Deepfakes: „Deutschland wird am meisten attackiert“
Ein Mauszeiger ist auf einem Computermonitor auf einem Button zu sehen, mit dem man eine gefälschte Nachricht melden kann.
Foto: dpa-tmnDie Kamera fokussiert auf ein Plakat in Berlin, darauf zu sehen: der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj vor blauem Hintergrund. Er sitzt im Schneidersitz, acht Arme gehen von seinem Körper aus. In jeder Hand hält er ein Wort auf mehreren Sprachen: „Gib“.
Es sind Videoschnipsel wie dieser, mit denen die russische Propaganda-Plattform „Voice of Europe“ in den vergangenen Monaten die Meinung in der westlichen Welt zu beeinflussen versuchte – und die in Deutschland noch nicht die ausreichende Aufmerksamkeit fänden. Die estnische Botschafterin in Berlin spricht deshalb derzeit auf Veranstaltungen im Land, um eine wichtige Botschaft zu unterstreichen. „Russland führt einen Schattenkrieg gegen unsere Gesellschaft und Demokratie“, so Linntam. Wie man mit dieser Bedrohung am besten umgeht, das lässt sich von niemandem so gut lernen wie von Linntam und dem Beispiel Estland.
Estland wurde 1991 nach der Annexion durch die Sowjetunion unabhängig. Doch das Verhältnis zu Russland ist angespannt ¬– Cyberangriffen und Desinformation aus Russland sind an der Tagesordnung. Entsprechend früh hat das Land Strategien entwickelt, um diese Bedrohungen abzuwehren.
Peter Stano ist leitender Sprecher für die EU-Außen- und Sicherheitspolitik und für den Europäischen Auswertigen Dienst (EAD) zuständig. Der EAD beobachtet russische Desinformationskampagnen in Europa seit der Annexion der Krim. „Die militärischen Angriffe wurden damals auch von einem Informationskrieg begleitet. Und das dauert immer noch an.“ Russlands Vorgehen wird auch „hybride Kriegsführung“ genannt. Laut Stano haben viele EU-Mitgliedstaaten diese Gefahr lange unterschätzt.
Zur Abwehr von Falschinformation gründete der EAD das Strategische Kommunikationsteam Ost. Es soll russische Desinformationskampagnen identifizieren und darauf reagieren. „Von allen Fällen, die wir seit 2016 beobachten, ist Deutschland das Land, das am meisten von russischen Desinformationskampagnen attackiert wird“, sagt Stano.
Hybride Angriffe sollen destabilisieren und spalten
Erki Varma arbeitet im estnischen Regierungsbüro in der Abteilung für strategische Kommunikation. Seine Aufgabe ist es, Trends in der öffentlichen Meinung zu erkennen und die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung gegen Einflussnahme aufzubauen. Varma kennt die Tricks der russischen Informationsverzerrung. Russland nutze Probleme im Land aus und verstärke diese. „Sei es die Wirtschaft, die Gleichstellung der Ehe, Kriegsflüchtlinge oder jedes andere Thema, das soziale Unzufriedenheit und Spaltung verursacht“, erklärt Varma.
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Die Propagandaklassiker des Kremls: Die russischsprachige Bevölkerung in Estland werde verfolgt, die estnische Regierung sei eine Marionette westlicher Mächte, die Meinungsfreiheit eingeschränkt und Estland ein Schauplatz für die antirussischen Ambitionen der Nato.
Seit dem russischen Angriffskrieg verbreiten sich auch Deepfakes: Stimmen und Gesichter von Politikern werden mit künstlicher Intelligenz nachgeahmt und offizielle Websites mit Falschinformationen nachgebaut, sogenannte Doppelgänger. „Deepfakes, künstliche Intelligenz, das ist etwas, was Desinformationsakteure wirklich begrüßen. Es macht ihre Aktivitäten einfacher, schneller, effizienter und billiger“, sagt Peter Stano.
Maia Klaassen ist Expertin für Desinformation und gesellschaftliche Resilienz an der estnischen Universität Tartu. Laut ihr könne Desinformation nur bekämpft, aber nicht besiegt werden. „Wenn wir einen Kopf abschlagen, wachsen der zweite und dritte.“ Laut Klaassen werde Europa dieses Problem nicht loswerden, umso wichtiger sei es, es dauerhaft zu bekämpfen. Und wirklich konsequent durchzugreifen.
Estlands Strategie mit Desinformation: „Mit Zuckerbrot und Peitsche“
So wie im Frühjahr 2022. Als Russland die Ukraine im Februar angriff, schränkte Estland den Zugang zu über 50 russischen und belarussischen Fernsehkanälen und über 300 Websites ein. „Die Beschränkungen werden mit Kriegshetze und der Verbreitung von Hassreden begründet und stehen im Einklang mit den EU-Sanktionen“, erklärt Varma. Diesen Schritt gingen auch Mitgliedstaaten der EU, darunter Deutschland.
