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  4. Cebit-Ende: So reagiert die IT-Branche auf die überraschende Entscheidung

Cebit-Aus„Wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod“

Der Entschluss zum Ende der Cebit fiel extrem kurzfristig und traf selbst Insider völlig unvorbereitet. Protokoll der Tage vor dem Ende – und der Reaktionen einer überrumpelten Branche.Thomas Kuhn, Michael Kroker 29.11.2018 - 11:23 Uhr aktualisiert
Foto: dpa

Der Anruf aus dem Vorstandsturm der Deutschen Messe traf die Mitglieder des Cebit-Ausstellerbeirates am Donnerstagnachmittag vergangener Woche unvorbereitet. Das lange geplante Treffen des Gremiums am folgenden Tag „müsse leider verschoben werden“, ließ die Dame aus dem Vorstandsbüro die Branchenvertreter und Verbandsspitzen der deutschen Digitalwirtschaft wissen. Messevorstand Oliver Freese und Cebit-Geschäftsführer Marius Felzmann seien kurzfristig verhindert, man werde sich wieder melden. „Das ist nicht unbedingt üblich“, sagt einer der Ausgeladenen, „aber dass die Absage im Grunde schon das Ende der Cebit vorweggenommen hat, daran hat von uns keiner ernsthaft gedacht.“

Keine Woche später ist die deutsche Digitalszene schlauer und der Messeplatz Deutschland um ein wesentliches Event ärmer. Die runderneuerte IT-Messe Cebit, die im Juni 2018 mit neuem Konzept, in verändertem Rahmen und zu einem neuen Termin stattfand, war die letzte ihrer Art.

Die Deutsche Messe Hannover hat die Neuauflage im kommenden Jahr ersatzlos gestrichen. Messe-Vorstand Freese, das wurde parallel zur Absage bekannt, gibt seinen Job zum Jahresende auf.

Noch am Montag ahnten selbst wichtige Partner nichts

Das plötzliche Aus für die Messe, die einmal mit 800.000 Besuchern das wichtigste und größte Digitalevent der Welt war, erwischt die Verantwortlichen in deutschen und internationalen Tech-Konzernen größtenteils völlig überraschend. Noch am Montag dieser Woche hätten Branchengrößen wie SAP-Vorstandsmitglied Michael Kleinemeier oder IBM-Deutschland-Chef Matthias Hartmann bei einer Tagung des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI) den neuen Kurs der Digitalmesse unterstützt und die Teilnahme ihrer Unternehmen bei der kommenden Auflage bekräftigt, berichten Teilnehmer.

Abwärtstrend war nicht zu stoppen

Deutsche Messe macht Cebit dicht – Messechef geht

von Michael Kroker und Thomas Kuhn

„Es gab zwar Gerüchte, dass es personelle Veränderungen geben werde, wenn am Mittwoch der Präsidialausschuss der Deutschen Messe tage“, erzählt ein BDI-Mitglied. „Aber nichts sprach dafür, dass es um den Kopf von Oliver Freese geht.“ Auch von BDI-Chef Dieter Kempf, immerhin Mitglied im Präsidialausschuss und als früherer Chef des IT-Dienstleisters Datev selbst lange Jahre einer der Ankerpartner der Messe, gab es keine Hinweise an die Versammelten, dass zwei Tage später das Ende der Cebit beschlossen werde. „Gut möglich, dass nicht mal er zu dem Zeitpunkt von der Tragweite der Entscheidungen wusste“, sagt ein Insider.

Tatsächlich deutete zuvor wenig darauf hin, dass die Messegesellschaft schon nach dem ersten Versuch der Cebit-Neupositionierung den Stecker zieht. Ende August noch hatte auch das Kuratorium der Messe, ein Zirkel von Branchenvertretern, Ausstellern, Charakterköpfen der Digitalwirtschaft und Vertretern der Region Hannover die neue Strategie grundsätzlich gutgeheißen und einige Neuerungen für 2019 angekündigt.

„Dass ein Jahr nach dem Neustart die Trendwende noch nicht geschafft ist, war allen Partnern klar“, sagt einer der Teilnehmer, „und genauso klar war, dass wir im nächsten Jahr weiter daran arbeiten würden, die CeBIT zukunftsfähig zu machen.“ Die nächste Kuratoriumssitzung war für Donnerstag dieser Woche terminiert. Nur wenige Minuten, bevor die Messe mit der Pressemeldung zum Cebit-Aus an die Öffentlichkeit ging, wurden die Mitglieder des Gremiums informiert, dass sich die Anreise nach Hannover erübrigen werde.

Die Cebit entsprang einst der Hannover Messe. In den Fünfzigerjahren bildete der Bereich „Büroindustrie“ hier das ab, was später auf der Cebit präsentiert wurde.

