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Wachstumsmarkt WasserDie Blue Economy – ein blaues Wirtschaftswunder?

Ökonomen haben die unterschiedlichen Nutzungsformen von Wasser zu einem neuen großen Wirtschaftsbereich aggregiert: der „Blue Economy“. Was verbirgt sich dahinter und wie groß ist das ökonomische Potenzial?Laura Thalmeyer 22.04.2025 - 10:20 Uhr
Spirulina-Algen eignen sich als Proteinquelle und sind Teil der Blue Economy. Foto: IMAGO/Westend61

Einer der größten Umschlagplätze für Fisch ist in Europa: der Frankfurter Flughafen. 25.000 Tonnen Fisch kommen jährlich am Airport an. Für Unternehmerin und Sushi-Liebhaberin Carolin Ackermann ist das angesichts der langen Transportwege ein Unding.

Zusammen mit ihren Co-Gründern Christian Steinbach und Kai Wagner will sie die Aufzucht revolutionieren. Ihr Ziel: eine nachhaltige und regionale Aquakultur mit voll­au­to­ma­ti­sier­ten Anla­gen. Die Idee entstand während ihrer Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiter im Aquakultur-Labor der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) des Saarlandes. 2018 gründeten die drei das Start-up „Seawater Cubes“.

Eine von ihnen konzipierte Aquakulturanlage unterstützt nun Landwirte und Fischanbieter, sich zu diversifizieren und Fisch „von vor Ort“ anbieten zu können. Bislang sind fünf Anlagen verkauft, zwei produzieren in Münster und Aachen unter anderem Wolfsbarsch und Dorade. Die beiden anderen sollen noch in diesem Jahr fertiggestellt werden. 2024 erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von rund 500.000 Euro. Für weitere 800.000 Euro haben sie Aufträge abgeschlossen.

An Land gezüchtete Wolfsbarsche, ausgenommen und servierfertig, von dem Start-up Seawater Cubes. Foto: Seawater Cubes

Seawater Cubes zählt zu einem Wirtschaftssektor, in den Ökonomen große Hoffnungen setzen: die sogenannte Blue Economy. Nach Schätzungen der OECD könnte die blaue Wirtschaft ab 2030 stärker wachsen als die Weltwirtschaft insgesamt – sowohl in puncto Wertschöpfung als auch bei der Beschäftigung.

Bereits jetzt arbeiten allein in Europa 3,6 Millionen Menschen am, mit oder auf dem Wasser. Die Bruttowertschöpfung lag 2021 – aktuellere Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat liegen bisher nicht vor – bei 171 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Plus von 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr. „Der europäische Wassersektor hat das Potenzial, bei neuen Technologien weltweit führend zu werden“, kommentiert Jessika Roswall, EU-Kommissarin für Umwelt, Wasserresilienz und wettbewerbsfähige Kreislaufwirtschaft.

Was zählt zur Blue Economy?

Ein Urlaub an der Cote d’Azur, die Frachtabfertigung im Hamburger Hafen und Wasserturbinen in der Nordsee haben eines gemeinsam: Sie sind Teil der Blue Economy. Den Begriff prägte der Unternehmer Gunter Pauli, auch bekannt als „Steve Jobs der Nachhaltigkeit“, bereits 2010 mit seinem Buch „The Blue Economy – 10 years, 100 innovations, 100 million jobs“.

Die Blue Economy umfasst alle Wirtschaftstätigkeiten und Bereiche, die direkt oder indirekt mit dem Ozean, den Meeren und Küsten verbunden sind. Darunter zählen sowohl traditionelle Sektoren wie Küstentourismus und Fischerei als auch innovative Bereiche wie erneuerbare Meeresenergien und Küstenschutz. Die Weltbank definiert sie als die „nachhaltige Nutzung der Meeresressourcen für wirtschaftliches Wachstum, bessere Lebensbedingungen und Arbeitsplätze bei gleichzeitiger Erhaltung der Gesundheit des Ökosystems Meer“.

Was sind die wichtigsten Bereiche der Blue Economy?

