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IKB-Chefvolkswirt Klaus Bauknecht „Wir werden noch lange in der Niedrigzinsphase verharren“

Die Konjunktur in Deutschland ist auf Talfahrt. Droht uns demnächst eine Rezession? Quelle: imago images

Wachstumsdelle, Negativzinsen, China-Flaute: Der Chefvolkswirt der Industriebank IKB Klaus Bauknecht über die Gefahr einer Rezession, die Möglichkeiten der Notenbanken und die Rolle Chinas für die Weltwirtschaft.

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WirtschaftsWoche: Herr Bauknecht, die Konjunktur in Deutschland ist auf Talfahrt. Der Sachverständigenrat und die Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen nach unten revidiert. Droht uns demnächst eine Rezession?
Klaus Bauknecht: Das erste Quartal 2019 war schwierig und für das zweite Quartal ist ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts nicht auszuschließen. Das Ifo-Geschäftsklima hat sich zwar jüngst etwas erholt, doch der Abwärtstrend ist damit noch nicht gebrochen. Das gilt auch für die meisten anderen Frühindikatoren. Nach der Euphorie der Jahre 2017 und 2018 macht sich Ernüchterung breit. Der Boom der vergangenen Jahre hat den Konjunkturzyklus akzentuiert – nach oben, wie nach unten.

Die größten Risiken für die weitere Entwicklung sind die Handelskonflikte und der Brexit. Beide Faktoren spiegeln sich in den aktuellen Daten noch gar nicht wider, sieht man einmal von der getrübten Stimmung ab. Insgesamt erwarten wir für 2019 daher nur ein Wirtschaftswachstum zwischen 0,5 und 0,8 Prozent.

Im Dienstleistungssektor läuft die Konjunktur besser als in der Industrie. Bewahrt uns der Dienstleistungssektor vor dem Absturz?
Viele staatliche Ausgaben und Aufgaben beziehen sich auf Dienstleistungen und sind vom Konjunkturzyklus eher unabhängig. Auch der private Dienstleistungssektor ist kaum vom globalen Konjunkturzyklus beeinflusst.  Er sollte die Konjunktur daher stabilisieren.

Dr. Klaus Bauknecht ist Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG. Quelle: Presse

Die deutschen Exporteure leiden unter der wirtschaftlichen Flaute Chinas. Die Regierung in Peking will nun die Konjunktur mit Steuersenkungen und einer lockereren Geldpolitik wieder anschieben. Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten?
Die chinesische Regierung hat viel Handlungsspielraum: Die Schuldenquote des Staates ist relativ niedrig. Auch in der Geldpolitik verfügt China über vergleichsweise große Spielräume. Allerdings benötigen Maßnahmen zur Stimulierung der Konjunktur Zeit. Sie werden der deutschen Wirtschaft und der Weltwirtschaft daher erst ab der zweiten Jahreshälfte Impulse geben. Bei all den Warnungen vor sinkenden Wachstumsraten in China sollten wir nicht übersehen: Auch wenn die Wachstumsraten dort kleiner werden, wird das Land der Weltwirtschaft weiter Schub verleihen. Weil das Niveau des chinesischen Bruttoinlandsprodukts weiter steigt, gehen auch von kleineren Wachstumsraten absolut gesehen spürbare Impulse für die Weltwirtschaft aus. Mittelfristig wird China allerdings nicht umhinkommen, seine Wirtschaftsstruktur zu ändern und stärker auf den Konsum als auf Investitionen und Exporte zu setzen. Der Überschuss in der chinesischen Leistungsbilanz hat bereits stark abgenommen.

Wie beurteilen Sie die Lage in den USA? Kann Amerika als globale Konjunkturlok die nachlassende Zugkraft Chinas ausgleichen?
Die Steuersenkungen der Trump-Administration haben der US-Wirtschaft Auftrieb gegeben. Die Effekte laufen allerdings allmählich aus, die US-Wirtschaft sollte daher im Verlauf dieses Jahres und vor allem 2020 Gegenwind bekommen. Das schmälert den Beitrag der USA zum weltweiten Wirtschaftswachstum. Entscheidend ist daher, ob sich die chinesische Wirtschaft bis dahin stabilisiert.

Die EZB und die US-Notenbank Fed haben angekündigt, wegen der Konjunkturschwäche die Geldpolitik nicht weiter zu straffen. Müssen wir uns auf ewige Niedrigzinsen einstellen?
Die Fed hat das Ende der geldpolitischen Straffung in den USA signalisiert und ihre Wachstumsprognosen für 2019 und 2020 nach unten angepasst. Für das nächste Jahr ist nicht auszuschließen, dass die Fed den Leitzins sogar senkt. Das würde den Dollar schwächen und den Euro stärken. Der Handlungsspielraum der EZB, die Geldpolitik zu straffen, schrumpfte dadurch weiter. Zwar mag perspektivisch eine Abkehr von negativen Zinsen in der Euro-Zone sinnvoll sein, wahrscheinlich aber ist eine solche geldpolitische Wende nicht. Die USA und die Euro-Zone werden noch für lange Zeit in einer Niedrigzinsphase verharren – preisbereinigt bleibt es bei negativen Zinsen.

Was, wenn sich die Talfahrt der Wirtschaft beschleunigt? Haben Zentralbanken und Regierungen genug Munition, gegenzuhalten?
Die EZB hat durch ihre Niedrigzinspolitik und durch die Anleihekäufe den Handlungsspielraum der Regierungen erhöht. Diese können zum Beispiel die Konjunktur kurzfristig mit kreditfinanzierten Ausgaben stützen. Doch auch die EZB hat als Monopolist der Geldschöpfung noch viel Spielraum; es ist nur die Frage, wie weit sie ihren Handlungsrahmen ausweiten will und muss.

Wichtig dabei: Die Aktionen der Notenbanken sollten aus der aktuellen Notwendigkeit und Situation heraus erfolgen und nicht aus Prinzipien. In den 80er Jahre führte die volatile Inflationsrate dazu, dass sich die Notenbanken Inflationsziele setzten, um die Inflationserwartungen zu stabilisieren. Aktuell sind die Herausforderungen andere: Aufgrund hoher Schulden und ungleicher Vermögensverteilung mangelt es an gesamtwirtschaftlicher Nachfrage. 

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