Inflationsprognose: Darum ist der Inflationsrückgang noch kein Grund zum Aufatmen
Problemzone Supermarkt: Preissteigerungen zeigen sich seit Monaten deutlich bei den Nahrungsmitteln.
Foto: imago imagesEtwas stärker als von Analysten erwartet, ging die Inflationsrate im Dezember auf 8,6 Prozent zurück. Die vorläufigen Zahlen gab das Statistische Bundesamt am Nachmittag bekannt. Im November und Oktober lag die Teuerungsrate noch bei 10 Prozent. Im vergangenen Jahr erreichten die Preissteigerungen im Durchschnitt 7,9 Prozent.
Der moderatere Verlauf hängt vor allem mit dem Entlastungspaket der Bundesregierung zusammen, das für Dezember die einmalige Übernahme der Gas-Abschlagszahlung für Haushalte, kleinere Unternehmen und gemeinnützige Einrichtungen im Pflege- und Bildungsbereich vorsieht. Zudem hat sich die Lage an den Energiemärkten unter anderem aufgrund der aktuell milden Temperaturen etwas entspannt. So sank seit Anfang Dezember der Gaspreis, der an der Terminbörse gehandelt wird, um 40 Prozent. Der Preis für ein Barrel Öl der Marke Brent verbilligte sich im gleichen Zeitraum um 4,6 Prozent.
Doch für Entwarnung ist es zu früh: Denn die Preissteigerungen zeigen sich längst nicht mehr nur bei Energie und Nahrungsmitteln, sondern haben die gesamte Volkswirtschaft erfasst. Das zeigt die Kerninflationsrate, die die volatilen Bereiche Energie und Nahrungsmittel ausklammert. Seit Anfang des Jahres hat sich dieser Wert in Deutschland von 2,8 Prozent auf 5,1 Prozent im November fast verdoppelt, in der Eurozone verlief der Anstieg ähnlich von 2,3 auf 5 Prozent. In den USA liegt die Kerninflationsrate aktuell sogar bei sechs Prozent. Das zeigt, dass die Preissprünge längst in der gesamten Wirtschaft angekommen sind und auch Industriegüter und Dienstleistungen teurer und teurer werden. Das hat geld- und fiskalpolitische Folgen: „Die Kerninflation ist schwieriger zu bekämpfen“, warnt Bernd Weidensteiner, Ökonom bei der Commerzbank.
Die Europäische Zentralbank (EZB), die die Inflation lange sträflich unterschätzte, ist mit ihren Prognosen denn auch vorsichtiger geworden. Die Währungshüter erwarten trotz sinkender Energiepreise in diesem Jahr eine Inflationsrate von 6,4 Prozent und selbst 2024 noch von 3,4 Prozent. Das heißt, dass die Zentralbank ihr Ziel der Preisstabilität – in der Definition der EZB 2,0 Prozent – mindestens drei Jahre in Folge nicht wird gewährleisten können.
Der Ökonom Gunter Schnabl, Leiter des Instituts für Wirtschaftspolitik der Universität Leipzig, hält 2023 sogar eine Inflationsrate zwischen sieben und acht Prozent für realistisch. Entscheidend ist für ihn dabei, wie sich das Verhältnis von Geld- und Fiskalpolitik entwickelt. Denn während die Europäische Zentralbank die Zinsen erhöht, um die Inflation zu bremsen, steigern viele EU-Staaten ihre Ausgaben und kurbeln damit die Nachfrage an. „Das ist ein klarer Widerspruch“, konstatiert Schnabl. Die offene Frage sei, ob die Zentralbank mit ihrer Geldpolitik eine restriktivere Fiskalpolitik, also Ausgabensenkungen und Steuererhöhungen, erzwingen könne. Oder ob die mit den gestiegenen Ausgaben verbundenen Staatsschulden die EZB dazu bewegen, ihren restriktiven Kurs aufzugeben, um den Staaten mehr Spielraum zu verschaffen.
Dass der Zinserhöhungsspielraum der EZB eingeschränkt sei, zeige die Einführung des so genannten Transmissionsschutz-Instruments, erklärt Schnabl. Damit kann die EZB bei schwierigen Marktbedingungen Staatsanleihen von Ländern kaufen, um deren Finanzierungskosten zu stabilisieren. „Damit nimmt die EZB Druck von den südlichen Eurostaaten, ihre Verschuldung zu reduzieren.“ Insgesamt könnte der Leitzins bis Ende des Jahres auf vier Prozent steigen. „Aber das scheint mir das Limit“, meint Schnabl.
Zweifel hat der Ökonom an der Annahme, dass spätestens 2025 die Inflationsrate auf das von der EZB angestrebte Zweiprozentziel fallen werde: „Durch die dauerhaft gestiegenen Ausgabenverpflichtungen der Eurostaaten dürften wir die nächsten fünf bis zehn Jahre hohe Inflationsraten sehen.“
Dafür sprechen gleich mehrere realwirtschaftliche und -politische Faktoren. Die massiven staatlichen Hilfeleistungen entlasten die Verbraucher, die daraufhin ihre Nachfrage nach anderen Gütern steigern. Auf der Angebotsseite setzt sich der Trend zur De-Globalisierung fort, der Preisvorteile durch globale Arbeitsteilung zunehmend erschwert.
Ökonom Schnabl rechnet dazu auch die Einschränkungen aufgrund des für viele Firmen ab diesem Monat geltenden Lieferkettengesetzes, ebenso die umstrittene EU-Taxonomie: „Bei Unternehmen, die kein Klima-Label bekommen und so bei der Finanzierung eingeschränkt werden, werden wir einen negativen Angebotseffekt erleben.“ Und das treibt die Preise.
Immerhin: Zumindest beim wichtigsten deutschen Handelspartner USA deutet sich eine Entspannung an. Die Notenbank Fed hat die Leitzinsen auf 4,25 bis 4,5 Prozent gehievt, die Inflationsrate könnte 2023 auf unter vier Prozent rutschen – und die Kernrate bis Ende des Jahres auf 3,5 Prozent sinken. Commerzbank-Ökonom Bernd Weidensteiner sieht den Grund dafür nicht zuletzt auf dem Wohnungsmarkt: „Die Preisdynamik bei den Mieten hat in den USA nachgelassen.“ Und das schlägt voll durch, denn die Wohnkosten machen ganze 30 Prozent des US-Warenkorbs aus.
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