Der jährlich erscheinende „EU Blue Economy Report“ der Abteilung Maritime Angelegenheiten und Fischerei der EU-Kommission untersucht das Ausmaß und das Potenzial der blauen Wirtschaft in der EU. Der jüngste Bericht attestiert ihr eine „gute Verfassung“. Aufstrebende Sektoren wie Meeresenergie, blaue Biotechnologie und Meerwasserentsalzung bieten neue Geschäftsmöglichkeiten. Trotz der Coronapandemie und der gestiegenen Energiepreise durch den russischen Angriffskrieg haben die meisten Sektoren der blauen Wirtschaft ihre Wirtschaftsleistung verbessert.

Zu den sieben Sektoren gehören: Küstentourismus, lebende Meeresressourcen, nicht lebende Meeresressourcen, Hafenaktivitäten, Meeresenergie, Schiffbau/Schiffreparatur und Seeverkehr.

Der Küstentourismus ist nach wie vor der größte Sektor der blauen Wirtschaft. 2021 hat er 29 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung erwirtschaftet. Auch in Bezug auf die Beschäftigung ist der Küstentourismus bei weitem der größte Sektor der blauen Wirtschaft (54 Prozent).

Gemessen am Umsatz ist der Seeverkehr der zweitgrößte Sektor der blauen Wirtschaft. Hohe Dynamik gibt es vor allem bei den erneuerbaren Meeresenergien – hauptsächlich sind dies Offshore-Windanlagen.

Welche Staaten sind führend in der Blue Economy?

Deutschland spielt in der Blue Economy eine wichtige Rolle und investiert mit rund 9,9 Milliarden Euro am meisten. Danach folgt Italien mit rund 9,6 Milliarden Euro.

Gleichzeitig trägt Deutschland mit 25,1 Prozent am meisten zu der Bruttowertschöpfung der Blue Economy in der EU bei. Mit deutlichem Abstand befindet sich Frankreich mit 13 Prozent auf Platz 2.

Blue Economy und Schutz der Meere – ein Widerspruch?

2021 legte die Europäische Kommission erstmals ein Konzept für eine nachhaltige blaue Wirtschaft in der EU vor und integrierte sie in den Europäischen Green Deal. Laut EU-Kommission soll die blaue Wirtschaft dem Green Deal nicht nur Folge leisten. Sie sei unabdingbar, um die Umwelt- und Klimaziele der EU zu erreichen. Neben der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele will die EU gleichzeitig aber auch das steigende Wirtschaftspotenzial erschließen.

Anfang März drehte sich in Brüssel auf der Konferenz „European Ocean Days 2025“ alles um die nachhaltige Nutzung der Weltmeere. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Privatwirtschaft diskutierten darüber, wie sich die Meeresökosysteme erhalten und gleichzeitig die blaue Wirtschaft ankurbeln lässt. Costas Kadis, Kommissar für Fischerei und Ozeane, schätzte auf der Konferenz das Volumen der in Europa im vergangenen Jahr getätigten Transaktionen im Bereich der blauen Wirtschaft auf acht Milliarden Euro, doppelt so viel wie im Jahr zuvor.

Wie unterstützt die EU die Blue Economy?

Insgesamt hat die EU zahlreiche Fördertöpfe, um Zukunftstechnologien der Blue Economy zu fördern. Darunter die Förderinitiativen InvestEU und BlueInvest. Sie vereinen Unternehmensberatung, Unterstützung bei der Mittelbeschaffung und Vernetzungsmöglichkeiten für Unternehmen im Meer-Tech-Bereich. Auch die Europäische Investitionsbank (EIB) ist mit im Boot. Nach eigenen Angaben finanzierte die EIB von 2019 bis 2023 die blaue Wirtschaft mit 7,3 Milliarden Euro und unterstützte damit Gesamtinvestitionen von 30,8 Milliarden Euro.

Die Initiative „BlueInvest“ der EU-Kommission finanziert sich aus dem Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds (EMFAF). Für 2021 bis 2027 beträgt dessen Budget 6,1 Milliarden Euro. Mit dem Geld will die EU Innovationen in der Blue Economy fördern. Allerdings gibt es Kritik an der Förderpolitik. Start-ups erhielten oft nur PR-Unterstützung und „Hilfe zur Selbsthilfe“, wie die beiden Gründer Carolin Ackermann und David Gebhard kritisieren. Die EU habe zwar die Wachstumschancen erkannt, bliebe aber hinter ihren Möglichkeiten zurück.

Warum gibt es Kritik an der EU-Förderung?