Foto: imago images

1984 landete die neu erbaute die "Halle 1 CeBIT" (Centrum für Büro und Informationstechnik) im Guinness-Buch als „weltgrößte Messehalle“. Hier wurden fortan technische Neuerungen präsentiert.

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Weil der Bereich immer stärker wuchs, wurde die Cebit 1986 zur eigenständigen Messe ausgebaut, die einen Monat vor der Hannover Messe stattfand. Vor dem Debüt am 12. März 1986 hatte es eine langwierige und schwierige Entscheidungsfindung gegeben. Die erste Ausgabe wurde dann aber sogleich ein großer Erfolg.

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Auf einer Nettofläche von über 200.000 Quadratmeter präsentierten im März 1986 2142 Aussteller der Büro-, Informations- und Telekommunikationstechnik ihre Produkte. In diesem Jahr wurde der Bereich „Telekommunikation“ erstmals in das Programm integriert – 190 Anbieter waren im ersten Cebit-Jahr aus dieser Branche dabei.

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In wenigen Jahren entwickelte sich die Cebit zur wichtigsten IT-Messe des Jahres. Wie die Zahl der Aussteller stieg auch die Zahl der Besucher kontinuierlich. 1987 verzeichnete die Cebit trotz eines heftigen und überraschenden Sturms, der den Schnee über einen Meter hoch auf die Straßen trieb, bereits 406.474 Besucher.

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Mit den Neunzigerjahren kam der endgültige internationale Durchbruch für die Messe. Zwar wurde auch die IT-Industrie von einer schweren Rezession und gravierenden Umwälzungen erfasst – in Hannover kamen aber alle Branchenkenner und Firmen zusammen, die etwas auf sich hielten. Moderne Netzwerktechnologien begeisterten zunehmend auch Schaupublikum.

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Auf dem Messegelände wurde es mit den wachsenden Aussteller- und Besucherzahlen immer enger. 1995 nutzte die Cebit bereits das komplette Messegelände. Die Deutsche Messe AG begann deshalb alte Hallen abzureißen und durch neue, moderne zu ersetzen. Aussteller für die Cebit mussten mit einem Platz auf der Warteliste abgewimmelt werden, weil die Hallen überfüllt waren. 1995 verzeichnete die Cebit 6111 Aussteller und 755.326 Besucher – davon mehr als 100.000 aus dem Ausland. Die wachsende Begeisterung vor allem des Privatpublikums (1995 rund 29 Prozent der Gesamtbesucher) barg aber auch einen Wermutstropfen: der Fachcharakter der Cebit drohte verloren zu gehen.

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Damit die Cebit weiterhin als Fachmesse wahrgenommen wurde, versuchte die Hannover Messe eine Reprofessionalisierung, um den Anteil der Privatbesucher wieder zu verringern. Eine Maßnahme: Die Eintrittspreise zogen deutlich an. Dem Erfolg tat das keinen Abbruch. Zudem hoben die Cebit-Macher die Cebit Home und die Cebit für den Handel aus der Traufe. Sie sollten alle zwei Jahre stattfinden und einerseits den Small Office/Home Office-Bereich und andererseits den Markt für private PC-, Multimedia- und Internet-Konsumenten abdecken.

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1998 wurde die Fahrt zur Computermesse für viele zur Geduldsprobe. Kilometerlange Staus bildeten sich auf dem Weg zum Messegelände. Insgesamt kamen 670.000 Besucher zur Cebit. Damals stellte nicht nur die Telekom ein Pilotprojekt für ADSL vor...

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... es testete auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl eine 3D-Brille auf dem Stand des Zentrums für Graphische Datenverarbeitung (Darmstadt).

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2001 kam die Cebit mit 849.252 Besuchern erneut an ihre Kapazitätsgrenze. Wegen einer Flaute im Technologiesektor fiel dann 2002 erstmals in der Geschichte der Cebit die Zahl der Aussteller kleiner aus: Waren 2001 fast 8100 Firmen vertreten, kamen 2002 "nur" noch 7962 zur Messe nach Hannover.

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2007 hatte die Cebit erstmalig in ihrer Geschichte mehr Aussteller aus dem Ausland als aus Deutschland. Damaliges Partnerland: Russland. In diesem Jahr ging es vor allem um das mobile Internet und GPS.

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2010 eröffnete Bundeskanzlerin Angela Merkel die Cebit, bei der sich vieles um Smartphones, kompakte Beamer und 3D-Technik drehte. Das Motto der Messe: „Connected Worlds“. In diesem Jahr war die Messe einen Tag kürzer als noch 2009. Trotzdem kamen etwas mehr Besucher – insgesamt 334.000. Nach der Preiserhöhung in den Neunzigern und einer Umorientierung war die Zahl des Fachpublikums zwar wieder deutlich gestiegen, die Zahl der Besucher insgesamt aber eben auch deutlich zurückgegangen.

