiger, die eigentlich etwas ganz anderes machen wollten, ist das jedoch keine Option. Sandner betont: „Die aktuelle Arbeitsmarktlage ist schlecht für Arbeitnehmer, die sich überhaupt nicht ändern wollen.“

Arbeitslosigkeit trotz Fachkräftemangel

Trotz Herausforderungen gibt es also Chancen – besonders in wachsenden Branchen. „Das Hauptproblem ist nicht die Arbeitslosigkeit, sondern der Fachkräftemangel und auch der allgemeine Arbeitskräftemangel“, erklärt DZ-Ökonom Michael Stappel. Das mache es für die Betroffenen einfacher, wieder einen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu finden. Laut ifo Institut gaben im Januar diesen Jahres 28 Prozent der befragten Unternehmen an, unter Fachkräftemangel zu leiden. Besonders betroffen sind Gesundheits- und Sozialberufe, Bau- und Handwerksberufe sowie MINT-Fächer.

Aus den Daten ergibt sich ein deutlicher Widerspruch. Trotz dringend gesuchter Fachkräfte ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen Monaten gestiegen. Zuletzt gab es jedoch erste Zeichen einer Trendwende: Zwar stieg die Zahl der Arbeitslosen im August über die drei Millionen-Marke. Allerdings geht das auf saisonale Effekte zurück. In der Sommerpause klettert die Arbeitslosigkeit immer nach oben. Rechnet man diesen Effekt heraus, ist die Arbeitslosigkeit im August tatsächlich gesunken. Sollte die Rezession in der zweiten Jahreshälfte wirklich enden, wie es Konjunkturforscher erwarten, könnte das dem Arbeitsmarkt weiter Aufwind geben.

Mehrheit nach halbem Jahr wieder im Job

Ein weiterer Lichtblick: Die Arbeitslosigkeit unter Hochqualifizierten ist meist von kurzer Dauer. In 63 Prozent der Fälle dauert sie weniger als ein halbes Jahr. Dennoch bereitet auch kurzfristige Arbeitslosigkeit Sorgen. „Ich möchte weiter in meine Karriere investieren und habe keine Zeit zu verlieren“, sagt Olivia. Sie ist dankbar für die soziale Absicherung in Deutschland, doch es bleibt ein belastendes Gefühl, trotz langer akademischer Laufbahn, an die Arbeitslosigkeit zu denken.

„Ich bin davon überzeugt, dass die sicherste Chance für einen erfüllten Arbeitsplatz ist, wenn das Studium und der Beruf den persönlichen Neigungen entspricht – weil man dann auch gut ist in dem, was man tut“, sagt Holger Ehlert, Geschäftsführer der Studierendenakademie der HHU. Das macht auch Olivia Mut. Sie möchte weiterhin optimistisch bleiben und hofft auf eine Anstellung in einer internationalen Organisation oder als Juniorprofessorin.

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