Der EMFAF kam für Aquapurna nicht in Frage: zu bürokratisch und realitätsfern. „Wir hätten das ganze Projekt pausieren müssen, nur um auf die Bewilligungen zu warten“, kritisiert Gebhard, Co-Gründer des Start-ups für regionale Garnelenzucht. Auch ein Darlehen der Europäischen Investitionsbank blieb aus – für die Gründer aus intransparenten Gründen.

Zusammen mit dem Ingenieur Florian Gösling und dem Biologen Gerrit Quantz gründete der Jurist Gebhard 2020 Aquapurna in Wunstorf bei Hannover. Eine europäische Garnelenzucht scheiterte bisher an hohen Energie- und Produktionskosten. Sie blieb ein Luxusprodukt, war aber kein Ersatz für asiatische Importware. Für Gösling und seine Co-Gründer Ansporn, eine nachhaltige und regionale Garnelenzucht in Deutschland zu etablieren – auch ohne EU-Gelder.

Über das BlueInvest Förderprogramm erhielten sie immerhin einen Finanzexperten als Coach, der ihnen über ein halbes Jahr zur Seite stand. Er gab ihnen Tipps und Ratschläge im Bereich Mittelbeschaffung, Projektfinanzierung und Bankwesen.

Anschließend sicherten sie sich einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag. Hauptinvestor ist das Industrieunternehmen K+S, das zugleich als Bauherr, Vermieter und Stromanbieter fungiert. Die restlichen Millionen in siebenstelliger Höhe stammen von privaten Investoren, darunter die Gründer von JustSpices und Flaschenpost sowie Notebooksbilliger.de und Develey.

Eine der größten Herausforderungen für Aquapurna war die Finanzierung der Hardware – Gebäude, Filtersysteme, Pumpen. „Dafür gibt es in Deutschland kaum Risikokapital“, sagt Gebhard. Staatliche Akteure müssten einspringen, sonst drohe Europa den Anschluss zu verlieren. Gebhards Forderung: weniger Bürokratie, schnellere Prozesse. Sogar er als Volljurist scheiterte an den Anforderungen der Förderprogramme.

Bisher betrieben sie eine Forschungsanlage, belieferten regionale Edeka-Märkte, Gastronomen und das Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung. Im Juli soll zusätzlich eine 4000 Quadratmeter große Garnelenfarm den nationalen Markt erschließen.

Auch Unternehmerin Ackermann von Seawater Cubes kritisiert die Förderprogramme für die Blue Economy. In den vergangenen Jahren habe die EU ihren Fokus zu sehr auf Technik-Teilkomponenten anstatt auf Gesamtsysteme gelegt.

Seawater Cubes Zuchtbecken: Die vollautomatisierte Aquakulturanlage kann standortunabhängig Meeresfische wie Wolfsbarsch und Dorade lokal produzieren. Foto: Seawater Cubes

Wie gefährlich sind Klimawandel und geopolitische Konflikte für die Blue Economy?

Die Investitionen der EU in den Ausbau der Meerwirtschaft sind nicht unumstritten. Zwar reduzierte die EU-Fischereiflotte zwischen 2009 und 2021 bereits ihren Kraftstoffverbrauch und CO2-Emissionen um 25 Prozent, doch laut dem Blue Economy Report 2024 geht das nicht weit genug. Er warnt vor immensen Kosten durch den Klimawandel.

„Ohne eine Erhöhung des derzeitigen Küstenschutzniveaus werden die jährlichen Schäden bis zum Jahr 2100 auf 137 bis 814 Milliarden Euro eskalieren, je nach den verfolgten Emissions- und Minderungsszenarien“, schreibt die Kommission in ihrem Bericht.

Gleichzeitig werden die Ozeane immer unsicherer: Piraterie am Horn von Afrika, Angriffe der Huthi-Rebellen am Roten Meer, geopolitische Spannungen im Südchinesischen Meer oder Probleme im Panamakanal: Die Bedrohungen entlang der weltweiten Hauptseerouten nehmen zu. Die Folge: lange Umwege, höhere Kosten und Emissionen.

Mehr als acht von zehn deutschen Reedereien gehen davon aus, dass Handelskriege, Embargos und kriegerische Auseinandersetzungen die Schifffahrt maßgeblich beeinträchtigen werden und es zu einer Verschiebung von Einflusssphären kommen wird. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland von 2024, die 124 Akteure aus deutschen Hochsee-Reedereien befragt hat.

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