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DIW-Chef Fratzscher „Das große Risiko ist Italien“

DIW-Chef Marcel Fratzscher sieht Italien als Risiko für Europa Quelle: imago images

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, glaubt nicht an einen Abschwung in Deutschland. Italien sieht er als größten Risikofaktor für Europa.

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Herr Fratzscher, in den vergangenen Monaten sind viele Frühindikatoren gesunken, die meisten Forschungsinstitute haben ihre Prognosen nach unten revidiert. Jetzt gibt es zum Teil wieder bessere Daten. Ist der Aufschwung doch noch intakt?
Ja. Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten auf hohem Niveau geklagt. Das DIW hat seine Wachstumsprognose von 2,4 Prozent jüngst auf 1,9 Prozent nach unten revidiert, das war schon eine massive Korrektur. Aber knappe zwei Prozent Wachstum sind für eine reife Volkswirtschaft wie die deutsche immer noch hervorragend – zumal unser langfristiges Potenzialwachstum nur bei 1,25 bis 1,5 Prozent liegt. Wir haben einen Beschäftigungsboom und auch die Exporte laufen gut. Ich bin überzeugt, dass Deutschland noch zwei, drei wirklich gute Jahre vor sich hat.

Sind Sie da nicht zu optimistisch? Was ist mit den Risikofaktoren für die deutsche Konjunktur - etwa den womöglich im Chaos endenden Brexit?
Den Brexit sehe ich nicht als echtes Abschwungrisiko, selbst wenn es da politisch holprig wird. Der große Risikofaktor ist für mich Italien und der Trend zu Nationalismus und Populismus in Europa. Wenn die neue italienische Regierung ernsthaft ein Referendum über die Euro-Mitgliedschaft ins Spiel bringt, wäre das der GAU. Dann würden Investoren in Scharen das Land verlassen, und es könnte zu großer Unruhe an den Finanzmärkten kommen.

Ich glaube auch nicht, dass die Europäische Zentralbank (EZB) dann nochmal wie bei der vergangenen Krise für die Politik den Retter spielen und die Marktpanik stoppen kann.

Fratzscher: „Die Deutschen sind träge und faul“

Zuletzt ist die Teuerungsrate in Deutschland über die Zwei-Prozent-Marke geklettert. Glauben Sie, dass die steigende Inflation die Konsumlust der Bundesbürger bremsen kann?
Nein. Die Lohnentwicklung in den vergangenen zwei, drei Jahren war sehr gut, und ich erwarte auch in den nächsten Jahren relativ hohe Abschlüsse im privaten und öffentlichen Sektor. Zudem ist die Lage am Arbeitsmarkt hervorragend. Die private Verschuldung ist niedrig und steigt auch nicht. Aus all diesen Gründen dürfte der private Konsum weiter gut laufen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln...

...speziell der höhere Ölpreis belastet die Verbraucher aber, etwa an der Tankstelle und beim Heizölkauf.
Steigende Energiepreise stützen die Konjunktur zwar nicht. Aber insgesamt ist die Wirtschaft in Deutschland und Europa deutlich weniger abhängig vom Öl als noch vor 20 Jahren oder gar in den Siebzigerjahren. Die Frage ist ja immer, was die Ursachen für steigende Energiepreise sind. Aktuell sind diese vor allem das Resultat der gut laufenden Weltkonjunktur. Daher bin ich bei dieser Frage im Augenblick entspannt.

Nehmen wir mal an, die Inflation steigt in den kommenden Monaten weiter an. Wird die EZB dann die Leitzinsen womöglich früher anheben als erwartet?
Ich glaube, die EZB wird ihr Inflationsziel in der Euro-Zone von knapp unter zwei Prozent so schnell nicht nachhaltig erreichen. Die Kerninflationsrate, also ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise, liegt ja immer noch bei nur rund einem Prozent. Deshalb halte ich es für realistisch, dass die EZB frühestens im September 2019 die Zinsen anheben wird. Und woher sollte ein Inflationsschub überhaupt kommen? Inflation wird doch immer mehr ein globales Phänomen, gerade für offene Volkswirtschaften wie Deutschland. Bei uns fließen in die Exportgüter über globale Wertschöpfungsketten in vielen Fällen 60 bis 70 Prozent an internationalen Vorleistungen ein. Das heißt: Inflation wird immer mehr global getrieben. Und ich sehe nicht, dass wir in den nächsten Jahren global einen starken Push an Inflation bekommen. Im Übrigen: Ein paar Jahre mit Inflationsraten von über zwei Prozent wären für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit auch kein Problem.

Wenn Inflation tatsächlich immer mehr global getrieben ist, stellt sich Frage, inwieweit die EZB die Inflation überhaupt noch beeinflussen kann.
Das stimmt, für Zentralbanken wird es durch die immer globaleren Märkte schwieriger, die einheimische Inflation zu kontrollieren. Umso wichtiger ist die Glaubwürdigkeit der Zentralbanken bei den Marktakteuren.

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