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Blick hinter die Zahlen #57 – Fahrräder Fahrräder werden zum knappen Gut – Händler und Hersteller kündigen steigende Preise an

Eine Folge der Pandemie: Der Verkauf von Fahrrädern hat rasant Fahrt aufgenommen. Vor allem E-Bikes treiben den Umsatz, viele Fahrradhändler sind ausverkauft. Ablesen lässt sich der Boom aber auch in der Unfallstatistik.

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Ralf P. aus Essen ging es im vergangenen Jahr wie so vielen anderen: Das alte Fahrrad im Keller hatte seine besten Tage längst hinter sich, die Bremsen griffen ins Leere, die Schaltung fand die Gänge nicht, und das Hinterrad hatte eine mächtige Acht. Diese Möhre noch einmal reparieren? Lohnte sich nicht. P. hatte seine Urlaubsreise wegen Corona gestrichen, zumindest ein Teil des gesparten Gelds sollte nun in ein neues Zweirad fließen.

Doch die Ernüchterung kam schnell – als P. sich beim Fahrradhändler für ein Trekkingrad entschied, bekam er zur Antwort: „Eine gute Wahl – aber das können Sie frühestens in vier Monaten bekommen.“ Ähnlich erging es 2020 vielen Konsumenten. Ein wesentlicher Grund: Wegen der Sorge vor der Ansteckung mit dem Coronavirus stiegen Pendler in Scharen von Bussen und Bahnen um auf das Fahrrad. Und weil gleichzeitig auch Fitnessstudios während der Lockdowns schließen mussten, entdeckten viele Freizeitsportler das Rad als Ersatz. Die steigende Nachfrage sorgte bei Herstellern und Handel prompt für Engpässe.

Entsprechend meldet der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) für 2020 so viele verkaufte Räder wie seit Jahren nicht. Im Vergleich zum Vorjahr stieg 2020 die Zahl von 4,3 Millionen auf mehr als fünf Millionen verkaufte Fahrräder und E-Bikes, ein Plus von 17 Prozent. Auch der ZIV führt den steigenden Absatz vor allem auf die Pandemie zurück. Hinzu kommen laut Verband aber auch der generelle Trend zum Fahrrad als vernünftigem Verkehrsmittel, der zwar langsame, aber allmählich in die Gänge kommende Ausbau des Radwegenetzes, und auch die Tatsache, dass das Angebot von Dienstfahrrad-Leasing für viele Nutzer immer attraktiver wird.

Ausstattung der Haushalte

Besonderen Anteil am wachsenden Ab- und Umsatz mit Fahrrädern haben E-Bikes. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamtes besitzen immer mehr Haushalte mindestens ein mit Elektromotor ausgestattetes Zweirad. Besaßen vor fünf Jahren nur vier Prozent der Haushalte ein E-Bike, lag die Zahl im vergangenen Jahr bereits bei mehr als elf Prozent.

Auch der ZIV registriert eine deutliche Zunahme. Lag die Zahl der verkauften E-Bikes im Jahr 2010 in Deutschland bei gerade einmal 200.000 Stück bei knapp 4,1 Millionen verkauften Rädern insgesamt, waren es 2020 mit zwei Millionen E-Rädern glatt zehn Mal so viele. Allein zwischen 2019 und 2020 stieg die Zahl der verkauften E-Bikes um 43 Prozent.

Umsatz mit dem Verkauf von Fahrrädern

Als aufwändigere Fahrzeuge mit Motor liegen die Preise für E-Bikes im Schnitt über denen herkömmlicher Fahrräder. Entsprechend stieg im vergangenen Jahr der Verkaufswert von Fahrrädern insgesamt. Der ZIV meldet für 2020 einen Rekordwert von 6,44 Milliarden Euro – im Jahr zuvor waren es erst vier Milliarden Euro. Zu spüren bekamen dies Kunden wie Ralf P., sie zahlten im vergangenen Jahr im Schnitt deutlich höhere Preise für ihr neues Fahrrad – der durchschnittliche Verkaufspreis lag laut ZIV bei 1279 Euro und damit deutlich über den Vorjahren. 2019 war der mit 929 Euro noch 350 Euro geringer; 2018 kam man im Schnitt noch mit 735 Euro aus.

Absehbar ist bereits, dass im laufenden Jahr die Preise für Räder weiter steigen werden. Neben der erhöhten Nachfrage nennen Hersteller und Händler knappe Rohstoffe und steigende Frachtkosten als Gründe. So erhöht etwa der Versandhändler Rose Bikes aus Bocholt in diesen Tagen die Preise quer durch das Sortiment um acht bis zwölf Prozent.

Anteil der Modellgruppen und Entwicklung gegenüber dem Vorjahr

Auffallend ist, dass neben E-Bikes im vergangenen Jahr nur eine weitere Fahrrad-Kategorie vom Zweirad-Boom profitieren konnte – der ZIV meldet für die Kategorie Rennräder und Gravelbikes ein Plus. Besonders die unter langjährigen Radfans zunächst als reine Trendräder verschrienen Gravelbikes erfreuten sich wachsender Beliebtheit.

Mit ihren breiteren Reifen und einer den Fahrten im Gelände angepassten Rahmen- und Lenkergeometrie kommen sie dank ihrer Vielseitigkeit offenbar vielen Konsumenten entgegen. Sie bilden damit quasi den sportlicheren Gegenpol zu den E-Bikes, die insgesamt inzwischen den mit Abstand größten Anteil an allen verkauften Fahrrad-Kategorien ausmachen: Der Wert von 38,7 Prozent lag noch einmal sieben Prozentpunkte über dem Anteil im Vorjahr. Der ZIV rechnet bereits damit, dass mittelfristig jedes zweite verkaufte Zweirad in Deutschland ein E-Bike sein wird.

Unfallstatistik 2020 im Vergleich zu 2019

Zu den Schattenseiten der Entwicklung gehört allerdings, dass mit der wachsenden Zahl von Menschen, die mit dem E-Bike unterwegs sind, auch mehr von ihnen in schwere bis tödliche Verkehrsunfälle verwickelt werden – entgegen dem allgemeinen Trend im Straßenverkehr. Zwar sank nach den vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes im vergangenen Jahr die Zahl der Verkehrstoten auf einen historischen Tiefstwert von 2724 nach 3046 im Jahr 2019. Auch die Zahl der auf den Straßen getöteten Radfahrer sank auf 271 (von 311). Doch gleichzeitig stieg die Zahl der E-Bike-Fahrer, die im Straßenverkehr ihr Leben verloren, im vergangenen Jahr um fast 20 Prozent von 115 auf 137.

Die Rubrik „Blick hinter die Zahlen“ entsteht mit Unterstützung des Statistischen Bundesamtes (Destatis). Für die Inhalte der Beiträge ist ausschließlich die WirtschaftsWoche verantwortlich.

Logo des Statistischen Bundesamtes (Destatis)

Mehr zum Thema: Die Pandemie bringt der Fahrradbranche kräftig steigende Umsätze. Wie wichtig und lukrativ der Verkauf von E-Bikes für die Branche inzwischen ist, zeigt unsere große Infografik.

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