Europas KI-Gesetz: „Nur KI kann vor KI schützen“
Nokia-Europachef Rolf Werner.
Foto: PRDie Büchse der Pandora ist offen. Künstliche Intelligenz (KI) lässt sich nicht mehr „abschaffen“. Steigern hingegen sehr wohl: Laut aktueller Erhebung des Statistischen Bundesamtes nutzt etwa jedes achte Unternehmen (12 Prozent) in Deutschland KI – große Firmen häufiger als kleine und mittlere.
Das entspricht nicht dem Potenzial von KI. Deshalb muss das Thema aus der dunklen Mythenecke heraus und der Umgang damit – gerade auch in der öffentlichen Diskussion – sachlich und differenziert stattfinden. Zudem benötigen wir eine international anerkannte und gelebte Grundlage für die Regulierung von KI, damit Unternehmen vertrauensvoll in die Technik investieren können.
Mehr Nutzen, höheres Risiko
Während ein Großteil der Aufmerksamkeit auf der generativen KI und der Fähigkeit von ChatGPT liegt, den menschlichen Sprachgebrauch zu imitieren, hat der Teilbereich des maschinellen Lernens bereits im Stillen Branchen wie Landwirtschaft, Energie, Logistik und Fertigung verändert. Diese „industrielle KI“ hilft Landwirten, ihre Pflanzen zum optimalen Zeitpunkt zu bewässern und dabei weniger Abfall zu produzieren, sie hilft Wartungsarbeitern, Offshore-Windturbinen sicher zu reparieren, und unterstützt Fabrikarbeiter bei der Arbeit mit autonomen Maschinen.
Wir müssen uns allerdings auch des folgenden Dilemmas bewusst sein: Je leistungsfähiger KI wird, desto mehr kann sie uns nutzen – desto größer wird aber auch das Potenzial, ernsthaften Schaden anzurichten.
Kriminelle setzen bereits heute KI ein, um Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen – von Telekommunikations- bis hin zu Stromnetzen – zu verüben. Jeden Tag finden zehntausende Cyberangriffe statt. Sie sind so umfangreich und raffiniert, dass der Mensch allein nicht schnell genug reagieren kann.
Die derzeit besten Schutzmaßnahmen für Kommunikationsnetze sind Softwarelösungen, die KI enthalten. Nur KI kann vor KI schützen.
Wir setzen uns deshalb für eine verantwortungsvolle KI-Entwicklung ein und sind keineswegs gegen ihre Regulierung – allerdings muss diese mit Bedacht geschehen, um Innovationen nicht zu ersticken. Deshalb gilt es, die Regularien für KI so zu gestalten, dass das Wertschöpfungs- und Fortschrittspotenzial der Technologie genutzt werden kann, während gleichzeitig die Möglichkeiten, Schaden anzurichten, begrenzt werden. Ein risikobasierter Ansatz, der auf der Grundlage der jeweiligen Risiken von unterschiedlichen KI-Technologien greift.
Regulierung langsamer als technische Entwicklung
Hinzu kommt: Unterschiedliche regulatorische Herangehensweisen führen zu Verzerrungen im globalen Wettbewerb. Deshalb ist es wichtig, dass die Prinzipien einer Regulierung soweit möglich global angeglichen werden. Das gilt zunächst für die zugrunde liegenden Definitionen, dann für eine gemeinsame Sichtweise auf die von KI ausgehenden Risiken, die durch öffentliche Intervention (Risikobewertung) angegangen werden, bis hin zu gemeinsamen Grundsätzen, wie damit umzugehen ist. Europa könnte hier Pionierarbeit leisten.
Doch die Einführung neuer Rechtsvorschriften auf europäischer Ebene erfordert Zeit – die KI-Entwicklung steht währenddessen nicht still. Deshalb droht die Gesetzgebung vom technischen Fortschritt überholt zu werden. Und so ist es von vorrangiger Bedeutung, zeitnah die erwähnte gemeinsame Basis zu finden – zunächst innerhalb Europas. Auch und gerade, weil die Welt auf Europa blickt und die Chance besteht, dass ein europäischer AI-Act global als Blaupause dient.
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