In Estland hilft außerdem ein Netzwerk aus Journalisten und Verbänden wie Propastop und Faktikontroll, Falschinformationen zu finden, aufzudecken und zu veröffentlichen. „Es ist das Beste, die Fälle von Desinformation an die Öffentlichkeit zu bringen, damit allgemein anerkannt wird, dass es ein solches Problem gibt“, erklärt Botschafterin Linntam.
„Man kann die Menschen nicht in einer Nachrichtenwüste zurücklassen“
Kanäle zu sperren, Verbreitung einzuschränken und Desinformation anzuprangern ist nach dem estnischen Ansatz aber nicht genug: „Man kann die Menschen nicht in einer Nachrichtenwüste zurücklassen“, sagt Maia Klaassen. Klaassen meint damit die 21 Prozent der estnischen Bevölkerung, die russisch spricht und seit Februar 2022 nicht mehr auf Nachrichten aus Russland zugreifen kann.
Deshalb fördert die estnische Regierung den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und private, unabhängige Medienhäuser, um Nachrichten und Inhalte auf Russisch zu produzieren. Laut Regierungsberater Varma sei der Anteil der russischsprachigen Bevölkerung, die den Medien der russischen Föderation in Bezug auf den Krieg in der Ukraine vertraut, seitdem von etwa 40 Prozent auf 20 Prozent gesunken. Die Nato-Mitgliedschaft Estlands wird derzeit von 48 Prozent der russischsprachigen Bevölkerung befürwortet, im Vergleich zu 20 Prozent im Februar 2022.
Dass es ausgerechnet in Estland gut gelingt, der russischen Digitalpropaganda Paroli zu bieten, ist auf den ersten Blick wenig verwunderlich. Estland gilt schließlich als digitaler Vorreiter in Europa. „Das Einzige, was Sie nicht digital tun können, ist, online zu heiraten“, sagt Botschafterin Linntam. In der Hauptstadt Tallinn befindet sich außerdem das Zentrum für Cybersicherheit der Nato.
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Dennoch ist Estlands Hauptmaßnahme gegen Desinformation und Propaganda im Netz weitaus weniger technisch als gedacht. „Während wir bessere Regulierung auf den Plattformen einfordern, brauchen wir unsere Bürger an vorderster Front“, erklärt Maia Klaassen das Prinzip hinter der estnischen Strategie. Estland setzt auf die Schulung der Bevölkerung. „In Estland wurde die Förderung der Medienkompetenz seit 2011 in die nationalen Lehrpläne auf allen Schulstufen aufgenommen“, erklärt Regierungsberater Varma. Die Universitäten Tartu und Tallinn bieten Fortbildungskurse für Lehrkräfte an. Nichtregierungsorganisationen unterstützen Geflüchtete bei der Orientierung in der Medienlandschaft. Verschiedene Initiativen, die Nationalbibliothek und der öffentlich-rechtliche Rundfunk bieten kostenlose Kurse für Jugendliche und Erwachsene, um Informationseinflüsse zu erkennen. Jeder Bürger soll sich verantwortlich fühlen, Medien bewusst zu konsumieren; sich eine Sekunde mehr Zeit zu nehmen, um sich zu fragen ob etwas Desinformation oder durch künstliche Intelligenz generiert sein könnte.
Was heißt das für Deutschland?
An der Universität in Tartu gibt es seit letztem Jahr den Master-Studiengang Desinformation und gesellschaftliche Resilienz. Maia Klaassen ist für den Modulplan mitverantwortlich. Die Studierenden aus verschiedenen Ländern sollen sich über die besonderen Ansprüche und Hürden in ihrem Land austauschen und ein Projekt in ihrem Heimatland als Abschlussprüfung durchführen. Klaassen sieht internationale Kooperation als wichtiges Werkzeug gegen Einflussnahme durch Fake News. Bewerbungen aus Deutschland gab es bisher aber keine.
„Ich denke, es wird noch einige Jahre dauern, bis Westeuropa versteht, dass wir in Bezug auf dieses spezielle Thema Kompetenzen und Erfahrungen haben, die sie nicht besitzen und dass sie tatsächlich hierherkommen sollten, um zu lernen“, sagt Klaassen. Immerhin, meint Botschafterin Linntam, steige das Problembewusstsein im Deutschland langsam an. „Es scheint, dass dieses Thema zunehmend auch in deutschen Medien diskutiert wird.“
Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung sehen über 80 Prozent der Befragten in Deutschland Desinformation als ein Problem für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt, 54 Prozent finden, das Thema bekäme noch zu wenig Aufmerksamkeit. Deutschland habe auch einige Projekte gegen Desinformation in Estland mitfinanziert. „Es gibt eine Zusammenarbeit. Ich denke, wir können aber immer noch mehr tun“, so Linntam.
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