Fed-Entscheid: Leitzinsen steigen – Rezession rückt näher

Der Präsident der Federal Reserve, Jerome Powell, will die Geldpolitik weiter straffen. An den Finanzmärkten hingegen spekulieren die Anleger bereits auf Zinssenkungen noch in diesem Jahr.
Foto: REUTERSVorhersehbarkeit, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit – das sind die Kriterien, anhand derer die Finanzmärkte das Handeln der Zentralbanken beurteilen. Gemessen daran dürften die Analysten in den Banken und die Händler an den Börsen mit dem gestrigen Zinsentscheid der US-Notenbank Fed zufrieden sein. Wie von den Notenbankern zuvor in zahlreichen Reden angekündigt, hievten sie den Leitzins um 25 Basispunkte in den Bereich von nunmehr 4,5 bis 4,75 Prozent. Damit summieren sich die Zinsschritte der Fed seit Jahresbeginn auf 450 Basispunkte. Eine derart schnelle Zinswende hat es seit den Achtzigerjahren nicht mehr gegeben.
Dass die Fed nach den großen Zinsschritten von 75 und 50 Basispunkten in den vergangenen Monaten nun das Tempo der Straffung heruntergefahren hat, hat mehrere Gründe.
Zum einen ist der Inflationsdruck gesunken. Im Dezember sackte die Teuerungsrate für die Lebenshaltung gemessen am Verbraucherpreisindex auf 6,5 Prozent. Das war der sechste Rückgang in Folge. Im November lag die Teuerungsrate noch bei 7,1 Prozent. Ihren Höhepunkt von 9,1 Prozent aus dem Juni vergangenen Jahres hat sie damit weit hinter sich gelassen. Ausschlaggebend dafür sind vor allem die gesunkenen Energiepreise. Auch Gebrauchtwagen, die sich während der Pandemie stark verteuert hatten, sind nun wieder günstiger zu haben.
Der Deflator für die persönlichen Konsumausgaben, auf den die Fed besonders achtet, signalisiert ebenfalls, dass sich der Preisauftrieb unter dem Eindruck der gestiegenen Zinsen verringert hat. Im Dezember legte der Index um fünf Prozent zu, nachdem er im November noch um 5,5 Prozent gestiegen war. Auch die Kernrate (ohne Energie- und Nahrungsmittelpreise) stieg im Dezember mit 4,4 Prozent langsamer als im Vormonat (4,7 Prozent). Jerome Powell, der Chef der Fed, betonte denn auch mehrfach in der Pressekonferenz, dass der Prozess der Disinflation nun eingesetzt habe. Allerdings, so Powell, befinde er sich noch in einer „frühen Phase“.
Konjunkturelle Talfahrt voraus
Zum anderen zeigt die US-Wirtschaft zunehmend Anzeichen der Schwäche. Zwar legte das reale Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um annualisiert 2,9 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Doch der Wohnungsbau, der die gestiegenen Finanzierungskosten direkt spürt, befindet sich bereits seit einigen Quartalen in der Rezession. Im Schlussquartal 2022 schrumpften die Wohnungsbauinvestitionen in annualisierter Rechnung um fast 27 Prozent. Zudem steckten die Unternehmen knapp vier Prozent weniger Geld in neue Maschinen und Anlagen.
Das Risiko, dass die Wirtschaft im ersten Quartal auf Tauchstation geht, wächst. Der ISM-Einkaufsmanagerindex für die Industrie, ein wichtiger konjunktureller Frühindikator, sackte im Januar von 48,4 auf 47,4 Punkte. Damit entfernte er sich weiter von der kritischen Marke von 50 Punkten, die den Expansions-vom Kontraktionsbereich trennt. Zudem befinden sich die kurzfristigen Zinsen in den USA seit geraumer Zeit über den langfristigen Renditen der Staatsanleihen. In der Vergangenheit war eine solche inverse Zinsstruktur meist ein Zeichen für eine bevorstehende Rezession. Darüber hinaus schrumpft die Geldmenge M2 seit August vergangenen Jahres. Die höheren Zinsen haben die Kreditvergabe und damit das Wachstum der Sichteinlagen der Privaten bei den Geschäftsbanken gebremst. Die Kaufkraft der US-Bürger schrumpft.
Noch kein Sieg über die Inflation
Gleichwohl wies Fed-Chef Powell in der Pressekonferenz mehrfach darauf hin, es sei noch „zu früh, den Sieg über die Inflation zu erklären“, die Arbeit der Fed sei noch nicht getan. Damit versuchte er, den Erwartungen an den Märkten entgegenzuwirken, die auf einen schnellen Rückgang der Inflation und sinkende Leitzinsen noch in diesem Jahr wetten. Das Risiko, den Leitzins nicht stark genug anzuheben und dadurch von einem neuerlichen Inflationsschub überrascht zu werden, sei schwieriger zu handhaben als das Risiko, die Zinsen zu stark anzuheben und die Wirtschaft abzuwürgen, sagte Powell. Im letztgenannten Fall stünden der Fed ausreichend Instrumente zur Verfügung, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, so der Fed-Chef.
Auch wenn Powell in der Pressekonferenz falkenhaft redete, ist der Höhepunkt des Straffungszyklus wohl nicht mehr allzu weit entfernt. Dafür spricht, dass sich trotz der Knappheit an Arbeitskräften die Lohndynamik abzuschwächen scheint. Der Lohnindikator der regionalen Fed von Atlanta legte im Dezember um 5,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu, im November war er noch um 6,5 Prozent gestiegen. In dieselbe Richtung zeigt der Arbeitskostenindex. Er legte für Privatunternehmen ohne Bonuszahlungen im vierten Quartal um 5,1 Prozent zu. Im zweiten Quartal 2022 waren die Arbeitskosten noch um 5,7 Prozent gestiegen.
Ob die Fed die Zinsen stark genug erhöht und lange genug hochhält, bis die Inflation auf den Zielwert von zwei Prozent gesunken ist, selbst wenn die Konjunktur einbricht, muss sich erst noch zeigen. Sollte die Wirtschaft schrumpfen und steigen deshalb die Schulden im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, dürfte angesichts der hohen Staatsverschuldung der politische Druck auf die Fed zunehmen, den Straffungszyklus zu beenden. Die beherzten Zinsschritte der Fed haben die Notenbank noch nicht aus der fiskalischen Dominanz der Regierung befreit. Das wird frühestens dann der Fall sein, wenn die Notenbanker beweisen, dass sie sich auch durch eine Rezession nicht von ihrem Ziel abbringen lassen, die Inflation auf zwei Prozent zu drücken.
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