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2012 erlebte die Cebit einen Tiefpunkt bei den Besucherzahlen. Nur noch 312.000 Besucher machten sich auf den Weg nach Hannover. Auch 2013 waren die Besucherzahlen alles andere als rosig. 2014 dann richtete sich die Cebit erstmals ausschließlich an Unternehmen und nicht an Privatpersonen.

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2015 drehte sich die Messe um die Industrie 4.0. Mit 221.000 Besuchern kamen erstmals seit einigen Jahren wieder mehr Menschen zur Cebit – ein Anstieg von sechs Prozent. Aus 70 Ländern stellten 3300 Unternehmen und Institutionen in Hannover aus. Kein Vergleich zu den einstigen Glanzzeiten der späten Achtziger- und Neunzigerjahre.

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2018 ging die Cebit in runderneuertem Gewand mit Festival-Charakter an den Start. Erstmals hatte die Cebit im laufenden Jahr im Sommermonat Juni statt im Schneeregen des März stattgefunden. Roboter und autonome Fahrzeuge wurden präsentiert, der Software-Konzern SAP steuerte mit einem Riesenrad zur lockeren Atmosphäre bei und spendierte der Messe ein neues Wahrzeichen. Doch es kamen nur 120.000 Menschen aufs Messegelände – noch einmal deutlich weniger als 2017 mit 200.000 Besuchern.

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Am 28. November 2018 dann die Entscheidung: Nach über 30 Jahren ist die Cebit in Hannover Geschichte. Die einst weltgrößte Computershow wird eingestellt. Die „industrienahen Digitalthemen“ sollen in die Hannover Messe, die weltgrößte Industriemesse, eingebunden werden. Für den Rest sind nach Veranstalterangaben Fachveranstaltungen geplant, die sich „gezielt an Entscheider ausgewählter Branchen“ richten sollen. Die Marke Cebit will die Deutsche Messe im Ausland weiter nutzen. Ganz verschwindet die Cebit also nicht.

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Dass der Umbau schwerer würde als gedacht, scheint den Messeverantwortlichen tatsächlich erst sehr kurzfristig klar geworden zu sein – womöglich erst im Lauf des Novembers. „Beim letzten Treffen vor zwei, drei Wochen machte Oliver Freese einen ziemlich frustrierten Eindruck“, sagt ein IT-Verantwortlicher mit jahrelanger Cebit-Erfahrung. „Offenbar lief der Verkauf der Standflächen merklich schlechter, als es sich zunächst angedeutet habe.“

Selbst große Konzerne wie Salesforce, einer der wichtigsten Cebit-Partner der vergangenen Jahre, oder der Kommunikationsriese Huawei, dessen ersten großen Auftritt die Messe in diesem Juni noch als Zeichen für die anhaltende Attraktivität der Cebit gefeiert hatte, hätten zuletzt ihre vorgemerkten Standflächen merklich reduziert.

All das, so vermuten Branchenvertreter und langjährige Aussteller, habe in der Chefetage des Hannoveraner Messeturms die Warnlampen anspringen lassen. Und wohl dafür gesorgt, dass Aufsichtsrat und Vorstand der Deutschen Messe den Not-Stopp aller Planungen beschlossen hätten. Kritiker der Entscheidung sprechen von „überhastet und orientierungslos“, bezeichnen die Absage gar als „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“.

Wie kurzfristig der Beschluss gefallen sein muss zeigt sich auch daran, dass nicht einmal die Politik vorab einen Hinweis bekam – obwohl speziell das Bundeswirtschaftsministerium über Jahre einer der wichtigsten ideellen Partner war. Noch zur Eröffnung der ersten neugestalteten Cebit im vergangenen Juni hatte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in einer flammenden Rede und unter großem Beifall der Gäste für die Messe und dafür geworben, den großen amerikanischen Tech-Happenings wie SXSW oder Burning Man ein großes, deutsches und europäisches Digital-Event gegenüberzustellen. „Wir haben hier ein Branchentreffen und eine Trendschau ersten, internationalen Ranges, das dürfen wir nicht leichtfertig zur Disposition stellen“, forderte Altmaier.

Geholfen haben auch seine Aufrufe am Ende nichts mehr. Am Dienstagabend, nur wenige Stunden vor der entscheidenden Sitzung der Messespitzen, blinkte auch in der Chefetage des Bundeswirtschaftsministeriums in Berlin eine Rufnummer aus dem Hannoveraner Messeturm auf. Am Mittwoch werde es eine Ankündigung geben ...

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