Wirtschaft der Währungsunion Erst Boom, dann Bust

Die Wirtschaft in der Euro-Zone wächst so stark wie in den USA. Höchste Zeit für die EZB, die Geldpolitik zu straffen. Sonst könnte sich das in Form einer neuen Euro-Krise bitter rächen.

Die Wirtschaft in der Euro-Zone legte im vierten Quartal 2016 um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu – fast so kräftig wie in den USA (plus 0,5 Prozent). Quelle: dpa

Lange Zeit schien es ein ungeschriebenes Gesetz der Ökonomie zu sein: Europas Wirtschaft hinkt der Wirtschaft in Amerika hinterher. Tatsächlich hatten die USA Europa nach der Lehman-Pleite in puncto Wachstum und Beschäftigung zunächst abgehängt. Während die USA ihre Banken sanierten und die privaten Haushalte ihre Schulden abtrugen, stürzte der alte Kontinent in die Euro-Krise, in dessen Gefolge die Gemeinschaftswährung zu einem Fall fürs wirtschaftshistorische Seminar zu werden drohte. Allein das Rettungsversprechen der Europäischen Zentralbank (EZB) gegenüber Banken und Staaten verhinderte das Auseinanderbrechen des Euro.

Zwar sind die grundlegenden Probleme der Währungsunion wie die hohen Staatsschulden und die disparaten Vorstellungen der einzelnen Länder von den Aufgaben der Wirtschaftspolitik weiterhin virulent. Doch der EZB ist es gelungen, mit ihrer Politik der Geldschwemme die Probleme zu übertünchen und die Konjunktur anzuschieben. So legte die Wirtschaft in der Währungsunion im vierten Quartal 2016 nach Angabe von Eurostat um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu – fast so kräftig wie in den USA (plus 0,5 Prozent). Während sich Spanien dank der Reformen der vergangenen Jahre mit einem Wachstum von 0,7 Prozent an die Spitze des Euro-Konjunkturzugs setzte, fielen reformunwillige Länder wie Griechenland (minus 0,4 Prozent) und Italien (plus 0,2 Prozent) deutlich zurück.

In Deutschland legte das reale Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2016 um 0,4 Prozent zu. Wichtigster Konjunkturmotor waren hierzulande die staatlichen Konsumausgaben, die von der Einwanderung getrieben wurden, sowie die Bauinvestitionen, die von den niedrigen Zinsen profitierten. Die steigende Beschäftigung und das kräftige Lohnwachstum feuerten zudem den privaten Konsum an. Sogar die Ausrüstungsinvestitionen, die im Sommerhalbjahr schrumpften, scheinen den Turnaround geschafft zu haben. Dagegen hat der Außenhandel die Konjunktur gebremst, weil die Importe im Zuge der boomenden Binnennachfrage stärker zulegten als die Exporte.

Konjunkturindikatoren

Alles in allem wuchs die Wirtschaftsleistung im vergangenen Jahr um 1,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das ist deutlich mehr als im langfristigen Trend, der bei knapp über 1 Prozent liegt. Deutschlands Wirtschaft boomt. Die Geldpolitik der EZB mit Leitzinsen von Null Prozent ist daher für das größte Land der Euro-Zone viel zu expansiv. Warnungen von Experten, die Wirtschaft hierzulande drohe dadurch mittelfristig zu überhitzen, bügelt die EZB regelmäßig mit dem Hinweis ab, sie orientiere ihre Geldpolitik am Wohl der gesamten Euro-Zone. Da die Länder im Süden konjunkturell hinterherhinkten und die Preise dort kaum stiegen, sei die lockere Geldpolitik angemessen, argumentieren die Währungshüter in Frankfurt.

Die nächste Krise ist schon vorprogrammiert

Doch jetzt hat sich die Lage geändert. Die Länder in der Eurozone (Reformverweigerer Griechenland und Italien ausgenommen) haben konjunkturell Tritt gefasst. Zudem hat sich die Inflation in der Währungsunion zuletzt auf 1,8 Prozent erhöht - und den Zielwert der EZB von knapp unter zwei Prozent erreicht. Auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich verbessert, die Arbeitslosenquote sank zuletzt auf 9,6 Prozent, den niedrigsten Stand seit April 2009.

Dennoch weigern sich die Währungshüter um EZB-Chef Mario Draghi, den überfälligen Kurswechsel in der Geldpolitik einzuleiten. Das zeigt, dass es ihnen in Wahrheit nicht darum geht, die Konjunktur zu stimulieren. Vielmehr wollen sie mit Niedrigzinsen den Regierungen der überschuldeten Südländer weiterhin Zugang zu billigen Staatskrediten gewähren.

Die Regierungen aber danken den Währungshütern dies nicht durch zusätzliche Sparanstrengungen. Lieber schieben die Politiker die dringend nötigen Reformen auf die lange Bank, weil das Leben auf Pump so schön billig ist. Den Preis dafür müssen die Bürger im Norden der Eurozone zahlen, allen voran die Deutschen. Denn die viel zu niedrigen Zinsen lassen hierzulande nicht nur Investitionen rentabel erscheinen, die es bei genauer Betrachtung nicht sind, was zu wohlstandsmindernden Fehlinvestitionen führt. Sie treiben zudem die Preise in die Höhe und pumpen gefährliche Blasen auf, wie die teilweise völlig überdrehten Immobilienpreise in deutschen Großstädten zeigen.

Der konjunkturelle Boom, in dessen Sonne sich Deutschland derzeit sonnt, droht in einigen Jahren im Bust zu enden. Die nächste Euro-Krise – sie ist schon programmiert.

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